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Tier im Text

Exemplarität und Allegorizität literarischer Lebewesen

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Hans Jürgen Scheuer and Ulrike Vedder

Ob Tiere als Begleiter des Menschen oder als seine Gegenspieler die Literatur bevölkern, ob sie als Exempel, Symbole oder Allegorien eingesetzt werden, ob sie sprachlos oder sprechend leiden und agieren, ob sie gänzlich unabhängig in eigenen Lebens- und Zeichenwelten situiert werden oder als monströse und phantastische Kompositwesen selbst solche verkörpern. In literarischen Texten sind Tiere stets mehr und anderes als nur stumme Elemente einer realen oder fiktiven Welt.
Die Vielfalt der Funktionen des «Topos Tier» steht im Zentrum dieses Bandes, dessen Textcorpus von mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Literatur bis ins 21. Jahrhundert reicht und dessen Beiträge der Faszination literarischer Lebewesen aus verschiedenen Blickwinkeln – gattungs- und wissensgeschichtlich, psycho- und diskurshistorisch, gendertheoretisch und poetologisch – nachgehen.
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Drachen: Begegnungen im Mittelalter und in der Moderne

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ASTRID LEMBKE

Drachen

Begegnungen im Mittelalter und in der Moderne

Drachen trifft man gegen Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Europa oder in den USA meist entweder in der Kinder- und Jugendliteratur oder in Büchern, Filmen und TV-Serien an, die sich im weitesten Sinn dem Fantasy-Genre zurechnen lassen. Begegnungen zwischen Drachen und Menschen verlaufen in diesen modernen Werken oft harmonisch. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Drachen selbst als Protagonisten auftreten, wie etwa in der italienischen Zeichentrickserie Draghetto Grisú aus den 1970er Jahren. Doch auch Geschichten, die aus der Perspektive menschlicher Protagonisten erzählt werden, handeln oft von freundschaftlichen, manchmal sogar geradezu symbiotischen Beziehungen zwischen Drachen und Menschen.

In einem wissenschaftlichen Kontext konstatierte zuletzt Timo Rebschloe, dass der Drache in der Moderne „in der Summe zu einer freundlicheren, positiveren Figur wird, als er es über die Jahrhunderte der Opposition gegen den Helden war“.1 Dass Beziehungen zwischen Drachen und Menschen in der Gegenwartskultur mitunter als kooperativ, partnerschaftlich und sogar intim in Szene gesetzt werden, ist keineswegs selbstverständlich. Denn in antiken und mittelalterlichen europäischen Erzählungen verlaufen Begegnungen zwischen Drachen und Menschen – bis auf wenige Ausnahmen – stets antagonistisch und konfrontativ. Die Aufgabe der menschlichen Protagonisten besteht hier meist darin, den Drachen aus der Gegenwart der Menschen zu entfernen. Zugleich werden jedoch auch in der Vormoderne Drachen und Menschen keineswegs als absolut gegensätzlich gedacht: Menschliche Helden nehmen oft Merkmale ihrer besiegten Gegner an. Drachenhafte...

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