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Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

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Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

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3. Der christliche Märtyrer und die Lehre Luthers - 39

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39 3. Der christliche Märtyrer und die Lehre Luthers 3.1 Der Begriff des christlichen Märtyrers In seinem Aufsatz ‹Der Heilige: auf Erden – im Himmel› weist Arnold Angenendt darauf hin, dass der so genannte ‹Heilige Mensch› ein typi- sches Phänomen der Religionen ist und mit den übrigen charakteristi- schen Ausdrucksformen der Religion zur Grundlage der Kultur schlechthin gehört.1 Für das Christentum gilt, dass die Bibel, besonders das Neue Tes- tament, Hinweise und Beschreibungen für heilige Menschen liefert. Hei- lige haben eine nach außen ausstrahlende Kraft. Gottes Heiligkeit erfährt der Mensch im alten Bund als unumschränkte Macht, die sowohl lebens- stiftend als auch lebensvernichtend ist, die als Segen oder Fluch, als Gnade oder Zorn erfahren werden kann.2 Wenn der Gläubige ausruft: «Wer kann vor diesem heiligen Gott be- stehen?»3 lautet die implizierte Antwort: Der Mensch muss selbst heilig werden. Regeln, Verfahren und Mechanismen stellen im Alten Testament die geforderte Heiligkeit her. Von größter Wichtigkeit ist die ethische Bin- dung der menschlichen Heiligkeit.4 So erhält das Wort sanctus im Spät- latein die Bedeutung der ‹sittlichen Reinheit› und wird in dieser Version von den Christen übernommen. Heiligkeit ist für sie in besonderem Maße ‹ethische Heiligkeit›, die sich allein an Gott ausrichtet: «Wie er, der euch berufen hat, heilig ist, so soll auch euer ganzes Leben heilig werden. Denn es heißt in der Schrift: Seid heilig, denn ich bin heilig.» (1. Petr 1,15) Versöhnung, Feindesliebe, Gewaltverzicht...

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