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Den Himmel öffnen …

Bild, Raum und Klang in der mittelalterlichen Sakralkultur

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Edited By Therese Bruggisser-Lanker

In seiner ersten Übersetzung der Artes-liberales-Enzyklopädie des Martianus Capella hat Notker der Deutsche aus dem Kloster St. Gallen um das Jahr 1000 festgehalten, dass die freien Künste dem Menschen den Himmel öffnen. Zu ihnen gehörte auch die Musik, die ihren letzten Sinn aus der Analogie zur vollkommenen Harmonie der zahlhaften Struktur des Kosmos bezog, dem konstitutiven Prinzip absoluter Schönheit und Ausgewogenheit. Im Akt des anagogischen Aufstiegs zur höchsten und innersten Wahrheit – ausgehend von der Wahrnehmung im Sinnesvermögen – prägte sich in der Meditation der göttlichen Geheimnisse im inneren Hören und Sehen ein Ethos aus, das als Seelenbildung den ganzen Menschen erfassen sollte. Die künstlerischen Ausdrucksformen dienten dazu, unter Wahrung der Transzendenz dem Göttlichen eine mediale Präsenz im Diesseits zu verleihen, die sich in der Ästhetik des Ritus wie der Architektur und Ausstattung der Kirche verdichtete. Dieser Bedeutungsraum der Andacht spiegelt das geistige Sinngebäude des Mittelalters, das sich vom Irdischen zum Himmlischen weitet und das Erschaffene auf das Ewige hin transparent macht.
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Raumerfahrung und Raumwahrnehmung im Mittelalter

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← 56 | 57 →JENS RÜFFER

Es gibt nur wenige überlieferte Beschreibungen, die sich auf reale, heute noch erhaltene Räume beziehen, sodass die Vorgehensweise der Autoren, ihre Strategien der Raumerfassung und die Baubeschreibung analysiert und mit dem Referenzobjekt verglichen werden können. Zu den wichtigsten Texten zählen Prokops († um 562) Beschreibung der Hagia Sophia,1 die Hinweise, die Suger von St-Denis († 1151) zu seinen Neubauprojekten, dem Westbau und dem neuen Chor seiner Abteikirche, hinterließ,2 die um die Mitte des 12. Jahrhunderts entstandene Beschreibung der Jakobuskirche von Santiago de Compostela aus dem Codex Calixtinus3 und schließlich der Text des Gervasius von Canterbury, in dem dieser den Neubau des Chores seiner Klosterkirche nach dem Brand von 1174 beschrieb und der im Folgenden den Gegenstand der Analyse bildet. Gervasius’ Text ist aus mehreren Gründen besonders interessant. Der Autor ist bemüht, die Kontinuität bzw. Tradition der liturgischen Orte zu betonen, in dem er eine ältere Beschreibung von Eadmer integrierte, aber auch den Lanfranc-Bau erläuterte, um so die Wahrung der Traditionen trotz des Wandels der äußeren Formen, nämlich der baulichen Hülle, belegen zu können. Aus der Beschreibung wird zweitens das methodische Vorgehen von Gervasius in der Raumerfassung deutlich. Er benutzte eine memorialtopographische Erzählstrategie, die die physischen Räume teilweise negiert. Darüber hinaus vermied der Autor jede Form von Allegorisierung architektonischer Elemente sowie des Kirchengebäudes als Ganzem. Diese Strategie ist aber keineswegs blind für ← 57 | 58 →die ästhetischen Innovationen,...

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