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Den Himmel öffnen …

Bild, Raum und Klang in der mittelalterlichen Sakralkultur

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Edited By Therese Bruggisser-Lanker

In seiner ersten Übersetzung der Artes-liberales-Enzyklopädie des Martianus Capella hat Notker der Deutsche aus dem Kloster St. Gallen um das Jahr 1000 festgehalten, dass die freien Künste dem Menschen den Himmel öffnen. Zu ihnen gehörte auch die Musik, die ihren letzten Sinn aus der Analogie zur vollkommenen Harmonie der zahlhaften Struktur des Kosmos bezog, dem konstitutiven Prinzip absoluter Schönheit und Ausgewogenheit. Im Akt des anagogischen Aufstiegs zur höchsten und innersten Wahrheit – ausgehend von der Wahrnehmung im Sinnesvermögen – prägte sich in der Meditation der göttlichen Geheimnisse im inneren Hören und Sehen ein Ethos aus, das als Seelenbildung den ganzen Menschen erfassen sollte. Die künstlerischen Ausdrucksformen dienten dazu, unter Wahrung der Transzendenz dem Göttlichen eine mediale Präsenz im Diesseits zu verleihen, die sich in der Ästhetik des Ritus wie der Architektur und Ausstattung der Kirche verdichtete. Dieser Bedeutungsraum der Andacht spiegelt das geistige Sinngebäude des Mittelalters, das sich vom Irdischen zum Himmlischen weitet und das Erschaffene auf das Ewige hin transparent macht.
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Vorwort

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Im Rahmen der Ausstellung «Geheimnisse mittelalterlicher Handschriften» der Stiftsbibliothek St. Gallen veranstaltete die Schweizerische Musikforschende Gesellschaft im November 2008 eine interdisziplinäre Tagung unter dem Titel «Den Himmel öffnen… – Bild und Klang als Medien zum Heil». Thema waren die Ausdrucksformen spätmittelalterlicher Frömmigkeit, die sich in Schrift, Bild oder Klang manifestieren und als Phänomene der Heilsvermittlung faszinierende Einblicke in die imaginären Denk- und Gefühlsräume des Mittelalters erlauben. An dieser Stelle gelangen nun damals gehaltene Vorträge zur Veröffentlichung, ergänzt mit einem Text des Architekturhistorikers Jens Rüffer zur Wahrnehmung des Kirchenraums, mit dem eine wichtige Deutungsebene hinzugewonnen werden konnte: Denn der Himmel wird in seiner Transzendenz gleichsam als innerer Resonanzraum erfahren, wofür das Gotteshaus, seine mit den Figuren der Heiligen Schrift bemalten Wände und Altartafeln wie der darin vollzogene Ritus mit dem liturgischen Gesang in ihrer ästhetischen Ausgestaltung das irdische Äquivalent bildeten.

Die kulturelle Bedeutung dieser religiösen Erlebniswelten kann nicht genug hervorgehoben werden, beeinflussten sie doch noch über Jahrhunderte das Denken und die Vorstellungsmodi der Theologen, Philosophen wie der Künstler und Baumeister. Es war vor allem die Lichterscheinung – als sinnliches wie geistiges Sehen und als akustische Erscheinung in Wort und Ton – die nach den Zeitzeugnissen das Herz durch die Nähe zu Gott mit unaussprechbarer Freude erfüllte, eine affektive Wirkung, die nicht mehr sprachlich einzuholen war und daher als Mysterium tremendum et fascinosum (Rudolf Otto) die irrationale Seite, die Wunder des Glaubens versinnbildlichte. Doch auch die...

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