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Dinge, die die Welt bewegen

Zur Kohärenz im frühneuzeitlichen Prosaroman

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Martina Oehri

Dinge bewegen die Welt frühneuzeitlicher Prosaromane. Sie werden getauscht, verschenkt, gehen verloren und werden gefunden. In der Melusine wird eine tafel mit der ganzen Familiengeschichte gefunden, Fortuna schenkt Fortunatus im gleichnamigen Roman einen glücksseckel, in der schönen Magelona werden ringe genutzt, um die adlige Herkunft zu beglaubigen, und im Gabriotto und Reinhart dienen rosen Liebenden als heimliches Liebeszeichen. Werden diese Dinge in die Lektüre und Analyse der frühen Prosaromane einbezogen, so zeigt sich, dass ihr Aufbau keineswegs simpel und alleine vom Ende her bestimmt ist, wie ihnen oft vorgeworfen wird, sondern dass diese frühen Romane ganz einfach mit einem anderen Kohärenzsystem arbeiten als mit jenem, welches uns von den hoch artifiziellen höfischen Romanen der hochmittelalterlichen Blütezeit oder von modernen Romanen vertraut ist. In der Auseinandersetzung mit der Melusine, dem Fortunatus, der schönen Magelona und dem Gabriotto und Reinhart zeigt sich, dass jeder dieser Romane auf seine ganz eigene Art und Weise Dinge nutzt, um verschiedene Handlungswelten zu verbinden und Kohärenz herzustellen.
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5. Kohärenz im Prosaroman – Übergang und Kontinuität

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Einleitend wurde postuliert, dass Prosaromane von der mediävistischen Forschung lange Zeit unterschätzt wurden637 und sie gerade nicht mit einem Kohärenzmodell, wie es in der realistischen Erzähllogik des 19. Jahrhunderts etabliert wurde, arbeiten,638 sondern eine ganz andere Art der Kohärenzerzeugung verwenden: Objekte.639 Gegenständlichkeit und Sichtbarkeit hat in mittelalterlicher Tradition eine konstitutive Bedeutung, sowohl im gesellschaftlichen Zusammenleben wie auch in der Literatur.640 Dass frühneuzeitliche Texte dies nutzen, um Kohärenz zu erzeugen, wurde in der bisherigen mediävistischen Forschung aber kaum beleuchtet. Die vorgeführten exemplarischen Analysen der Objekte sollen einen Anstoss geben, jene Dinge, die die Welt (der Protagonisten) bewegen, vermehrt in Betrachtungen der Texte einzubeziehen.

Um Objekte für Kohärenzüberlegungen fruchtbar zu machen, muss zunächst definiert werden, inwiefern Objekte sich von anderen, gewöhnlichen Dingen der Handlungswelt unterscheiden. Leitendes Stichwort der Objektdefinition, wie sie den Analysen zugrunde gelegt wurde, kann mit ‚bewegend‘ beschrieben werden. Es konnte beobachtet werden, wie Objekte nicht einfach Handlungen in Gang setzen, sondern bewegend auf Protagonisten, Ereignisse, Zeit und Raum wirken und metonymische Verweise und thematische sowie paradigmatische Verdichtungen ← 255 | 256 → erzeugen. Objekte umspielen also Grenzen, beispielsweise jene zwischen Subjekt und Objekt aber auch zwischen haptisch und sinnlich Wahrnehmbarem. Sie metonymisieren Personen und komplexe Prozesse, lassen dadurch dieselben bzw. deren Verhandlung anwesend werden und überbrücken und vermitteln zwischen Distanzen – lokaler, temporaler oder sozialer Art.641

Metonymisches Erzählen wurde in vorliegender Untersuchung in Anlehnung an die strukturalistisch-semiotischen Ansätze...

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