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Wenn Saturn seine Kinder frisst

Kinderhexenprozesse und ihre Bedeutung als Krisenindikator

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Nicole Janine Bettlé

Während rund vier Jahrhunderten verfolgten geistliche und weltliche Gerichte angebliche Hexen, unter aktiver Mitwirkung der Bevölkerung. Aber nicht nur Erwachsenen machte man vom 15. bis ins frühe 18. Jahrhundert den Prozess. Auch zahlreiche Kinder, deren genaue Anzahl von der Wissenschaft bisher nicht ermittelt worden ist, wurden wegen Zauberei- und Hexereidelikten angeklagt und hingerichtet. Über vierhundert dieser Fälle werden in dieser Untersuchung erstmals zusammenfassend dargestellt und einer detaillierten Analyse unterzogen. Dabei stehen die Strafverfahren der Schweizer Hexenkinder, die nach langer Tabuisierung auf diese Weise Eingang in die moderne Forschung finden, im Mittelpunkt der Untersuchung. Unter Einbezug von Kultur- und Mentalitätsgeschichte der damaligen Zeit wird am Beispiel der «Hexenkinder» folgenden Fragen nachgegangen: Unter welchen soziokulturellen, demografischen sowie ökonomischen Bedingungen bzw. aufgrund welcher religiösen und rechtspolitischen Vorbilder ist eine Gesellschaft bereit, Angehörige der Nachfolgegeneration zu opfern? Und welche Mechanismen bestimmen ursächlich dieses Verhalten, das epochenübergreifend in Erscheinung tritt, obwohl es doch den Prinzipien der Menschlichkeit widerspricht und zudem die Erhaltung der Art gefährdet?

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IV. Kinderhexenprozesse in Europa und der Neuen Welt - 281

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281 IV. Kinderhexenprozesse in Europa und der Neuen Welt 4.1 Einführung 4.1.1 Forschungsstand Der Analyse geht bekanntlich das Sammeln von Fakten voraus. Im Fall der Kinderhexen wurde die erste Hauptphase der Erkenntnisgewinnung jedoch übergangen. In den 1970er Jahren war auch E. W. Monter noch davon überzeugt, dass die Kinderhexenprozesse nur eine Minderheit der Hexenverfahren dargestellt und im Grunde keine grosse Rolle gespielt hätten.1 Ungefähr zur selben Zeit begann man, Hexenprozesse und Hexen- glauben auf Mikroebene zu untersuchen. Seither hat sich dieses Prinzip fast in sämtlichen Arbeiten durchgesetzt. Gesamtdarstellungen wurden Mangelware und im Falle der Kinderhexen existieren sie überhaupt nicht. Hinzu kommt, dass in den jüngsten Beiträgen die Hexenkinder zwar wieder öfter von den Forschern/Innen in ihren Arbeiten aufgeführt aber auch mit unzureichenden Erklärungsversuchen versehen werden. Dies hat zu dem bedauerlichen Umstand geführt, dass aufgrund einzelner Fälle Theorien aufgestellt werden, die man nicht ohne weiteres verifizieren oder falsifi- zieren kann. Mit Blick auf weitere Kinderhexenprozesse bestätigt sich erneut, dass es sich bei den Gerichtsverfahren gegen Kinder keineswegs um einen Ne- benschauplatz der Hexenverfolgungen gehandelt hat. Der heutigen Wissen- schaft sind einige, teilweise sehr spektakuläre Kinderprozesse bekannt: Navarra (um 1527), Essex (1560–1640), Darmstadt (1582), Rothenburg ob der Tauber (1587–1709), Warboys (1589–1593), Bobingen (1590), Baskenland (1608–1612), Lancashire (1604, 1612–1613, 1634), Limburg (1613), Württemberg (1614–1752), Augsburg (1625–1730), Würzburg (1627–1631), Reutlingen (1628, 1660, 1665), Bamberg (1629), Rosenheim (1629), Wertheim (1629–1644), Friedberg, Kranzberg...

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