Show Less

Vom neuen, gerechten, freien Menschen

Ein Paradigmawechsel in Andreas Gryphius’ Trauerspielzyklus

Series:

Heinz-Werner Radtke

Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges schrieb Andreas Gryphius fünf Trauerspiele, in denen den Titelhelden Widersacher gegenübergestellt sind, durch die sie qualvoll zu Tode kommen. Deshalb haben sich alle Interpreten bis heute dazu verleiten lassen, in den meisten Protagonisten Märtyrer zu sehen. Bei genauer Textanalyse zeigt sich jedoch, dass Gryphius keine heiligen Märtyrer gezeichnet hat: Alle christlichen Helden haben schweres Unrecht begangen. Sie starben zudem nicht für ihren Glauben, sondern aus anderen, zumeist politischen Gründen.
Stattdessen hat der überzeugte Lutheraner Gryphius ein neues Idealbild gezeichnet, den bekehrten Christen protestantischer Prägung. Im habsburgisch beherrschten Schlesien mussten im Zeitalter der Gegenreformation versteckte Hinweise auf Luthers Theologie genügen, um im Text die protestantische Ausrichtung zu markieren. Die einheitliche lutherische Idealfigur lässt so Gryphius’ Trauerspiele als einen zusammenhängenden Dramenzyklus erscheinen.

Prices

Show Summary Details
Restricted access

6. Leo Armenius -141

Extract

141 6. Leo Armenius Leo Armenius bildet den Auftakt zu einer Reihe von Trauerspielen, deren Helden Fürsten oder ihnen gleichgestellte Personen sind. Ihnen kontras- tiv gegenübergestellt sind ihre Widersacher, die ihnen nach dem Leben trachten. Leo trifft auf Michael Balbus, seinen General, der ihm den Kai- serthron streitig macht. Leo Armenius, Oder Fürsten-Mord Trauerspiel1 schrieb Andreas Gryphius 1646/47, als er nach seiner Rückkehr aus Italien län- gere Zeit in Straßburg verbrachte. Der Erstdruck bei Caspar Dietzel konnte nicht fertig gestellt werden, so dass der Frankfurter Johann Hüttner den Druck fortsetzte und das Werk ohne Wissen des Dichters 1650 herausgab. Die erste legitimierte und mit einem Widmungsgedicht an Wilhelm Schle- gel versehene Ausgabe erschien 1657. Die historischen Vorgänge sind in den Büchern der Geschichtsschrei- ber Johannes Zonaras und Georgios Cedrenus aufgezeichnet. Zur Bear- beitung dieses Stoffes wurde Gryphius durch das Trauerspiel des Jesuiten Joseph Simon animiert. Simon wandte sich gegen Tyrannei und Tyrannen- mord. Diese Auffassung teilt Gryphius, wendet sich aber gegen Simons Ge- schichtsverständnis, der den Tod Leos als gerechte Strafe für seine ikono- klastische Haltung darstellt. Gryphius folgt nach Mannack dagegen Luthers Kreuzestheologie.2 Das Leiden und der Tod seien Ausdruck des willigen Glaubensgehorsams. Im Drama finden sich Anklänge an holländische und griechische Trauerspiele, wie zum Beispiel an Vondels Gysbregt van Aemstel und an So- phokles’ Antigone in der Übersetzung von Opitz. Besonderen Einfluss hat- ten offensichtlich die Straßburger Gelehrten, mit denen Gryphius bekannt war. Der...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.