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Theorie²

Potenzial und Potenzierung künstlerischer Theorie

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Eva Ehninger and Magdalena Nieslony

Mit den Begriffen «Potenzial» und «Potenzierung» lassen sich zwei Momente fassen, die die theoretische Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern ebenso wie die kunstwissenschaftliche Arbeit über diese Theorieproduktion beschreiben. Das Potenzial künstlerischer Theorie für die Kunstwissenschaft wird in jenem Moment evident, in dem man sich darauf einigt, dass die häufig verwendete Gegenüberstellung von künstlerischer Theorie und Praxis nicht überzeugt, insofern Theorie Teil einer künstlerischen Praxis sein, und künstlerische Praxis umgekehrt theoretischen Impetus tragen kann. Mit der Potenzierung künstlerischer Theorie ist die Tatsache beschrieben, dass die Verschränkung von Theorie und Praxis im Laufe der Moderne und verstärkt nach 1960 selbst zum künstlerischen Format geworden ist. Die hier versammelten Aufsätze diskutieren diese Phänomene und die Problematik des Umgangs mit künstlerischer Theorie – eine grundlegende methodische Frage der Kunstwissenschaft. Sie nehmen diesbezüglich exemplarische künstlerische Positionen seit der klassischen Moderne bis in die Kunst der Gegenwart in den Blick.

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Praktizierte Theorieskepsis 87

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Praktizierte Theorieskepsis Theorie nach Kunst – Kunst nach Theorie? Zur Praxis der Selbstreflexion bei Paul Klee GREGOR WEDEKIND Die Frage nach Funktion und Stellenwert der Theorie für das künstle- rische Werk von Paul Klee verlangt eine Bestandsaufnahme. Was kann als künstlerische Theoriebildung bei Paul Klee gelten? Es liegt nahe, diese Frage zunächst an seine schriftlichen Hinterlassenschaften zu richten. Klees erster explizit theoretischer Text erschien 1920 in dem von Kasimir Edschmid herausgegebenen Sammelband Schöpferi- sche Konfession.1 Die Aufforderung des Herausgebers an verschiede- ne Schriftsteller und Künstler, über das eigene künstlerische Tun zu schreiben, nutzte Klee, um eine Abhandlung über „Graphik“ zu ver- fassen, wie er seine schöpferische Konfession intern im Briefwechsel mit seiner Frau betitelte.2 Darin finden sich Aussagen, die als zentrale Überzeugungen des Künstlers gelten können und in Form isolierter Zitate später große Verbreitung gefunden haben: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“3; „Bewegung liegt allem Werden zugrunde“4; in der heutigen Kunst werde „die Relativität der sichtbaren Dinge offenbar“ und „dabei dem Glauben Ausdruck verlie- hen, dass das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist, und dass andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind.“5 Und abschließend heißt es: „Kunst verhält sich zur Schöpfung gleich- nisartig. Sie ist jeweils ein Beispiel, ähnlich wie das Irdische ein kos- misches Beispiel ist.“6 1 KLEE 1920. Wiederabgedruckt in KLEE 1976, S. 118–122. 2 Im Konzept entstand der Aufsatz...

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