Show Less

Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

Series:

Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

2. Andreas Gryphius und seine Zeit - 23

Extract

23 2. Andreas Gryphius und seine Zeit 2.1 Die Reformation und ihre politischen Folgen Europa und in besonderem Maße das Römisch-Deutsche Reich standen im 17. Jahrhundert ganz unter dem Eindruck verheerender kriegerischer Auseinandersetzungen. Die frühere Geschlossenheit der christlichen Kir- che war zerbrochen, Europa in mehrere, miteinander konkurrierende Kon- fessionen zerfallen. Der Grundkonsens der Heilswahrheit, wie er noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts bestanden hatte, war aufgekündigt: Daß das ewige Schicksal der Menschen daran hing, daß er religiöse Verdienste erwarb und die Heilsvermittlung der Kirche in Anspruch nahm, war keine allgemein aner- kannte und selbstverständliche Wahrheit mehr. Die Definition Europas als Jurisdiktions- bereich des Papstes war damit erledigt.1 Die Kirche des Mittelalters war unter dem Ansturm der Konfessionalisie- rung zwar nicht zusammengebrochen, musste sich aber in Europa neu konsti- tuieren. Das ‹Christliche› verstand sich nirgends mehr von selbst, sondern war für jeden einzelnen zu einer Aufgabe geworden.2 Ausgehend von religiös-konfessionellen Gegensätzen hatten die Aus- einandersetzungen bald macht- und standespolitische Dimensionen erreicht mit verworrenen, vielfach verschränkten Grenzen, Interessenlagen und Koa- litionen. Politik und Religion waren nicht zu trennen, oft nicht einmal zu unterscheiden. Sie wurden von den Menschen der Frühen Neuzeit nicht als Gegensätze empfunden. Geschichte verstand man als Heilsgeschichte und die zeitliche Gegenwart als Teil ihrer eschatologischen Erfüllung. Das irdische Dasein wurde als Interregnum aufgefasst, das nur solange währte, «bis die Zeit erfüllet war» (Lk 9,51). Die starke endzeitliche Ausrichtung und die immanente Frage nach...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.