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Traumsommer und Kriegsgewitter

Die politische Bedeutung des schönen Sommers 1914

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Matthias Bode

Im kollektiven Gedächtnis sind die Julikrise 1914 und das Augusterlebnis mit Sonne, Hitze und Ferienglück verbunden. Auf einen Traumsommer sei der Krieg wie ein Gewitter gefolgt. Basierend auf meteorologischen Daten, zeitgenössischen Quellen sowie retrospektiven Deutungen zeigt der Autor das Verhältnis zwischen Topos und Realität auf. Das Wettergeschehen während der Julikrise kann zwar mit dem „reinigenden Gewitter" durchaus in Einklang gebracht werden, aber erst das Sommerwetter im August hat die euphorische Herausstellung des „Augusterlebnisses" nachhaltig unterstützt. Die retrospektive Deutung von „Traumsommer" und „Kriegsgewitter" bildet so die Grundlage, argumentativ die schicksalsergebene Unschuld gegenüber einer Naturkatastrophe zu betonen. Der Autor untersucht, wie sich Strategien der Rechtfertigung und der Schuldzuweisung am Umgang mit dem Topos nachweisen lassen.

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7. Naturalisierung des Kriegsbeginns?

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7.  Naturalisierung des Kriegsbeginns?

7.1  Erzählung und Erinnerung in der Weimarer Republik

Die Niederlage und die Revolution im Herbst 1918 waren Erfahrungen, die für größere Teile des deutschen Bürgertums allen Grund gaben, sich des Sommers 1914 als rosige Zeit zu erinnern. Hinzu kam der Alleinschuldartikel des Versailler Vertrages, der von erheblichen Teilen der deutschen Öffentlichkeit als demütigende Unwahrheit empfunden wurde. Letztlich bestand zwischen den klimatischen Bedingungen von Kriegsbeginn und Kriegsende ein ebenso großer Kontrast wie zwischen dem Kaiserreich und der neuen Republik. Carl Zuckmayer zog ausweislich seiner Memoiren an einem „hellen Morgen“ in den Krieg und kehrte „an einem nebligen Novembertag“ zurück.625 Folglich schrieben Autorinnen und Autoren auch nach dem Ersten Weltkrieg den „Sommertraum“ fort.626 Wie stark das Klima des Kriegsbeginns in der Erinnerung der Zeitgenossen verankert war, bestätigte auch der scharfzüngige Kritiker Kurt Tucholsky:

„Ein Deutscher, der vor dem Kriege in Frankreich ansässig war und im August 1914 die Grenze überquerte, hat mir geschildert, wie die Kriegsstimmung jenseits und diesseits des Rheins aussah. ‚Sie besinnen sich‘, sagte er, ‚auf diese merkwürdig heißen, drückend schwülen Julitage. Die Luft lastete, Staub wirbelte allerorten auf, ohne dass das erlösende Gewitter kam. Es war, als ob einer den Atem anhielte. Dann grollte es. Durch Frankreich ging ein stummer Schrei. Keiner wollte es glauben.‘“627

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