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Den Himmel öffnen …

Bild, Raum und Klang in der mittelalterlichen Sakralkultur

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Edited By Therese Bruggisser-Lanker

In seiner ersten Übersetzung der Artes-liberales-Enzyklopädie des Martianus Capella hat Notker der Deutsche aus dem Kloster St. Gallen um das Jahr 1000 festgehalten, dass die freien Künste dem Menschen den Himmel öffnen. Zu ihnen gehörte auch die Musik, die ihren letzten Sinn aus der Analogie zur vollkommenen Harmonie der zahlhaften Struktur des Kosmos bezog, dem konstitutiven Prinzip absoluter Schönheit und Ausgewogenheit. Im Akt des anagogischen Aufstiegs zur höchsten und innersten Wahrheit – ausgehend von der Wahrnehmung im Sinnesvermögen – prägte sich in der Meditation der göttlichen Geheimnisse im inneren Hören und Sehen ein Ethos aus, das als Seelenbildung den ganzen Menschen erfassen sollte. Die künstlerischen Ausdrucksformen dienten dazu, unter Wahrung der Transzendenz dem Göttlichen eine mediale Präsenz im Diesseits zu verleihen, die sich in der Ästhetik des Ritus wie der Architektur und Ausstattung der Kirche verdichtete. Dieser Bedeutungsraum der Andacht spiegelt das geistige Sinngebäude des Mittelalters, das sich vom Irdischen zum Himmlischen weitet und das Erschaffene auf das Ewige hin transparent macht.
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Das innere Gespräch mit Gott

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← 34 | 35 →GABRIELA SIGNORI

Wie kan man bildlos gebilden unde wiselos bewisen, daz úber alle sinne und úber menschlich vernunft ist? Wan waz man glichnist dem git, so ist es noh tusentvalt ungelicher, den es glich sie.1

Wie läßt sich, fragt der Dominikaner Heinrich Seuse († 1366), das Unfaßbare fassen, das Unbeschreibbare beschreiben? Wie kann man das genuin Bildlose vergegenwärtigen, vergegenständlichen, bildhaft und damit anschaulich machen? Seuse findet in der Tradition der «mystischen Theologie» keine Antwort:2 Bilder, Sprachbilder, Metaphern und Metonymien waren für ihn bestenfalls Hilfsmittel, unzulänglich und doch unverzichtbar im Gespräch zwischen Mensch und Gott. Die Distanz bzw. die Differenz läßt sich mit ihnen aber nicht überbrücken. Das Unbeschreibbare bleibt folglich unbeschreibbar. Gegen eine solch ‹pessimistische› Sicht der Dinge bzw. Bilder sprechen – könnte man meinen – die unzähligen spätmittelalterlichen Bildwerke, die trotz Bildersturm die heutigen Museen und Archivdepots dies- und jenseits der Alpen füllen. Aber wollen oder sollen Bilder wirklich das Unsichtbare sichtbar machen, wie 825 auf dem Konzil von Lyon postuliert?3 Oder, in den Worten Erwin Panofskys (1892–1968) formuliert, ← 35 | 36 →geht es der mittelalterlichen Kunst tatsächlich darum, Spirituelles in körperliche Metaphern respektive Bilder zu kleiden?4 Für die mittelalterlichen ‹Bildtheoretiker› stellte sich das Problem etwas anders. Sie interessierten sich zunächst für Gattungsfragen und unterschieden schematisch zwischen Stand- und Historienbildern, unabhängig vom jeweiligen Bildträger.5 Unter Historienbildern wurden Bilder verstanden, die im ursprünglichen...

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