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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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4. Zum Streit um das richtige Verständnis der Natur der Tumorviren

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4. Zum Streit um das richtige Verständnis der Natur der Tumorviren

In dem seinerzeit ausgetragenen Streit ging es zunächst um die Frage, ob aus Geschwulstgewebe gewonnenen Filtraten überhaupt eine krebsbildende Wirkung zugesprochen werden könne (1). Es gab eine Reihe von Forschern, die davon überzeugt waren, die Wirkungslosigkeit von Filtraten nachgewiesen zu haben, so dass sie es schon deshalb nicht für geboten hielten, überlieferte theoretische Standorte zu räumen. Grundlegende Korrekturen schienen aber, wie oben dargetan, genauso wenig angebracht zu sein, als sich dann beide einander bekämpfenden Parteien wohl in der Auffassung trafen, dass den Filtraten tumorerregende Wirkungen zuerkannt werden müssten. Das heißt, man räumte eine krebsbildende Wirkung dessen ein, was sich durch die Filterporen hatte drücken lassen, was jedoch nicht bedeutete, dass man auch eine grundlegende Revision jenes Paradigmas für geboten hielt, dem man sich verpflichtet fühlte. Die Filtrate wurden so gedeutet, dass sich die Wirkungen nach Maßgabe des jeweiligen Standpunktes erklären ließen, das heißt, die Positionen wurden nur insoweit modifiziert, dass sie mit den neuen Entdeckungen als durchaus verträglich erschienen. So fielen die Abwandlungen ganz gegensätzlich aus, je nachdem, ob man von diesem oder jenem Konzept ausgehend die Idee erörterte, dass es sich bei den Filtraten um etwas Krebs Verursachendes handele. Die zellpathologisch argumentierende Partei deutete die tumorbildende Kraft dieser Substanzen so, dass die Filtration gar nicht für den Ausschluss von Körperzellen-Übertragungen gesorgt habe, wie von den Experimentatoren behauptet worden sei. Die Forscher hätten sie nur nicht bemerkt.213 Man verwies auch darauf, dass es ganz kleine Zellen gebe, für die die Porenweite der verwendeten Filter kein Passagehindernis bedeute. Jene Partei hingegen, die an der Existenz von krebsverursachenden Mikroorganismen festhielt, führte den Gedanken ein, dass es sich bei den Krebserregern durchaus um Mikroben handele, doch seien sie so winzig, dass sie die Poren der verwendeten Filter hätten passieren können. Dass selbst so winzige Agenzien noch als belebt angesprochen werden sollten, wurde auch damit begründet, dass sie in artfremden Tierkörpern ihre serologische Spezialität bewahrten und sich vermehrten ← 87 | 88 → und damit zwei Kriterien genügten, nach denen etwas als lebendige Substanz behauptet werden durfte.214

Die Auseinandersetzung erstreckte sich im Weiteren auf eine Ebene, wo die einander gegenüberstehenden Seiten nicht mehr bestritten, dass es sich bei den Filtraten um ein Agens mit subzellulären Dimensionen handele, worin man seinerzeit etwas gesehen hatte, das Viren auszeichnen würde. Doch konnte man nicht zu einer gemeinsamen Auffassung darüber gelangen, worin die Natur der tumorerregenden Viren besteht (2). „Über das eigentliche Wesen der Viren sind wir noch ungenau unterrichtet. Es erhebt sich immer wieder die Frage“, so Schramm 1942, „ob es sich dabei um lebende Organismen handelt oder um chemische Wirkstoffe. Wenn sich ein Unterschied zwischen chemischen Molekülen und Organismen finden lässt, so besonders der, dass ein chemisch reiner Stoff aus einer Menge gleicher Einzelteilchen besteht, die durch eine chemische Formel zu beschreiben sind, dass ein Organismus aber eine variable Zusammensetzung hat, deren Erfassung durch eine Formel nicht möglich ist.“215 Auch in diesen Streit wurden letztlich mikrobentheoretisch oder zellpathologisch begründete Argumente in die Erklärung der Geschwulstentstehung einbezogen: Die erstgenannte Partei der Krebsforscher verstand unter dem Virus einen von außen in die Zellen eindringenden Erreger, was der verbreiteten Ansicht entgegenkam, dass sich ein Virus in seiner Rolle als Krankheitserreger, der von einem Organismus auf einen anderen übertragen werden und sogar zu Epidemien führen könne, nicht wesentlich von Bakterien unterscheiden würde. Virus sei kein wissenschaftlich begründeter biologischer Begriff, wie bisweilen geglaubt werde, „sondern nur eine methodisch bedingte Sammelbezeichnung“, wie G.Seiffert 1938 behauptete.216 Hingegen war es für die Gegenpartei klar, dass das Virus von zellinternen Vorgängen herrührte.

Es fanden aber auch Auseinandersetzungen statt, in denen der Viruscharakter dessen, was Krebs hervorruft, grundsätzlich in Frage gestellt wurde. Dass schier endlos darum gestritten wurde, wie denn nun die Natur des Geschwulstvirus aufzufassen sei, führte bei einer Reihe von Forschern dazu, die Relevanz eines Viruskonzeptes zur Erklärung der Geschwulstherkunft generell für fragwürdig zu halten (3). Auch später verhielten sich manche Krebsforscher zum Viruskonzept ← 88 | 89 → ungeachtet seiner Fortentwicklung äußerst skeptisch. So führte R.Dulbecco 1960 auf einer Tagung aus: “On the basis of the experimental evidence and of these considerations (er bezog sich auf Betrachtungen, wonach Tumorviren dem Chromosomensystem einverleibt und danach verschwinden würden; ihnen fiele demnach keine eigenständige Rolle bei der Geschwulstverursachung zu – K.L.) a ‘viral theory‘ of cancer appears to be, at the present time, experimentally unsupported, and theoretically unnecessary.”217

Forscher, in deren Vorstellung die aus Geschwulstsaft gewonnenen Filtrate mit etwas Lebendigem verbunden waren, sahen sich auch mit Fachgenossen konfrontiert, die der Theorie der somatischen Mutation folgten, welche das Augenmerk auf erbliche Veränderungen von Zelleigenschaften lenkte (4). Diese Theorie und das Viruskonzept waren, wie P.Michaelis 1948 urteilte, die seinerzeit „wichtigsten Theorien der Krebsentstehung.“218 Sie erlaubten, so Andrewes Anfang der 1950er Jahre, “to hope of deciding between the two alternatives of the continuing cause of cancer – an agent, most probably a virus, separable from the cell, or a change, a mutation perhaps, involving one or more genes, necessarily happening within a cell and not separable from the whole cell.”219 Eine bedeutende Rolle spielte auch ein Konzept, das dazu anhielt, die Geschwulstentstehung in einer irreversiblen Schädigung der Zellatmung verursacht zu denken (5). Beide Theorien, deren Proponenten es generell ablehnten, die Tumorbildung auf die Wirksamkeit von Viren zu beziehen – weil sie darin die von ihnen zurückgewiesene Unterstellung einer exogenen Krebsursache sahen –, rückten mit körpereigenen Zellen verknüpfte Geschehnisse in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen, aber auf eine je besondere Weise.

Weiter unten soll überdies in knapper Form eine Auseinandersetzung gestreift werden, die sich an der Frage entzündete, ob es auch beim Menschen virusinduzierte Geschwulsterkrankungen gebe (6). Schließlich wird ein Meinungsstreit zum Virusverständnis außerhalb der Medizin ins Auge gefasst, weil sich in dazu angestellten Studien interessante Aspekte für die Beleuchtung des Zusammenhangs zwischen der Bewältigung von Kontroversen und dem Erkenntnisfortschritt haben finden lassen (7). ← 89 | 90 →

Zu 1: 1901 berichtete L.Loeb, dass es erstmals gelungen sei, Geschwülste zu überpflanzen. Die Transplantationsmethode diente ihm zur experimentellen Untersuchung der Wachstumsbedingungen von Tumoren, auch wollte er auf diesem Wege gewissen Fragen zur Struktur von Tumoren näher treten.220 Er hatte Ratten-Sarkome verwendet, die sich von Ratte zu Ratte übertragen ließen. Mit bestimmten Mitteln habe er, so seine Mitteilung, Zellen zum Wachstum anregen können, die sonst zugrunde gegangen wären. Bei der Heilung von Wunden auf der Haut könne es zur Isolierung einer Gruppe von Epithelzellen kommen, die unter geeigneten Umständen eine Krebsbildung veranlassten. Versprengte embryonale Epithelzellen stellten die wesentliche Ursache maligner Neubildungen dar, bedürften aber zu ihrer Wucherung eines Reizes. Bei der Prüfung der Möglichkeit einer parasitären Ätiologie dachte Loeb vor allem an Protozoen. Er prüfte, ob sich mit aus Geschwülsten gewonnenen Filtraten positive Resultate erzielen lassen, was sich jedoch nicht belegen ließ. „Die ersten Versuche der Injektion von Tumorsaftfiltraten in Tiere der gleichen Art führte ich 1899 bei mit Karzinom behafteten Rindern aus […] in diesen Versuchen entwickelten sich hiernach keine Tumoren.“221 Mit großer Wahrscheinlichkeit sei nach allen Versuchen auszuschließen, „dass irgendein außerhalb der Zelle existenzfähiger, durch Berkefeld-Filter filtrierbarer Mikroorganismus die Ursache […] (der untersuchten – K.L.) Sarkome ist.“ Kontrollversuche seien hingegen stets positiv ausgegangen.222 So habe es sich bei seinen Versuchen nur um eine erfolgreiche ← 90 | 91 → Übertragung von Tumorzellen „und nicht etwa von Mikroorganismen ohne Tumorzellen“ gehandelt. Gestützt auf die Versuche der Einspritzung des Zysteninhaltes sei es wahrscheinlich, dass bereits eine einzige transplantierte Zelle zur Tumorbildung genüge.223 Loeb sah in Veränderungen chemischer oder physikalisch-chemischer Natur, die im Zellinnern selbst oder in der Nähe der Zelle vor sich gehen, die letzte Ursache des Tumorwachstums.

Zur gleichen Zeit wurden ähnliche Versuche von M.Herzog unternommen, die, wie berichtet wurde, zum gleichen Ergebnis geführt hätten: Unter Beachtung Keimfreiheit sichernder Maßnahmen wurden Stücke von Geschwülsten in ein keimfreies Gefäß gelegt, das keimfreien Quarzsand und Siliziumpulver beinhaltete. Das Material wurde dann gründlich zermahlen, und es wurde eine physiologische Salzlösung hinzugefügt. Die auf diese Weise zubereitete Flüssigkeit wurde durch einen Chamberlandfilter geleitet. “From the filtrate a number of culture tubes were inoculated to show it to be free from known microorganisms. Several cubic centimeters of the filtrate were injected into the abdominal cavities of rats. Not a single one of the rats so treated developed a tumor, even when treated in this manner repeatedly […] the findings were absolutely negative.”224

Eine ätiologische Bedeutung zellfreier Agentien für die Geschwulstentstehung wurde wenige Jahre später auch von A.Borrel erwogen. Er war von einer mikroparasitären Ätiologie der Karzinome ausgegangen: Krebs werde von einem durch Ekto- und Endoparasiten übertragenen filtrierbaren Mikroorganismus erzeugt. Gemäß dieser Vorstellung suchte er zu zeigen, dass gewisse infektiöse Agenzien befähigt sind, bestimmte Zellschichten des Hautgewebes (Epithelien) zur Wucherung anzuregen. Allerdings war er auf experimentellem Wege zu keinem positiven Resultat gekommen.225 Sein Konzept verteidigte er an Hand einer Reihe von Abbildungen, mit denen er Krebszelleinschlüsse zeigen wollte. Am ← 91 | 92 → Pasteur-Institut in Paris hatte sich Borrel zunächst an Arbeiten beteiligt, mit denen die Filtrierbarkeit des Erregers der Rinder-Pleuropneumonie nachgewiesen werden sollte.226

C.Prausnitz und H.Königsfeld, die 1914 mit Mäusen experimentiert und für ihre Versuche ebenfalls Filter verwendet hatten, folgerten aus ihren Versuchsergebnissen, dass eine Tumorbildung umso später und unsicherer einsetze, je weniger Zellmaterial in der Impfflüssigkeit enthalten sei.227 Ebenso O.Teutschlaender 1927: Er entnahm seinen Versuchen, in denen die Wirkung von Filtraten zum Zuge kommen sollte, dass „jeder, der mit diesen Dingen Bescheid weiß, die Erfahrung gemacht hat, dass ziemlich erhebliche Mengen von Krebszellen in Form von Geschwulstbrei eingespritzt werden müssen, um zur Tumorbildung Veranlassung zu geben […]“228 Zu dieser Auffassung gelangte in demselben Jahr auch W.Büngeler, der sich ebenfalls mit Mäusegeschwülsten befasst hatte: Bei der Erkundung von Möglichkeiten einer Geschwulstübertragung durch Filtrat einer mit Kochsalz versetzten Aufschwemmung habe er festgestellt, dass sich auf diesem Wege eine Geschwulstbildung nicht erzielen lasse.229 Auch Haaland meinte, dass die von ihm ermittelten Befunde es nicht gestatteten, an der Idee einer zellfreien Geschwulstübertragung festzuhalten.230 Dass es sich bei dem Agens um einen Schmarotzer handeln könnte, schloss Haaland aus, weil er in den intrazellulären Einschlüssen, die sich bei verschiedenen Mäusegeschwülsten finden ließen, keine Parasiten ausmachen konnte. Die Einschlüsse betrachtete er als entartete Leukozyten: Weiße Blutkörperchen seien in die Zelle eingedrungen, dort seien sie dann zugrunde gegangen. Als Krebsursache vermutete Haaland ein Gift231, eine Annahme, wofür eben der von ihm aufgedeckte Umstand sprach, dass sich die Tumoren an von der Impfstelle entfernten Orten herausbildeten, ein Umstand, der sich ja auch bei einer Reihe ansteckender Krankheiten nachweisen ließ: Es konnte gezeigt ← 92 | 93 → werden, dass bei gewissen Erkrankungen die Erreger streng lokalisiert bleiben (im Hals bei der Diphtherie, in der Wunde beim Starrkrampf) und dennoch Symptome in so weitab liegenden Organen wie Herz und Gehirn auslösen.232

Zu 2: Mit der Anhäufung von Befunden, die die Vermutung nahelegten, dass das Krebsleiden von aus Geschwulstsaft gewonnenen Filtraten verursacht werde, hatte sich für diese Idee dann doch eine größere Anzahl von Krebsforschern erwärmen können. Wenngleich immer noch viele Forscher eine die Tumorgenese auslösende Wirkung von Virusinfektionen wegen fehlender Beweise in Frage stellten, so begann sich schon in den frühen 1950er Jahren die Lage zu wandeln, was sich – einem von H.Ostertag 1958 gefällten Urteil folgend – dem Nachweis einiger Tumorviren bei Säugern, Studien virusbedingter zytopathogener Effekte, der Aufdeckung virusbedingter fötaler Missbildungen sowie der virologischen Version der Duplikantentheorie der Krebsbildung verdankte. Zur Trennbarkeit des Agens von Zellen bestand unter den Forschern, die virologisch argumentierten, weitgehend Konsens. Sie stimmten darin überein, dass dem Agens der Tumorkrankheit eine Größe unterhalb der von Zellen zukomme und dass es deshalb den Viren zugeordnet werden müsse. Dies habe der Forschung, so Ostertag, mehr als nur interessante Arbeitshypothesen vermittelt.233 Dennoch kam es weiterhin zu Auseinandersetzungen, weil man sich nunmehr nicht darüber verständigen konnte, worin denn aber die Natur des Filtrats besteht. „[…] als Zeugen der leidenschaftlichen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über die Bedeutung der neuesten Entdeckungen von Giftwirkungen und Vermehrungseigenschaften der so genannten Viren stehen wir […] einem Dilemma gegenüber, das ebenso akut ist wie jenes, das sich Demokrit und Aristoteles entgegenstellte“, so Niels Bohr 1937.234 ← 93 | 94 →

Dafür, dass es sich bei dem Virus um etwas Lebendiges handle, sprach u.a., dass durch Sättigung mit Chloroform, das ja besonders lebende Elemente anzugreifen vermag, das Agens seine Aktivität einbüßte. Es wurde überdies bereits bei einer Temperatur von 55° Celsius in verhältnismäßig kurzer Zeit, nach einer Viertelstunde, zerstört.235 Solche Einwirkungen hätte ein chemischer Stoff ohne weiteres überdauern können. Jede Viruserkrankung, wie kurz auch das Virus präsent sein möge, führe ausnahmslos zu einer Reaktion der infizierten Zellen. Doch wenn ein Virus eine Zelle zu Wucherungen anrege, könne eine fortdauernde Interaktion zwischen Virus und Zelle die Folge sein, so Rous in einem 1943 veröffentlichten Beitrag.236 Die Rolle, die Viren in der Krebsbildung spielen, bestimmte er später wie folgt: “For a long while it seemed to me that latent transmissible virus, waked to action (or to variation) by chemical or physical carcinogens, were the best bet on causation; but now it seems certain that transmitted viruses cannot be responsible for most tumors. However this is far from ruling out entities having a virus-like action. They might very well be of an autogenous sort.”237 Mitunter sprachen Forscher, die sich mit dem Rousschen Sarkom befassten, statt von einem „Virus“ lieber von einem zellfreien „Agens“, was die Frage nach dessen Natur offen ließ.238 ← 94 | 95 →

Inamoto und Fujinami vertraten den Standpunkt, dass das Wachstum des Tumors „hauptsächlich aus eigenem Material heraus“ geschehe. Die „eingepflanzten Tumorzellen sind imstande, sich weiter zu vermehren […] Umso auffallender ist es, dass die Einspritzung zellfreien Tumorfiltrates in gewissen Fällen ebenso zur Entstehung eines Tumors führt wie die Verimpfungen lebenden Tumorgewebes.“ Es liege der Gedanke nahe, „dass das Tumorgewebe irgendein besonderes Agens enthält, welches, mag es nun zu den Tumorzellen in innigster […] Beziehung stehen oder unabhängig vom Zell-Leben existieren, fähig ist, bei geeignetem Boden und unter günstigen Bedingungen die Bindegewebszellen zum tumormäßigen Wachstum zu bringen […] Mit was für ein Agens man es hier zu tun hat, konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Man könnte an eine besondere, chemisch wirkende Substanz denken, welche in der Tumorzelle gebunden ist und aus dieser frei wird; oder man kann das Vorhandensein filtrierbarer kleinster Mikroorganismen annehmen. Obwohl die letztere Vermutung vorläufig plausibler zu sein scheint, fehlt noch ein fester Beweis dafür.“239 Es sei ihnen nicht gelungen, aus dem Tumormaterial Mikroben zu züchten. „Abgesehen von Fällen sekundärer Infektion oder zufälliger Verunreinigung verhielten sich verschiedene gewöhnlich übliche Nährböden steril. In Schnitten konnten wir ebenfalls keine […] Mikroorganismen, die als Erreger betrachtet werden können, finden.“240

Mit dem Verständnis, dass Viren große Moleküle seien, ließ sich das nichtmikrobische Viruskonzept verfeinern. Doch waren auch Virusarten bekannt geworden, die mannigfaltiger zusammengesetzt sind. „So besteht zum Beispiel […] der Erreger der Kuhpocken […] außer aus Eiweiß auch noch aus Kohlehydraten und Lipoiden, also den integrierenden Bausteinen ‚lebendiger Substanz‘. Diese Bestandteile können nicht vom Virus ohne Aktivitätsverlust abgetrennt werden […] Wenn man somit leicht geneigt ist, diesen […] Virusarten […] belebten Charakter zuzusprechen, so scheut man doch, dies auch auf die als Eiweißmoleküle erkannten Virusarten zu übertragen, wenn auch die Tatsache ihrer Vermehrung in geeigneten Wirten diesen Schluss nahe legt. So geht die Diskussion, ob Virus belebt oder unbelebt sei, noch lebhaft hin und her“, wie Staudinger 1947 die Lage in der Virusforschung beschrieb.241 ← 95 | 96 →

Diese Frage bezog sich natürlich auch auf das „Krebsvirus“. „Welcher Art ist dieses Agens“, fragte sich C.Lewin schon Ende der 20er Jahre. „Ist es ein lebendiges Virus oder eine Art von Ferment, ein unbelebter chemischer Stoff?“242 Zur Abhängigkeit des Virus von der Wirtszelle gab es Erklärungen mit folgendem Inhalt: Behauptet wurde, dass Viren aus Plasmabestandteilen ihrer Wirte stammten, dass autoreproduktive Plasmapartikel und Virusmoleküle eine Reihe bildeten. Für Graffi resultierten Geschwülste aus einer Abartung plasmatischer Bestandteile, vor allem der Mitochondrien und Mikrosomen: Studien mit krebsauslösenden Substanzen hatten ihn in der Auffassung bestärkt, dass diese Stoffe zunächst einen „Krebskeim“ produzierten, der sich erst realisieren müsse, was sowohl durch weitere Einwirkung des Karzinogens als auch durch mehr oder weniger unspezifische Noxen erreichbar sei. Die Entstehung des Krebsagens sei ein Vorgang, der sich möglicherweise an den von den krebsauslösenden Stoffen primär besonders stark betroffenen Nukleoproteiden der Zellorganellen des Zellplasmas abspiele. Die große chemische Ähnlichkeit der Mikrosomen mit den als reines Rous-Agens angesprochenen Substraten spreche für eine endogene Entstehung.243 Auch nach H.Nothdurft (1949) konnten Viren aus Mitochondrien entstanden sein, bezüglich der Tumorsubstrate sei ein „cancer spectrum“ von Viren zu mutierten Mitochondrien wahrscheinlich. Jedenfalls stünden sie ihnen nahe und führten bei Pflanzen speziell zu Mitochondrienerkrankungen. Die als solche Erkrankungen aufzufassenden Geschwülste müssten auch beim Tier existieren, wenn es sie bei Pflanzen gebe, wenngleich diese Ansichten noch nicht belegt und die tierischen Mitochondrien bei der Suche nach dem intrazellulären Angriffspunkt bislang nur als auch in Frage kommend angesehen werden könnten.244 Eine ähnliche Auffassung äußerte W.Seyfarth in einem 1952 geschriebenen Aufsatz: Mit seinen Beobachtungen an den Mitochondrien der ← 96 | 97 → Geschwulstzelle könne er eindeutig beweisen, „dass die Mitochondrien Endosporen sind […] Die in Tumorzellen oftmals zu beobachtenden kleinen und kleinsten beweglichen Partikeln sind wie die Granula der Chondriosomen nur abgesprengte Körper der Mitochondrien.“245

Diese Vorstellungen stießen auf Widerstand. „Bis zum Beweis des Gegenteils müssen wir […] an dem Satze festhalten, dass Virus nur aus Virus entstehen kann […] Wenn also nach den Ergebnissen der biochemischen Forschung offenbar die Denkmöglichkeit besteht, dass sich Plasmabestandteile in Viren umwandeln können, so müsste doch der Beweis dafür angetreten werden, dass etwas derartiges vorkommt. Jedenfalls lässt sich nach allen vorliegenden Erfahrungen sagen, dass eine so gedachte Virusentstehung ein recht seltenes Ereignis sein müsste und keineswegs die plötzlichen Massenerkrankungen erklären könnte“, wie E.Köhler 1955 zu bedenken gab.246

Auch die rasche Vermehrung von zu Geschwülsten führenden Agenzien erlaubte einander widerstreitende Deutungen. Auf der einen Seite kam sie dem Verständnis des Virus als eines Mikroorganismus entgegen. Andererseits ließ sich die Vermehrung auch so auffassen, dass sich das Verständnis des Virus als eines makromolekularen Gebildes aufrechterhalten ließ: Man konnte an einheitliche Makromoleküle denken, nachdem öfter gemeldet worden war, dass sich pflanzen- und dann auch tierpathogene Virusarten in Form einheitlicher Eiweißstoffe darstellen ließen.247 Jene Abhängigkeit ließ sich durchaus als Beleg endogener Virusbildung vertreten. Forscher, die dieser Auffassung folgten, konnten auf andere Vorgänge als auf jene des Wachstums und der Teilung verweisen, auf Vorgänge, ← 97 | 98 → die für autonome Zellen kennzeichnend sind. Man leitete die Fähigkeit zur Virusreproduktion aus den Eigenschaften des Makromoleküls selbst her. Vorstellen konnte man sich, dass unbelebte Viren in der befallenen Zelle einen Prozess auslösen, der seinerseits zu einer Neubildung des Virusproteins durch die Zelle führt. Es wurde an eine autokatalytische Vermehrung gedacht. Eine derartige Vermehrung hätte man sich nach einer Idee von P.Jordan (1941) so vorzustellen, dass die Virusteilchen befähigt sind, ähnliche oder gleichgebaute Teilstücke an sich zu ziehen und neben sich zu gleichen Virusmolekülen aufzubauen.248 Mit dieser Idee konnten sich jedoch Wissenschaftler wie Staudinger, H.Ruska und andere nicht anfreunden. „Will man im Virus eine unbelebte Eiweißmolekel sehen, so zieht man sich“, wie Staudinger seine Kritik begründet, „zur Erklärung der doch als Lebensäußerung imponierenden Vermehrungsfähigkeit gerne auf das Schlagwort ‚Autokatalyse‘ zurück. Das Virus sei ein Ferment, so sagt man, das in der Wirtszelle die Bildung seiner selbst anrege, also katalysiere. Als Modell wird die Tatsache herangezogen, dass Pepsin aus Pepsinogen, also einer Vorstufe von Pepsin, die Bildung von Pepsin zu katalysieren vermag. Allein diese Anschauung ist nicht haltbar, wenn wir uns vor Augen führen, dass ein und derselbe Wirt von zahlreichen verschiedenen Virusarten befallen werden kann, dass andererseits ein und dasselbe Virus sich in zahlreichen, im natürlichen System der Organismen oft sehr weit auseinander liegenden Wirten vermehren kann. Es ist nicht denkbar, dass in einem Wirt alle zur autokatalytischen Umwandlung geeigneten Vorstufen für die verschiedenen Virusarten vorhanden sein sollen […]“249 Und Ruska: „Diese Vorstellung über den Bildungsmechanismus von Zellbestandteilen, die in der gesunden Zelle fehlen, hat insofern etwas für sich, als für die Synthese zellfremder Bestandteile keine neuen synthetisierenden Fermente angenommen werden müssen. Die Fähigkeit zur Reproduktion des Virus wird aus den Eigenschaften des Makromoleküls selbst abgeleitet […] Andererseits stößt die von P.Jordan versuchte Erklärung der spezifischen Anziehung beim Autokatalysevorgang als einer quantenmechanischen Resonanz gerade bei den Pflanzenviren auf Schwierigkeiten, weil nach Jordans eigenen Ausführungen seine Deutung eine nichtkristalline Struktur der Eiweißmoleküle voraussetzt.“250 ← 98 | 99 →

Auch zur Erklärung dessen, dass ein krebskranker Organismus nicht in der Lage zu sein schien, andere Organismen anzustecken, gab es einander gegenläufige Varianten. Zum einen schien er die Sicht zu bestätigen, dass der Krebsentstehung die Wirkung eines zellintern entstandenen Faktors zugrunde liegt. Doch ließ sich zur Verteidigung des Konzeptes, dass Krebs von einem exogenen Erreger hervorgerufen werde, die Idee vertreten, dass es ja eine latente Zellinfektion mit einem Geschwulsterreger gebe, die sich erst viel später als krebsbildend erweise. Man verwies darauf, dass zwischen Geschwulstinduktion und -ausprägung oft eine sehr lange Zeit vergeht und Schädigungen manchmal erst zum Lebensende hin erkennbar sind. Pflanzen und Tiere könnten mikrobenartige Eindringlinge beherbergen, ohne selbst zu erkranken. Eine Infektion könne sogar von Generation zu Generation fortbestehen, ohne dass es zu einer Erkrankung kommen müsse, wie von Andrewes behauptet.251

Neben Erklärungsvorteilen gab es auf jeder Seite weiterhin Erklärungsschwierigkeiten, oder es kamen neue hinzu, die die Gegenpartei immer wieder zu Angriffen anstachelten. Die Schar derjenigen Forscher, die an einen zellinternen Ursprung des Virus glaubten, musste sich beispielsweise mit dem Erklärungsproblem herumschlagen, dass sich das Filtrat mit der Fortsetzung der Übertragungen nicht aufbraucht. Denn sollte es sich beim Krebsvirus tatsächlich um einen zellintern aufgekommenen löslichen Stoff handeln, müsste es sich doch auf diesem Wege allmählich erschöpfen. Stattdessen schien es sich aber noch zu vermehren. Es konnte ja in beliebig langen Versuchsreihen weiter übertragen werden. Dass sich ein stetiges neoplastisches Verhalten einstellte bzw. dass es etwas gab, das in den induzierten Tumoren verharrt und sich reproduziert, stützte eher die Annahme von etwas Lebendigem. Chemische Agenzien hingegen, weil sie mit der Serie von Übertragungen bald aus dem Körper verschwinden müssten, dürften somit keinen wesentlichen Anteil am Zustandekommen von Krebszellen haben. ← 99 | 100 → Zur unbegrenzten Übertragbarkeit der vom Filtrat hervorgerufenen Geschwülste von einem empfänglichen Organismus auf einen anderen waren schließlich jedes Mal nur minimale Substanzmengen erforderlich, die im Körper des Empfängers eine sehr beträchtliche Verdünnung erfahren mussten. Es ließ sich denken, dass selbst der wirksamste Stoff durch diese fortgesetzte Verdünnung alsbald unwirksam werden würde, wenn nicht ein entgegengesetzt gerichteter Vorgang ausgleichend eingriffe, die Fähigkeit, aus sich heraus an Menge zuzunehmen, sich durch Aneignung von der Umwelt entnommenen Stoffen unter steter Wahrung der ursprünglichen Eigenschaften zu vermehren, was aber gemeinhin als Kennzeichen lebender Substanz galt.252

Auch konnte die Behauptung der zellpathologisch argumentierenden Seite, sie hätte die Bildung von Tumoren bei Pflanzen, Tieren oder Menschen beobachten können, die vor exogenen Infektionen bewahrt worden seien, immer wieder mit Verweis auf technische Unzulänglichkeiten bezweifelt werden. In Abrede wurde gestellt, dass man Infektionen bei den angestellten Versuchen völlig ausschließen könne. Man müsse stattdessen stets Laboratoriumsinfektionen gewärtig sein. Immer wieder wurde vorgebracht, dass ein ansteckendes Virus schon von vornherein in den Kulturen vorhanden sei, wenngleich in so schwachen Konzentrationen, dass man es nicht identifizieren könne.253

Aber auch die Gegenseite bot Schwachstellen, die zum Widerspruch reizten, so das Problem, eine exogene Ansteckung als spezifische Entstehungsursache der spontan auftretenden Geschwülste dingfest zu machen. Wäre Krebs infektiös, so hätte er auch dann und wann als ansteckend wahrgenommen werden müssen, etwa bei Chirurgen: Obwohl sie ganz unmittelbar mit Krebskranken zu tun und etliche Krebsoperationen durchgeführt hätten, habe man keine unanfechtbaren Beobachtungen einer Krebsübertragung vom Patienten auf den Arzt machen können, wie Bauer den Verfechtern dieses Konzeptes vorhielt. Wie solle man sich zum Beispiel vorstellen, dass „nach einer Pneumonektomie wegen Bronchialkrebs die andere Lunge vom Erreger verschont“ bleibe?254 Und an anderer Stelle: „[…] das Wesen einer Infektionskrankheit bestimmt der Erreger, ein körperfremdes Lebewesen, das Wesen der Krebskrankheit aber die Krebszelle, ein Produkt der ← 100 | 101 → eigenen Körpergewebe. Die Infektionskrankheit ist nur durch den spezifischen Erreger, die Krebskrankheit durch die allerverschiedensten unspezifischen Schädigungen, darunter solche, die wie Röntgen- oder Radiumstrahlen jede Infektionsmöglichkeit ausschließen, erzeugbar.“255

Rous, Inamoto, Fujinami, Boycott u.a. stand eine Partei von Krebsforschern gegenüber, die das Virus vornehmlich als ein fermentartiges Gebilde betrachteten, was eher mit dem zelltheoretischen Bild vereinbar war. Sie sahen im Krebsleiden eine Folge und ein Offenbarwerden der Störung intrazellulärer Prozesse, in deren Verlauf unorganisierte Substanzen – Substanzen ohne korpuskulare Organisation, worunter eben durch zellfreie Filtrate übertragbare endogene Viren verstanden wurden – in Freiheit gesetzt würden, die die gleiche Störung in weiteren Zellen des gleichen oder eines verwandten Gewebes hervorrufen könnten.256 Boycott bekundete in einem 1928 geschriebenen Aufsatz: “As to its origin, all the evidence seems to concur in indicating that the Rous virus arises de novo in each tumour. There is no epidemiological evidence that cancer comes into the body from outside; everything we know supports the classical view that it is a local autochthonous disease.”257 Murphy, der, wie weiter oben angedeutet, zunächst Rous’ Meinung geteilt hatte, dass es sich beim Hühnersarkome hervorrufenden Filtrat um einen Mikroorganismus handele, rückte später von diesem Verständnis ab und vertrat stattdessen den Standpunkt, dass das Rous-Sarkom-Virus ein endogenes, transmissibles Mutagen sei.258 Diesen Begriff des Mutagens bezog er auf die Agenzien, die die Übertragung der Gefügeltumoren bedingen sowie auf solche Agenzien, die die 1928 von F.Griffith beschriebene Umwandlung der Pneumokokkentypen verursachen259, auf jene filtrierbaren Substanzen, die 1932 von J.L.Alloway nachgewiesen worden waren.260 Die zellfreie und doch hochwirksame Substanz des ← 101 | 102 → Rous-Sarkoms und anderer spezifischer Tumoren gehöre zu den nichtlebendigen organischen Substanzen. Sie werde von den Tumorzellen selbst produziert, könne von ihnen getrennt werden und bei unausdifferenzierten, besonders gerade in Teilung begriffenen Zellen eine Variation hervorrufen, die sie zu typischen Zellen des gleichen malignen Tumors werden lasse. In diesem Prozess werde auch der spezifische Stoff derselben, das „transmissible mutagen“, erzeugt.261 Und an anderer Stelle: Weil sich eine Reinigung des Rous-Sarkom-Erregers erzielen lasse bei Ausfällung durch Ansäuerung der Tumoremulsion, sei es nicht denkbar, “that the active fraction […] could carry with it through all these manipulations any living organism […]”262 Burnet und Andrewes entgegneten darauf, dass nachgewiesen sei, dass sich ähnliche Reinigungsverfahren bei verschiedenen mit organismusähnlichem Aufbau versehenen Viren anwenden ließen. „Es ist uns deshalb nicht möglich, diese Untersuchungen als Beweis dafür anzusehen, dass das Vogeltumoragens irgendwie von einfacherem Aufbau sei als die typischen Vira. Was an positiven Tatsachen über die Natur des Vogeltumoragens bekannt ist, scheint einmal mehr zugunsten der einen Hypothese, ein andermal mehr zugunsten der anderen Hypothese zu sprechen. Für das Vorhandensein eines selbständigen Erregers spricht die Tatsache, dass die Infektiösität nicht streng auf eine Vogelspezies beschränkt ist.“ So könne das Rous-Sarkom auch bei Fasanen, mit längeren Passagen von Fasan zu Fasan, fortgezüchtet werden.263

Während sich Rous, Inamoto, Fujinami, Ellermann, Borrel und andere Forscher mit der Untersuchung von Tumoren, vor allem von Tiergeschwülsten, eine Untermauerung ihrer Auffassung versprachen, dass Krebs durch extern ← 102 | 103 → auffindbare Viren (verstanden als filtrierbare Mikroben) verursacht würde264, sahen sich also andere Forscher durch die Untersuchungsergebnisse in der Auffassung bestätigt, dass viele, wenn nicht sogar alle Viren de novo in den Zellen betroffener Gewebe entstünden. Es gab Fachgenossen, die daran zweifelten, dass das von Rous untersuchte Objekt eine Geschwulstart sei. So war sich beispielsweise P.G.Flu sicher, dass es sich vielmehr, von pathologisch-anatomischer Seite her gesehen, um eine entzündliche Pseudogeschwulst handelt.265 Was die Natur des Tumoragens anbetrifft, so hielten wie Rous wohl etliche Forscher „dasselbe für ein exogenes Virus“, doch „zumindest ebenso viele für ein Produkt oder einen Bestandteil der Rous-Sarkomzelle (Enzym, endogen entstandenes Virus)“, wie es in einem Aufsatz von Graffi heißt.266

Ebenso konnte auch Bittner nicht mit einer ungeteilten Zustimmung zu seinen Versuchsergebnissen rechnen. So vertrat R.D.Passey in einem 1950 gehaltenen Vortrag den Standpunkt, dass mittels Elektronenmikroskop und Ultrazentrifuge durchgeführte Untersuchungen des so genannten „Milchfaktors“ gezeigt hätten, dass außer diesem Faktor noch ein zweites sichtbares Teilchen von bekannter Form beim Brustkarzinom der Maus vorkomme. Man müsse weiterhin die Möglichkeit prüfen, ob auch bei menschlichem Karzinom ein solcher Begleitstoff vorhanden sei.267 Die Krebsforschung an jener Einrichtung, der Bittner angehörte (das Roscoe B. Jackson Memorial Laboratory in Bar Harbor/ Maine), wurde weiter von einem genetischen Herangehen beherrscht, womit sich nicht vereinbaren ließ, dass die Neigung zum Brustdrüsenkrebs durch Milch übertragen würde und dass zum Verständnis des „Milchfaktors“ das Viruskonzept angewandt werden sollte. Sich ihm zuzuwenden, wurde womöglich auch dadurch erschwert, dass man zur Milch gemeinhin die Vorstellung hat, dass sie der Gesundheit dienlich ← 103 | 104 → und nicht etwas sei, das krank macht.268 Es gab auch Forscher, die befürchteten, die Virushypothese würde die Angst vor Ansteckung mit Krebs schüren, eine Angst, die besonders beim Stillen von Säuglingen aufkommen könnte. In einem solchen Umkreis hielt es Bittner doch für nicht ratsam, die an besagter Einrichtung wirkenden Vertreter der Vererbungstheorie offen herauszufordern. Und so wie sie habe er, wie Kevles in einer wissenschaftshistorischen Abhandlung ausführt, die offensichtlich karzinogene Wirkung eines Erregers als etwas umschrieben, das dem Einfluss der Milch geschuldet sei.269 Er hielt es auch für klüger, von einem „Faktor“ statt von einem „Virus“ zu sprechen – ein herkömmlicher Terminus, der besser zum Repertoire eines genetischen Forschungsprogramms passte. „Wenn ich von einem Virus gesprochen hätte, wären meine Anträge auf Bewilligung weiterer Mittel automatisch in der Schublade ‚unseriöse Projekte‘ abgelegt worden. Solange ich aber den Ausdruck ‚Faktor‘ benutzte, befand ich mich auf dem sicheren Boden der seriösen Genetik.“270 Dieses Agens ist dann in den 1940er Jahren „in den Arbeitskreisen von Bittner und Little aus Mäusemilch, aus Brustdrüsenkarzinom und aus Organen befallener Tiere isoliert und […] als ← 104 | 105 → hochmolekulares Nucleoproteid beschrieben worden“, wie A.Butenandt wiedergibt.271

Für Carrel handelte es sich bei dem aus Geschwulstgewebe gewonnenen Filtrat um ein „Krebsgift“, um etwas zellintern Entstandenes, eine körpereigene Substanz, die sich bei der Einwirkung von Arsen oder Teer auf in Teilung begriffene Embryozellen herausbildet. Es sei von einem filtrierbaren Virus auszugehen, das sich allein in durch chemische Verbindungen experimentell erzeugten Hühnertumoren nachweisen lasse. Er habe eine maligne Entartung normaler Zellen in vitro herbeiführen können, und zwar dadurch, dass er einer Kultur weißer Blutkörperchen Filtrat eines, wie er meinte, infektionsfrei erzeugten Arseniksarkoms hinzufügte. Dies sollte ein Beweis dafür sein, dass weder das Agens des Arseniksarkoms noch des Rous-Sarkoms ein ultramikroskopischer Organismus ist.272

Dieses Verständnis ließ sich durch Beiträge anderer Forscher erhärten, zum Beispiel dass man bei Mäusen, die vor exogenen Infektionen weitgehend bewahrt worden sein sollten, in gleichem Prozentsatz Teertumoren erzeugen konnte wie bei ungeschützten Mäusen. Andere Forscher sahen sich hingegen noch nicht imstande, in den Ergebnissen etwas zu erkennen, das es schon rechtfertigen würde, den Carrel’schen Standpunkt zu teilen. So meinte C.Hallauer bei deren Beurteilung, dass wichtige theoretische Fragen unbeantwortet blieben: Über den Mechanismus der Virusvermehrung im Explantat sei sehr wenig bekannt. Die Tatsache allein, dass eine Vermehrung nur darin möglich sei, was man dem Gewebe entnommen habe, bestätige lediglich die schon vor der Viruszüchtung in vitro gewonnene Erkenntnis, dass zwischen Virus und Wirtszelle die engsten Beziehungen bestehen müssten. Doch wisse man immer noch nicht, ob eine intra- oder extrazelluläre Vermehrung stattfinde, hier gebe es noch Kontroversen.273 Auch diese Resultate, die man mit der Viruszüchtung in embryonaler Gewebekultur erzielen konnte, ließen noch zwei Deutungen zu, entweder dass sich das Virus nach Art eines belebten Erregers von der Zelle ernähre und autonom vermehre, oder dass es sich um ← 105 | 106 → einen enzymartigen Stoff handle, dessen Regeneration nur durch die lebende Zelle möglich sei.274

Die Entdeckung Stanleys, dass sich aus dem Saft mosaikkranken Tabaks eine kristallähnliche Substanz gewinnen lässt, empfand man seinerzeit als große Überraschung, denn das Virus zeigte einerseits, weil es die Fähigkeit zur Vermehrung besaß, eine grundlegende Eigenschaft des Lebens, andererseits musste es wegen der Kristallisierbarkeit zur Domäne der Chemie gerechnet werden. Die Frage blieb, ob das Tabakmosaik-Virus eine Lebensform mit der Fähigkeit zur Vermehrung oder eine hochmolekulare Komponente mit der Eigenschaft der Vermehrung durch Autokatalyse ist.275 Die Einzelkristalle bestanden aus sehr vielen stäbchenförmigen Molekülen. Einen derartigen Körper konnte man sich kaum als einen individuellen Organismus vorstellen. Aber es wurden auch Merkmale ermittelt, die lebenden Organismen zugeordnet werden, beispielsweise dass Viren wie lebende Organismen mutieren können und dadurch neue Stämme mit veränderten Eigenschaften bilden.

Bawden und Pirie hegten Zweifel, ob das von ihnen aus erkrankten Pflanzen isolierte Material tatsächlich das Virus war. 1936 meinten sie, dass es noch nicht erwiesen sei, dass die beobachteten Partikel aus infektiösem Material bestünden.276 M.Lauffer äußerte zu dem Glauben, dass das Virus ein Molekül von bestimmten Dimensionen und bestimmtem Molekulargewicht sei: “The shorter fragments, however, were worrisome. Were they merely broken rods, or were they the true virus molecules? This question was not answered for several years […] Finally, Williams and Steere (1951) […] demonstrated beyond reasonable doubts that the short particles resulted from mechanical breakage of the fundamental unit.”277

In den späten 1930er Jahren äußerte Stanley, dass sich das Tabakmosaik-Virus, wie er auf Grund seiner physikochemischen Untersuchungen herausbekommen haben wollte, als ein homogenes Makromolekül bestimmen lasse. Alle seinerzeit ← 106 | 107 → verfügbaren Daten “indicate that the virus protein fulfill the accepted chemical definition of a molecule as the smallest weight which cannot be subdivided without a complete change in the properties.”278 Später vertrat er die Ansicht, dass nur ein lebendiges ultravisibles Virus in Frage komme, also ein exogener Erreger zellfrei übertragbarer Krebswucherungen. „Die lange Geschichte der Viren weist darauf hin, dass sie exogener Natur sind, und man muss annehmen, dass ursprünglich das Virus von außen in die Zelle eingedrungen ist.“ Und er drückte die Hoffnung aus, dass „zur Vermeidung größter Verwirrung die experimentellen Ergebnisse weiter mit der Vorstellung in Einklang stehen, dass Viren exogener Natur sind.“ Zugleich musste er aber eingestehen, dass man „gelegentlich sehr dicht an die Grenze zwischen exogenem und endogenem Ursprung“ komme. Die „Fortpflanzung genetischen Materials von einem Glied einer Art in ein Glied einer anderen Art (mag so – K.L.) verständlich werden […] und bestimmt (lässt – K.L.) das Umwandlungsphänomen eine solche Übertragung als möglich oder sogar logisch erscheinen […]“ Doch „würde die Abweichung eines normalen Bestandteils eines bestimmten Wirts, um etwas hervorzubringen, was sich dann in diesem Wirt fortpflanzen würde, unverständlich sein. Soweit ist es indessen nicht notwendig gewesen einzugreifen, denn in jedem sorgfältig geprüften Fall ist der Nachweis für das Virus oder den Selbstvervielfältigungsmechanismus, der in die Zelle einmal in unmittelbarer oder ferner Vergangenheit eingedrungen ist, offensichtlich gelungen.“279

Zu 3: „Wer das Kommen und Gehen der Krebstheorien verfolgt, kann vorläufig die Virustheorie nur als eine Hypothese ansehen, die zwar von hochverdienten Naturforschern ausgeht, […] (doch – K.L.) die andererseits wiederum das Krebsproblem viel zu einseitig nur von ihrer eigenen Forschungsrichtung aus sehen und gelöst sehen möchten, ohne den Tatsachen gerecht zu werden, die nun einmal die Erfahrungen am krebskranken Menschen in so viel gewaltigerer Form kundgeben […] Es ist daher nicht anzunehmen, dass die Virusätiologie allein das Krebsgeschehen aufklären wird“, wie Bauer seinerzeit urteilte.280 Und an anderer Stelle: „Die Zahl der Einwände gegen die Virusbedingtheit des Krebses ist groß.“281 Die im Folgenden wiedergegebenen Auffassungen lesen sich so, als würden die Verfasser das Viruskonzept überhaupt für ein ungeeignetes Mittel zur Erklärung der Geschwulstentstehung betrachten. Doch mir scheint, dass ← 107 | 108 → hier vor allem an der mikrobentheoretischen Begrifflichkeit des Viruskonzeptes Anstoß genommen wurde, worauf im Folgenden nochmals eingegangen wird.

Immer wieder wurde die Auffassung vertreten, dass sich keine Anhaltspunkte dafür gewinnen ließen, dass Viren allgemein die Erreger von Geschwülsten seien. Forscher wie Haaland und Carrel vermuteten, wie weiter oben bereits erwähnt, dass Krebs von einem Gift hervorgerufen würde. Und nach Borst (1938) konnte man sich bei embryonalen Mischgeschwülsten beispielsweise kaum vorstellen, dass das „hypothetische Krebsvirus“ eine besondere Affinität zum Embryogewebe habe, aber den mütterlichen Organismus unberührt lassen sollte. Für ihn stand deshalb das Viruskonzept „noch auf schwachen Füßen“.282 Zu den Streitpunkten gehörte auch die Frage, ob es das gleiche Virus sei, das bei allen Geschwülsten zur Wirkung gelange, ob es so etwas wie einen „Universalerreger“ gebe.283 Forschern, die diese Frage bejahten, wurde vorgehalten, dass gewonnenen Befunden zufolge Viren stets spezifisch auf ganz bestimmte Gewebe abgestimmt seien, dass die parasitäre Invasion, wenn es denn eine solche geben sollte, in jedem Einzelfall gesetzmäßig nur Zellen derselben Art betreffen dürfte, andere Körperzellen aber verschonen müsste. Man könne, wie bereits 1905 eingewandt wurde, diesem Ansatz „besonders aus der Beobachtung einen Strick drehen“, dass auch solche Hautgewebe, die selbst oftmals Ausgangspunkt primärer Geschwülste seien, sich nicht an der malignen Entartung beteiligten, „sobald sie in sekundäre Berührung mit Karzinomzellen geraten. Mancher glaubte die Parasitenlehre in dem Dilemma zu sehen, dass sie eventuell für jede bösartige Geschwulstart […] besondere Parasiten voraussetzen müsse.“284 Da die Krebse aus ganz verschiedenartigen Muttergeweben hervorgingen, müsste man von ← 108 | 109 → so vielen spezifischen Viren ausgehen, wie es Muttergewebe für Tumoren gebe. Teutschlaender sah in diesem Problem, das für ihn zwangsläufig mit der Vorstellung verbunden war, dass Krebs von einem autonomen Agens verursacht werde, eine grundlegende „Schwäche der Infektionslehre“. „Diese Verlegenheitshypothese scheint uns umso absurder, als wir sie überhaupt nicht nötig haben, wenn wir das spezifische Moment der Krebsentstehung nicht in einem von außen kommenden, sondern in einem im betroffenen Körper selbst gelegenen spezifischen Faktor sehen, der in jedem Organismus bereits in irgendeiner Form vorhanden ist oder aber gebildet werden kann.“285 Auch Andrewes sah in diesem Problem eine der Hauptschwierigkeiten, die die Ablehnung der Virustheorie förderten: Es bestehe ein natürlicher Widerwillen zu glauben, “that different histological types of tumour in different species can be due to different viruses, each causing a particular type of histological change in each kind of tissue of each species of animal. The number of cancer viruses necessary would be almost infinite.”286

Argumente, dass das, was dieser oder jener Forscher entdeckt haben wollte, nicht reproduziert werden könne, spielten in den Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. So wurde zum Beispiel immer wieder von einzelnen Forschern mitgeteilt, dass sich keine Belege für die Virusnatur des Papilloms hätten gewinnen lassen. Einige glaubten, dass das Virus nicht unmittelbar das krebserzeugende Agens sei, sondern einzig zu einer unspezifischen, chronisch entzündlichen Veränderung ← 109 | 110 → der Haut führe und darauf sekundär der Krebs entstehe. Diese Position wurde u.a. von Borst geteilt: Das, was man am Kaninchenpapillom beobachtet habe, berechtige keinesfalls, den Krebs ganz allgemein als eine Viruskrankheit zu behaupten.287 1938 hatte P.Ladewig versucht, im Shopeschen Cottentail-Kaninchen-Papillom sowie in den wirksamen Extrakten mit einer bestimmten Färbungsmethode Viruskörperchen auszumachen. Aber er konnte keine für den Tumor in irgendeiner Weise charakteristischen Elementarkörperchen nachweisen. Die Fehlerquellen bei der Beobachtung kleinster färbbarer Partikel in Ausstrichen der Epidermis waren nach seiner Auffassung zu groß, um die Entscheidung zu treffen, ob überhaupt Viruskörperchen dargestellt wurden oder nicht.288

Auch Gyes Vorstellungen zur Virusbedingtheit der Tumorentwicklung wurden von einigen Fachgenossen als nicht nachvollziehbar bewertet. So berichtete Flu, dass die Wiederholung der Gye’schen Versuche die Filtrierbarkeit dessen, was das Mäusekarzinom bewirke, nicht bestätigt habe. Es sei auch nicht zulässig, anzunehmen, dass dieses Karzinom durch ein mit demjenigen des Rous-Sarkoms identisches Virus verursacht werde.289 Diese Kritik wurde u.a. von Fuchs geteilt: Ein spezifisches Virus (ein „unsichtbares Lebewesen“) für die Tumorgenese anzunehmen, sei auf Grund verschiedener experimenteller Feststellungen bei Hühnertumoren abzulehnen. „Es ist bekannt, dass das Extrakt verschiedener Hühnertumoren, die sich klar voneinander unterscheiden lassen […], stets die gleiche Tumorart bei der Injektion erzeugt, aus der es selbst stammt. Selbst die Annahme, dass diese Spezifität durch ein ‚ubiquitäres Virus‘ kombiniert mit dem spezifischen Zellstoff entstände, während jeder dieser beiden einzelnen Faktoren allein keine Tumorentstehung veranlassen könne, ist nur als letzte Bemühung anzusehen, die ‚Idee des Virus‘ aufrechtzuerhalten.“290 Auch Haaland und Haaland hatten in den späten 1920er Jahren Versuche angestellt, um Gyes Beobachtungen zu prüfen: ← 110 | 111 → Mit zellfreier Bouillon, in der sich Tumorstücke befunden hatten, wurden Mäuse geimpft. Zum Zwecke des Vergleichs wurden außerdem Zellen eingeimpft. Die Impfungen wurden getrennt vorgenommen, sowohl mit der klaren überstehenden Flüssigkeit, die man nach einer Zentrifugation erhält, als auch mit dem Bodensatz, der die Reste der eingeimpften Geschwulst enthielt. Bei Impfungen mit der Flüssigkeit konnten in keinem Fall Geschwülste übertragen werden. Wenn Zellen fehlten, wie in der klaren überstehenden Kulturflüssigkeit, war auch eine erfolgreiche Tumorimpfung nicht möglich. Hingegen führte die Impfung mit Zellen enthaltendem Tumormaterial meistens zu positiven Ergebnissen. Diese Befunde boten den Forschern Gründe dafür, die Idee einer zellfreien Geschwulstübertragung und daran geknüpfte Vorstellungen über das Virus zurückzuweisen.291 Gyes Versuchsergebnisse ließen Fragen aufkommen, die etliche Forscher für unbeantwortet hielten, Fragen, wie u.a. von Ch.Carruthers 1950 aufgeworfen: “Has the dead tumor been cultivated in vitro? Have the respiration and other metabolic processes of the frozen tissue been sufficiently studied? Can the new virus be filtered and centrifuged? What proof is there that the tumor tissue was perfectly dry?”292

Auch die Ergebnisse Carrels, der – wie weiter oben geschildert – davon ausging, ein Hühnersarkom zellfrei weitergeführt zu haben, das er in vitro mittels Teerzusatz oder auch in weiteren Versuchen durch Arsenzusatz in geeigneter Konzentration erzeugt hätte, wurden damals nicht akzeptiert, was, wie wir von Schmidt (1953) erfahren, „zum Teil mit groben Verdächtigungen unsauberer Versuchstechnik“ einherging. „Es handelte sich eben damals um isolierte, ganz aus dem Rahmen fallende Resultate, zu deren Verständnis noch zu wenig in die gleiche Richtung deutende Ergebnisse vorhanden waren.“293

Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, dass die Skepsis, worauf das Viruskonzept in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit oftmals traf, Anhänger dieses Konzeptes auch zu gewissen Modifikationen desselben trieb, um Anhaltspunkten zu begegnen, die die Kritiker zur Begründung ihrer ablehnenden Haltung herangezogen hatten. Mitunter waren sie ja selber auf Tumormaterial gestoßen, mit dessen Filtrat keine Wirkung erzielt werden konnte, was es erschwerte, der Virusätiologie eine allgemeine Bedeutung für alle Tumoren zuzugestehen. Sie kamen Einwänden entgegen, wenn sie sagten, dass manchen Viren eben die Fähigkeit abgesprochen werden müsse, normale Zellen anzugreifen, so ← 111 | 112 → dass für eine erfolgreiche Übertragung die Beigabe von Geschwulstzellen nötig sei.294 Oder es wurde erwogen, dass es antagonistische Faktoren („Inhibitoren“) gebe, die die Viruswirkung hemmen würden. Auch wurde die Vorstellung vertreten, dass die Übertragbarkeit durch zellfreien Geschwulstsaft keine konstante Eigenschaft darstelle. Die Übertragbarkeit könne sich erst im Laufe von Transplantationspassagen einstellen, sie habe es vorher gar nicht gegeben. Sie könne in einem frühen Stadium des Geschwulstwachstums festgestellt werden, um gerade beim Beginn der Manifestation der Bösartigkeit zu verschwinden, zu einer Zeit also, wo man eine besondere Ausbeute an aktivem Virus erwarten würde. Ergebnisse von Beobachtungen wurden beispielsweise von J.McIntosh und M.R.Selbie so gedeutet, dass in vielen durch chemische Verbindungen erzeugten Hühnergeschwülsten durchaus ein aktives filtrierbares Virus nachweisbar sei, nur sei zu berücksichtigen, dass bei den durch Berkefeld-Filtrate noch nicht gelungenen Geschwulstübertragungen eine inaktive Phase des Virus angenommen werden könne, die ähnlich wie bei anderen filtrierbaren Tumoren (Rous-Sarkom) eine beträchtliche Zeit bestehen bleibe. Die inaktive Phase mochte durch Schwankungen in den Beziehungen des Tumorvirus zu den Tumorzellen, durch eine zeitweilige Verminderung der Ansteckungsfähigkeit, durch die Präsenz eines hemmenden Stoffes im Filtrat oder auch durch die zeitweilige Größe des Virus selbst bedingt sein, wofür sich dann Berkefeld-Filter als nicht passierbar erwiesen. Sie folgerten aus ihren Befunden, dass chemische Verbindungen wie Teer bei Hühnern lediglich induzierend auf die Tumorbildung wirkten, während sie aber bei der Aufrechterhaltung des bösartigen Prozesses selbst keine Rolle spielten.295

Behaupten ließ sich auch, dass nicht durch Filtrate hervorgerufene Formen des Krebswachstums lediglich solche seien, bei denen die beteiligten Viren so durch ansteckungsbegrenzende Bedingungen verborgen seien, dass es einer langen (mechanischen oder chemischen) Reizung oder krebsbegünstigender Erbfaktoren bedürfe, damit Zellen aufnahmebereit für das jeweils postulierte Virus würden. Dass man dem Problem, wie sich Formen des virusinduzierten Krebswachstums ← 112 | 113 → von den nicht durch Filtrate hervorgerufenen unterscheiden lassen, vielleicht so beikommen könnte, wird von E.L.Ellis in einem in den 1960er Jahren erschienenen Aufsatz erwogen: Das Auftreten solcher Krebse schlösse dann eine zusammengesetzte Wahrscheinlichkeit ein: eine Wahrscheinlichkeit, dass das richtige Virus anwesend sei, und eine andere Wahrscheinlichkeit, dass die erforderliche Zellempfänglichkeit während dieser Anwesenheit eintrete. Um den Tumor zu erzeugen, müssten beide Bedingungen für die gleiche Zelle zutreffen.296

Zu 4: In den 1950er Jahren, wo sich mit der Entdeckung weiterer filtrierbarer Tumoragenzien sowie der krebserregenden Wirkung von Chemikalien und Strahlen die Erörterung von Prozessen der Tumorbildung bedeutend bereichert hatte, setzte sich der Streit vornehmlich als eine Auseinandersetzung fort, in der die eine Seite das Virus-, die Gegenseite das Konzept der somatischen Mutation vertrat, das Bauer 1928 der Öffentlichkeit unterbreitet hatte, womit sich weiterhin die Idee verfechten ließ, dass das, was der Bildung von Geschwülsten im Wesentlichen zugrunde liege, von Zellen nicht getrennt werden könne. Er glaubte, so die wichtigsten biologischen Eigentümlichkeiten der Tumoren verständlich machen zu können. Sich auf Beobachtungen von Kernteilungen in Krebszellen stützend, ging er zur Erklärung der Krebsursache von einer Störung des Chromatinkomplexes aus und erklärte, dass Tumorzellen eine abnorme Chromosomenkonstitution hätten, die sie an ihre Tochterzellen vererbten und die deshalb wieder alle Eigenschaften der „Ur-Tumorzelle“ aufwiesen.297 Bauer führte hier Ideen Theodor Boveris weiter, der die Entstehung bösartiger Geschwülste auf die Beschaffenheit der Zellkerne zurückgeführt hatte.298 Geschwulstbildungen ← 113 | 114 → betrachtete Boveri als „natürliches Experiment“, das sich in fehlerhaften Zellteilungen äußert, was es ermöglicht, der Frage nachzugehen, ob durch solche Zellteilungen weiter vermehrungsfähige Zellen entstehen können und ob sie Merkmale aufweisen, die sich an Tumorzellen beobachten lassen. Er wies nach, dass dies möglich ist, und zwar anhand von (experimentell zugänglichen) Vorgängen an den Zellen, wodurch abnorme Teilungen hervorgebracht werden.299

Dass sich eine größere Anzahl von Forschern fand, die sich diesem Konzept zuwandten, hat damit zu tun, dass nach dessen Maßgabe an eine ererbte Disposition zur Krebskrankheit gedacht werden konnte, sich aber auch vorstellen ließ, wie sich normale Zellen unter dem Einfluss exogener Karzinogene in Krebszellen umwandeln. Krebs sollte eine Erkrankung sein, die mit einer Mutation im genetischen Kode einhergeht. J.Cairns drückte sein Vertrauen in die Mutationstheorie ungeachtet dessen, dass lediglich auf Indizienbeweise verwiesen werden konnte, wie folgt aus: “In the last few years more and more evidence has been accumulating to suggest that initiation is nothing other than mutation. Though admittedly circumstantial, it is persuasive. Thus, the most powerful initiators prove to be the substances that are the best at binding to DNA […] and causing mutations in various test systems […] they produce changes in the DNA either directly, or indirectly after they have undergone certain chemical modifications that occur when they are metabolized in the body […] It seems reasonable to assume that the first step in carcinogenesis would be the production of mutations, because this conforms to the one thing we do know about the cancer cell – namely, that in building up an expanding population of abnormal cells it must be passing on its cancerous characteristics to its descendants, and so these characteristics must in a sense be inheritable from one cell generation to the next.”300

Dem Mutationskonzept folgend, wurde angenommen, dass die meisten Geschwülste durch Angriffe auf Körperzellen entstünden, durch Mutationswirkungen, die von Strahlen oder chemischen Substanzen (also von nichtinfektiösen Ursachen) ausgingen oder dass mit solchen physikalischen oder chemischen Einwirkungen die Zelle für an sich nicht ansteckende Stoffe sensibilisiert werde.301 Für ← 114 | 115 → Bauer war die Krebsentstehung eine Mutation, „auslösbar durch alle mutationserzeugenden chemischen und physikalischen Noxen, eine Mutation von Erbstrukturen somatischer Zellen, […] eine gerichtete Mutation derjenigen Erbsubstanzen, die sonst in Körperzellen Wachstum, Differenzierung und Einordnung in den Gesamtplan regulieren, eine Defektmutation, die zu Enthemmung des Wachstums, Steigerung der Wachstumsgeschwindigkeit und Störung der Differenzierung führt.“302 Er war von der Entdeckung H.J.Mullers ausgegangen, dass sich Mutationen in Keimzellen durch Röntgenstrahlen hervorrufen lassen. Die gleichen Strahlen würden in Körperzellen zu Krebs führen.303 Dieses Konzept stieß in mancherlei Hinsicht sogleich auf Ablehnung. In einem 1943 geschriebenen Aufsatz beklagt Bauer, dass die von ihm vertretene Theorie wie so viele neue Theorien auf „keinerlei Verständnis vonseiten engerer Fachkollegen“ stoße, dass sie gerade von Vertretern solcher Konzepte kritisiert werde, die selbst den Anschluss an die Genetik und deren Stützwissenschaften noch nicht oder nicht mehr gefunden hätten. „Ich selbst habe mich auf keine […] Polemik eingelassen, da das Schicksal von Theorien nicht durch Wortstreit, sondern nur durch Tatsachen entschieden wird. An Tatsachen ist aber nichts bekannt geworden […], was den Grundgedanken […] der neuen Theorie der Krebsentstehung als einer Mutation somatischer Zellen in irgendetwas erschüttert hätte.“304

B.Rajewski (1949) hob wohl die „verlockende Einfachheit“ der Bauerschen Auffassung hervor, die sich u.a. dem Umstand verdankte, dass sie spontane und künstlich erzeugte Geschwülste zu einer Gruppe zusammenfassen konnte. Doch zugleich kreidete er ihr eine nicht zu tilgende Beweisschwäche an. Ihren Verfechtern hielt er u.a. vor, „dass die Anzahl der Spontankrebse bei Tieren und Pflanzen, soweit bekannt, wesentlich kleiner ist als beim Menschen. Dieser Einwand wird zwar nicht unwesentlich durch das Argument abgeschwächt, dass Menschen bedeutend mehr Zivilisationsschäden ausgesetzt sind als Tiere, und dass erfahrungsgemäß beim Vorliegen einer besonders intensiven Einwirkung krebsbildender Faktoren eine außerordentliche Vermehrung der Krebserkrankungen auftritt […], er bleibt aber im Bereich des Spontankrebses wohl ← 115 | 116 → bestehen.“305 Auch Andrewes (1950) schrieb dem Bauerschen Konzept unzureichende Beweiskraft zu. Die Mutationstheorie hielt er für pure Spekulation. “[…] there is no concrete evidence, as there is for the virus theory, that it has ever actually occurred and given rise to a cancer.”306 I.Berenblum (1952) sah im Bauerschen Ansatz keine Theorie, sondern lediglich eine Annahme, die nie wirklich getestet worden sei. Dass die Tumormerkmale permanenter Natur seien, zwinge nicht zu dem Schluss, dass die Veränderung in der Zelle mutationsbedingt sei. Bei bestimmten biologischen Erscheinungen gebe es auch unumkehrbare Veränderungen, ohne dass sie durch Mutationen zustande gekommen wären. Aber auch wenn die Mutationstheorie das Anfangsstadium der Krebsbildung erhellen sollte, gebe es ja noch das wichtige Stadium der Umwandlung der latenten Geschwulstzellen in tatsächliche Geschwulstzellen, der Vorgang spiele sich längere Zeit im Verborgenen ab und bleibe unbemerkt. Die Natur dieses Prozesses sei immer noch ein Geheimnis.307 Nach R.Danneel konnte die Mutationstheorie gar nicht unmittelbar bewiesen werden, weil zum Mutationsnachweis das Vererbungsexperiment gehöre, welches naturgemäß mit Körperzellen nicht durchführbar sei.308 Laut J.D.Watson gab es seinerzeit wohl weder für noch gegen diese Theorie einen direkten Beweis, “which we might best describe as cancer due to loss of an essential gene(s) function.”309 Von Borst wurde eingewandt, ← 116 | 117 → dass die lange Latenzzeit kaum mit der Mutationshypothese zu vereinbaren sei: Das Röntgenkarzinom entstehe durch Röntgenstrahlen oft erst lange nach Beendigung der mutativen Reizeinwirkung, wo gar kein Anlass mehr zur Mutation gegeben sei.310 Borst, der auch später seine Vorbehalte gegen die Mutationstheorie nicht aufzugeben bereit war, verwies überdies auf Lichtbilder von Tumorbildungen, die nach seiner Meinung eine allmähliche Krebsentstehung abgebildet hätten. Die histologischen Bilder (verwiesen wurde auf die Entstehung von Lungentumoren bei der Maus nach Teerpinselung) brächten zum Ausdruck, dass sich die Geschwülste allmählich auf den endgültigen Umschlag zur Malignität vorbereiteten. Gleiches wusste Schmidt im Hinblick auf die Entstehung des Leber- und des Gebärmutterkarzinoms zu sagen: Auch diese Geschwülste zeigten fließende Übergänge.311 Ähnliche Schwierigkeiten bei einer in der Mutationshypothese wurzelnden Erklärung böten überdies die Operationsrezidive, die oft erst jahrzehntelang nach der chirurgischen Heilung und Beseitigung des erkrankten Primärorgans aufträten.312

Der Anspruch, bei Verwendung bekannter kanzerogener Substanzen eine sehr rasche Tumorbildung bewirkt zu haben, denen man doch eine verhältnismäßig lange Latenzzeit zusprechen musste, wurde auch von H.Druckrey et al. abgewiesen. Sie traten 1949 Behauptungen entgegen, die in einer 1945 erschienenen Monografie E.Leupolds enthalten sind. Leupold berichtet darin, dass es ihm gelungen sei, durch experimentelle Beeinflussung des Gewebsstoffwechsels und künstliche Veränderung des Milieus im Gewebe bei Mäusen krankhafte Zellveränderungen auszulösen und sogar bösartige Tumoren hervorzurufen. Autolysaten von normalen Mäusegeweben, vor allem von Leber und Haut, ferner Lösungen von Aminosäuren und schließlich von anorganischen Salzen in kleinster Dosis sprach er eine Wirkung nach Art bekannter kanzerogener Substanzen zu, die schon in wenigen Tagen einsetzen würde. Doch sei deren Wirkung, wie Druckrey et al. entgegneten, dadurch ausgezeichnet, dass der Krebs erst nach monate- oder gar jahrelanger Latenzzeit auftrete.313 Leupold wollte in seinen Versuchen bereits nach 48 bis 96 ← 117 | 118 → Stunden mehrfach bohnengroße Geschwülste bei einmaliger Applikation von nur 0,01 ml bei Substanzverdünnungen von 10-6 beobachtet haben, noch dazu bei Substanzen, die normale Bestandteile des Organismus sind. „Es gibt bisher keine cancerogene Substanz, die in dieser Dosis und vor allem nicht in so kurzer Zeit Krebs erzeugt. Diese hohe Wirksamkeit so kleiner Substanzmengen ist nur zu verstehen, wenn die Geschwulstursache vermehrungsfähig, also infektiös war. Man kann sich vorstellen, dass bei der Gewebsautolyse unter völlig unbekannten Ausnahmebedingungen einmal autoreproduktionsfähige Zellbestandteile mit geschwulstbildender Eigenschaft entstehen und auch freigesetzt werden können, die sich dann wie ein cancerogenes Virus verhalten.“314

Nach Bauer gehorchte die Krebsentstehung dem Alles- oder Nichtsprinzip: Bei der Bestrahlung blieben die Körperzellen des Bestrahlungsbereiches entweder so, als ob sie überhaupt nicht bestrahlt worden wären, oder aber es komme zu einem Umschlag in Tumorzellen. Die biophysikalische Treffertheorie, die das Wesen der Mutation durch Röntgenstrahlen erklären soll, traf nach seiner Auffassung auch auf den Krebs zu. Es bestehe jedoch, so Schmidts Einwand, sowohl bei der Mutationserzeugung als auch bei der Krebserzeugung eine direkte Proportion zur Strahlendosis, was sich nicht vereinbaren lasse mit dem Alles- oder Nichtsgesetz. Wenn ein Gesetz in dieser Form auf die Krebsentstehung zuträfe, wären die Begriffe der Präkanzerose, der präblastomatösen Umwandlung des Gewebes usw. ganz überflüssig und ohne Basis. Es wäre ja völlig gleich, ob man die krebserzeugende Strahlendosis in einer einzigen Sitzung verabreiche oder fraktioniert über längere Zeiträume, es müsste gelingen, durch eine einzige Bestrahlung in entsprechender Dosis Krebs hervorzurufen. Es wäre völlig gleichgültig, ob dieselbe Hautstelle mehrmals oder etwa der ganze Körper in entsprechend höherer Dosierung nur einmal bestrahlt würde.315 Und wenn den Körperzellen nur die Alternative bliebe, so Schmidt, entweder ganz normal zu bleiben oder zu Krebszellen zu werden, dann wäre es beispielsweise auch unerfindlich, wieso es bei Einwirkung von kanzerogenen Stoffen sozusagen gesetzmäßig erst zu gutartigen Warzenbildungen kommt. So nehme es nicht wunder, dass Bauer die Frage der gutartigen Tumoren überhaupt nicht diskutiert, „mit solchen Alles- oder Nichtsmutationen sind sie ← 118 | 119 → auch kaum zu vereinbaren.“316 Bauer übergehe die Frage der Beziehungen zwischen gut- und bösartigen Tumoren vollständig, die Mutationshypothese befinde sich auf Grund ihrer Bindung an das Alles- oder Nichtsgesetz „mit Zwischenstufen auf Kriegsfuß.“317

Rous meinte (1959), dass die Theorie der somatischen Mutation zu nichts Gutem geführt und eine fatalistische Einstellung gefördert habe. In der Laienpresse habe sich der Glaube verbreitet, dass es, weil Krebs angeblich von somatischen Mutationen herrühre, eigentlich ganz natürlich sei, an Krebs zu erkranken, so dass nichts weiter zu tun bleibe, als das Leiden zu lindern, wenn man davon betroffen sei bzw. all das, was Krebs hervorrufen könne, zu meiden. “Here is fatalism to blast many a hope and effort.” Am schlimmsten aber sei die Wirkung dieser Theorie auf Krebsforscher. Sie wirke wie ein Beruhigungsmittel für jene, die besagtem Konzept folgen, und das in einer Zeit, wo jeder Forscher sich dazu aufgerufen fühlen sollte, herauszufinden, was Krebs wirklich sei.318 Gegen die von der somatischen Mutationstheorie begründete Vorstellung, dass eine Modifikation in den Genen ein wesentliches Merkmal der malignen Zelle sei, wurde beispielsweise angeführt, dass etliche chemische Verbindungen wohl zu den Karzinogenen, aber nicht zu den Mutagenen gehörten, so dass sich im Geschwulstgewebe keine genetische Mutation wahrnehmen lasse.319 Angeben ließen sich auch Mutagene, die nicht krebserregend seien. “In Drosophila and Neurospora alipathic and aromatic nitrogen mustards, diepoxides […] and urethane have been found to be both mutagenic and carcinogenic. There was therefore, for a time, a temptation to say that ‘all mutagens are carcinogens and all carcinogens are mutagens’. Unfortunately for simplicity, this is not true. For instance, although x-rays and ultra-violet light are both mutagens and carcinogens, formaldehyde is a mutagen but not a carcinogen, and oestrogen is a carcinogen but not a mutagen”, wie Atkin 1960 ausführte.320 ← 119 | 120 →

Für ein recht starkes Argument zugunsten der Mutationstheorie sprach nach Bauer die Erfahrung, dass gelegentlich schon bestehende Geschwülste ihren bisherigen Verlaufscharakter veränderten und sehr viel bösartiger würden. Zur Erklärung zog er dafür eine erneute Mutation schon maligner Zellen heran. Doch die Annahme einer solchen Doppelmutation auf das gleiche Gen „ist […] noch durchaus hypothetisch […] Stimmt es schon bedenklich, dass nach der ersten Mutation ein hypothetisches Gen, das die Wachstumskurve mit den Geschwisterzellen regulieren soll, überhaupt noch existiert – würde doch erst der Ausfall des regulierenden Gens das schrankenlose Wachstum ermöglichen –, so würde eine erneute Mutation einer bereits defekten Zelle höchstwahrscheinlich den Zelltod nach sich ziehen. Dieses besonders starke Argument erscheint zu konstruiert, um zu überzeugen […]“, wie F.Schmidt zu entgegnen wusste.321

Auseinandersetzungen gab es aber auch innerhalb des Gebietes, das mit der von Bauer eingeschlagenen Forschungsrichtung abgesteckt worden war. Bauer dachte an Chromosomen- und Genmutationen. Andere Forscher hielten es hingegen für wenig wahrscheinlich, dass die unter der Wirkung krebserregender Stoffe eintretenden Wandlungen in ihrem Wesen Gen- bzw. Chromosomenmutationen darstellen. Es wurde auf eine weitere Gruppe von regulierenden Faktoren verwiesen, von kontrollierenden Faktoren im Zellplasma, die von den an den Chromosomenfäden sitzenden Genen verschieden sein sollten und sich durch wichtige tierexperimentelle Beiträge belegen ließen. „Während man früher lediglich an den Kern gebundene chromosomale Gene kannte und diese auch für die Entstehung von Mutationen verantwortlich machte, während z.B. K.H.Bauer […] bis vor kurzem ausschließlich die Chromosomen auch für die krebsige Entartung in Anspruch nahm, wissen wir heute, dass es auch im Cytoplasma gelegene Genäquivalente gibt, plasmatische Duplikanten […]“, so H.Siegmund 1955.322 Inwiefern das Zytoplasma eine Rolle bei der Vererbung spielt, ob es zu den somatischen Mutationen der menschlichen oder tierischen Krebszellen im Kern der Zellen ← 120 | 121 → kommt oder ob sie ein im Plasma befindliches, also außerhalb des Zellkernes vorhandenes Regulationszentrum der Zellteilung betreffen, betraf Fragen, zu denen bei den Versuchen, sie zu beantworten, in den 1920er und 30er Jahren Auseinandersetzungen unter Vererbungsforschern in Deutschland ausgebrochen waren.323 Für Vertreter des so genannten „Kernmonopols“ waren es lediglich die Gene in den Chromosomen des Zellkerns, die den ausschlaggebenden Einfluss auf die Entwicklung jeder Zelle haben, wohingegen das Zellplasma bloß Rohstoffe für die Genwirkung liefert und von den Genen des Zellkerns, dem alleinigen Erbträger, ihrer spezifischen Eigenart gemäß beliebig umgeformt werden kann. Jedoch für die Kontrahenten war die zeitliche und die räumliche Ordnung der genbedingten Entwicklungsvorgänge ohne die regulierende Wirkung einer ganzheitlichen genetischen Struktur im Zellplasma („Plasmon“) nicht denkbar.324 Nothdurft stellte in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre der Bauerschen Kernmutationstheorie eine Plasmamutationstheorie gegenüber. Dieser Theorie zufolge entstehen durch kanzerogene Reize unter den im Plasma der Zelle vorhandenen Erbkonstituenten (gleich Duplikanten) Mutationen. Diese mutierten Duplikanten sollen sich durch Entmischung und Auslese während der folgenden Zellteilungen anreichern und so schließlich die Krebszellen realisieren.325 In einem weiteren von Nothdurft verfassten Aufsatz heißt es, unter somatischer Mutation habe man ursprünglich nur die Gen- und Chromosomenmutationen bzw. „Genmutationen der klassischen Genetik in Übertragung auf Somazellen“ verstanden. Die von Bauer hervorgehobenen Mutationsarten könnten zwar nicht endgültig als Geschwulstursachen ausgeklammert werden, sie seien aber ganz unwahrscheinlich. „Dagegen scheint ein plasmamutativer Mechanismus diskussionsfähig.“326 Den Anfang des ← 121 | 122 → Prozesses bildete nach seiner Vorstellung eine Mutation von mehrfach vorhandenen Duplikanten, was erst die Anlage einer Geschwulst mit einer Mindestzahl von Geschwulstzellen einsichtig machen würde.327 „Es darf“, so Butenandt 1949, „nach unserem heutigen Wissen als im höchsten Grade unwahrscheinlich gelten, dass die unter der Wirkung cancerogener Stoffe erfolgenden Duplikantenveränderungen in ihrem Wesen Gen- oder Chromosomenmutationen darstellen, da für beide Vorgänge grundsätzlich verschiedene statistische Gesetzmäßigkeiten gelten.“ Die geringe Streuung, mit der sich unter der Wirkung krebserregender Stoffe Geschwülste entwickelten „und die Tatsache, dass eine Mindestzahl von Zellen in der Größenordnung von 100 bis 1000 primär von der zur Krebszelle führenden Änderung betroffen sein müssen, damit ein Tumor entsteht, zwingt zu der Annahme, dass die mutierenden Duplikanten – im Gegensatz zu den Genen – mehrfach in der Zelle vorkommen müssen; somit kann die Änderung nur an selbst reproduzierbaren Einheiten der Zelle angreifen, die nicht zum Genom gehören! […], eine Vorstellung, die eine Mutation von mehrfach vorhandenen Duplikanten an den Anfang setzt, (macht – K.L.) nicht nur die Anlage einer Geschwulst mit einer Mindestzahl von Krebszellen verständlich […], sondern auch seine langsame Entwicklung über präcanceröse Stadien sowie die verschieden lange Latenzzeit, die von der Einwirkung der Noxe bis zur Manifestation der Geschwulst vergehen kann.“328

Zu 5: Bedeutsam für die Debatte zur Krebsentstehung war auch das Warburg’sche Konzept sowie dessen Verhältnis zu den anderen Richtungen der Krebsforschung: Die primäre Ursache der Geschwulstbildung sah O.H.Warburg in einer unumkehrbaren Störung der Zellatmung, die bei der Zellteilung bestehen bleibt.329 Er verglich den Metabolismus von Tumorzellen mit dem normaler Zellen, und er nahm wesentliche Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen Stoffwechsel wahr: Während normale Zellen die zum Leben notwendige Energie allein durch Atmung gewinnen, zeigt sich in Krebszellen noch eine weitere Kraftquelle ihres Bestehens, sie sind befähigt, sich auch bei vollständigem Ausschluss von Sauerstoff am Leben zu erhalten, und zwar durch Vergärung von Zucker zu Milchsäure. „Wahrscheinlich gibt es keine Ausnahme von der Regel, dass alle normalen Körperzellen nur atmen und nicht gären, während alle Krebszellen gären. Insbesondere das normale Wachstum der Körperzellen ist ein streng aerober Vorgang, ← 122 | 123 → der bereits durch die geringsten Hemmungen der Atmung gestört wird, während das Wachstum der Krebszellen ein partiell anaerober Vorgang ist.“330 Alle Gifte, die normale Zellen in ihrer Atmung schädigen, verändern diese Zellen so, dass sie schließlich ihre Lebensenergie vorrangig von der Zuckervergärung bestreiten, wobei die Veränderungen im Wesentlichen die Mitochondrien erleiden, die als Organellen für die Atmung verantwortlich sind (Warburg nannte diese Zellstrukturen „Grana“, woran die Atmung gebunden ist).331 Die Gärung korreliert in ihrem Umfang mit der Bösartigkeit und der Schnelligkeit des Geschwulstwachstums. In allen wachsenden Zellen erzeugt die Atmung ein geordnetes Wachstum. Im Krebs aber verursachen Atmung und Gärung ungeordnetes, bösartiges Wachstum.332 Ausgehend davon, wie sich Warburg die Bedeutung der Atmungsstörung für die Tumorbildung vorstellte, versuchten dann Forscher, durch experimentell hervorgerufene Zirkulationsstörungen Tumoren zu erzeugen. So wurde von J.E.Davis 1937 bei 12 Ratten einer selten spontan an Krebs erkrankenden Zucht die Arteria uterina einer oder beider Uterushörner unterbunden. In kurzer Zeit, so Davis, hätten sich am Uterus Entzündungs- und Proliferationsprozesse entwickelt. Nach 3 bis 9 Monaten hätten sich von den Mammae ausgehende Geschwülste gebildet. ← 123 | 124 → Gewebsstoffwechselmessungen an den abgebundenen Uterushörnern hätten einen geringen Sauerstoffverbrauch und eine hohe Glykolyse gezeigt.333

Auch Warburgs Vorstellungen forderten zu kritischen Stellungnahmen heraus.334 Von einigen Forschern wurde der von ihm ins Auge gefasste Zusammenhang als nicht so wesentlich für die Tumorbildung angesehen. Die Umstellung der normalen Körperzelle von Sauerstoffatmung auf Gärung wurde nur als eine Erscheinung, nicht als „Ursache“ der Tumorbildung gewertet.335 Deren Darstellung galt ihnen als etwas, das den Prozess lediglich beschreiben würde, und dieser Prozess könne vom Mechanismus her nicht bewiesen werden. Es wurden Untersuchungen betrieben, die belegt haben sollten, dass hinsichtlich der vom Stoffwechsel der Krebszelle eingeschlagenen Wege nur quantitative, aber nicht qualitative Unterschiede gegenüber der normalen Zelle bestehen.336 Störungen der Kontrollfunktionen im Organismus, die das Zellwachstum beherrschen, schienen etwas zu sein, dem eher eine fundamentale Bedeutung für das Krebsgeschehen zugestanden werden müsste. Jede Hypothese zur allgemeinen Grundlage der Geschwulstentwicklung müsse, so Burnet 1957, direkt auf die Funktion der Kontrolle bezogen werden, die der Organismus als Ganzes auf die Zellentwicklung ausübe. “[…] any other type of associated change can only be regarded as secondary. It is therefore from our point of view impossible to accept Warburg’s hypothesis that a change from aerobic to anaerobic glycolysis is the essential feature of cancer cells.”337 F.Büchner verwies in einem 1960 gehaltenen Tagungsvortrag darauf, dass Warburgs Position, dass im Geschwulstgewebe der Energiestoffwechsel ausschließlich über den Glykolyse-Stoffwechsel abläuft, in Untersuchungen von Geweben, die einem sauerstoffarmen Milieu ausgesetzt waren, nicht habe bestätigt werden ← 124 | 125 → können.338 Auch A.A.Hadjiolov verwies auf Untersuchungen, deren Ergebnisse dem Warburg’schen Modell nicht zu gehorchen schienen, Untersuchungen, die Veränderungen der Sauerstoffaufnahme bei der Krebsbildung erfassen sollten, wobei man einen experimentell hervorgerufenen Leberkrebs als Objekt benutzt hatte. „Unsere Versuche zeigen, dass die Veränderungen der Sauerstoffaufnahme […] nicht genügend hervortreten, um als Ursache für die Malignisierung angesehen zu werden.“339 Auch C.G.Schmidt (1955) vermochte im Lichte der damaligen Kenntnisse keine qualitativen Unterschiede zwischen dem Stoffwechsel normaler Gewebe und dem von Tumoren auszumachen. „Ein einmal entstandener, bösartig wachsender Gewebsverband bedient sich der gleichen Stoffwechselreaktionen wie normale Gewebe. Die […] Unterschiede sind […] nicht grundsätzlicher Art. Es kann festgestellt werden, dass der Stoffwechsel bösartiger Tumoren – vor allem in vivo – nicht durch die Konzentration ihrer Fermente begrenzt wird. Die Atmung von Geschwülsten darf als normal aufgefasst werden […] Die intensive aerobe Glykolyse kann nicht als Folge einer mangelhaften Oxydationskatalyse oder als energetischer Ersatzvorgang aufgefasst werden.“340 J.Furth stellte fest (1959): “The evidence seems to suggest that reduced oxidative and heightened glycolytic metabolism is quantitatively associated with acquisition of autonomy by neoplastic cells”. Er fügte aber die Frage hinzu, ob Atmungsgifte wie zum Beispiel Arsensäuren Karzinogene seien und ob Sauerstoffmangel tatsächlich eine neoplastische Veränderung im Gewebe fördere und ob es einen Nachweis dafür gebe, dass Karzinogene unumkehrbare Veränderungen in den für die Atmung verantwortlichen Organellen bewirkten.341 S.Weinhouse gab zu bedenken (1962), dass es auch Tumoren gebe, die nicht gärten. Sie wüchsen langsam, seien aber ← 125 | 126 → eindeutig bösartig und töteten nach einiger Zeit den Wirt.342 „Wir wissen heute, dass das Phänomen der anaeroben Glykolyse […] nicht für alle Tumoren gilt und dass somit die Krebstheorie von Warburg […] heute nicht mehr aufrechterhalten werden kann“, so H.Busch und S.Seeber Mitte der 1980er Jahre.343

Zu 6: Ein besonderes Thema, das sogar zu Spaltungen innerhalb der Partei infektionstheoretisch orientierter Forscher führte, bezog sich auf die Frage, ob Krebserkrankungen des Menschen der Wirkung von Viren zugeschrieben werden können. Etliche Forscher glaubten, sich auf das Tierreich beschränken zu müssen, weil sie keine Anhaltspunkte dafür finden konnten, dass irgendeine Form von Krebs auch beim Menschen von Viren erzeugt wird. Es seien „bis jetzt noch keine malignen, eventuell auch metastasierenden Geschwülste des Menschen bekannt, die […] auf eine Virusinfektion zurückgeführt werden könnten. Aus der Tierpathologie dagegen kennen wir virusbedingte Wucherungen, die als echte Blastome aufgefasst werden können“, so Fischer 1956. „Es sind dies vor allem die Virustumoren bei den Hühnervögeln […], beim Kaninchen das Shope-Papillom, beim Leopardfrosch das Adenocarcinom der Niere, und vor allem die Mammatumoren bei der Maus, bei denen der sog. Bittnersche Faktor heute zu den Viren gerechnet wird.“344 Es wurde wohl auch Virus in menschlichem Geschwulstgewebe gefunden, doch wurde dies noch nicht als Beweis verstanden, dass Krebs von Viren verursacht würde.345 Andere Forscher jedoch beharrten darauf, dass Viren durchaus ← 126 | 127 → auch beim Menschen Krebs hervorriefen, und sie waren davon überzeugt, dass die weitere Forschung dies belegen würde. Stanley, “one of the few investigators who is searching for viruses in human malignant tissues”346, dachte sich, dass der Grund für den Umstand, dass man beim Menschen noch keine Krebsviren gefunden habe, vielleicht einfach darin liege, dass man sich bislang noch zu wenig um einen derartigen Nachweis bemüht habe. Die im Tierexperiment bewährte Technik der Virusforschung sei eben beim Krebs des Menschen noch nicht ausreichend angewandt worden, so dass man nicht berechtigt sei, Viren eine Bedeutung für die Herausbildung bösartiger Geschwülsten beim Menschen abzusprechen.347 Etliche Anzeichen sprächen dafür, dass man einen Zusammenhang zwischen Krebs beim Menschen und der Wirkung von Viren nicht von der Hand weisen könne. Es seien gerade erst zahlreiche, zuvor unbekannte Viren im Menschen entdeckt worden. Er vermutete, dass womöglich jeder Mensch „schlafende“ Krebsviren in sich trage, die durch Altern, hormonale Vorgänge, Ernährungsfehler, Chemikalien, Strahlen und andere Wirkkräfte oder auch durch eine Verbindung mehrerer dieser Bedingungen plötzlich aktiv würden. Man wisse, dass etliche Geschwulsterkrankungen bei Tieren von Viren herrührten, so dass man sich kaum der Schlussfolgerung entziehen könne, „dass Viren die Ursachen für die meisten, wenn nicht für alle Krebsarten, auch für die beim Menschen auftretenden Krebserkrankungen, darstellen.“ Neuere Entdeckungen, die zu weiteren Einblicken in die Virusnatur verhalfen, und neue Methoden der Virusforschung eröffneten daher günstige Aussichten für eine Bekämpfung des Krebsleidens348, wenngleich “the road which still remains to be ← 127 | 128 → traveled may prove long and arduous”, aber sie müsse beschritten werden “to permit the conclusion that a virus can cause a human cancer.”349

Dieser Standpunkt wurde auch von anderen Forschern vertreten. So war es für Charles Oberling einleuchtend, dass, weil bei Tierversuchen schon eine größere Anzahl Viren als krebserregend ermittelt worden sei, in Rechnung gestellt werden müsse, dass auch beim Menschen Viren als Krebserreger wirksam sein könnten, unbeschadet davon, dass man bis zur Stunde noch keine diesbezüglichen Beweise vorführen könne.350 Auch Ostertag sah hier nur eine vorübergehende Schwierigkeit, die sich irgendwann würde bewältigen lassen. Beim „Menschen […] können die heute als entscheidend angesehenen Beweise für eine Virusgenese bis jetzt nicht erbracht werden: zellfreie Erzeugung histologisch gleichartiger Tumoren durch Tumorfiltrate […], Bildung von neutralisierenden Antikörpern usw.“ Es gebe aber auch Gründe dafür, dass diese Beweise, die auf Grund von Tierversuchsergebnissen gefordert würden, deswegen nicht erbracht werden könnten, weil der Ablauf der Krebsentstehung beim Menschen nach anderen Regeln erfolge. „Möglicherweise ergeben sich aber bei der weiteren Erforschung der latenten […] Virusinfektionen der Tiere und des Menschen doch Tatsachen, die unter Berücksichtigung der syncarcinogenen Wirkungen anderer Krebsnoxen eine Änderung der bisher vertretenen Auffassungen […] erforderlich machen.“351

Zu 7: Auch außerhalb medizinischer Fächer wurde der Virusbegriff in Auseinandesetzungen hineingezogen, so auf dem Gebiet, wo es um die Erforschung der Ursprünge irdischen Lebens geht. Zu klären war, wie es zu jenen beiden Stoffklassen gekommen ist, die die Struktur lebendiger Materie besonders kennzeichnen, zu den Nukleinsäuren und Eiweißstoffen. Biochemiker fragten sich, „was wir auf Grund unserer heutigen biochemischen Kenntnis aussagen können über das Problem der Urzeugung.“ Es müsse organisch-chemische Substanz aus anorganischer entstanden sein. Doch könne ja „[…] das chemisch-stoffliche Ordnungsgefüge einer lebendigen Organisation […] erst entstehen, nachdem organisch-chemische Substanz verfügbar war […] Unter den gegenwärtigen Verhältnissen wird auf der Erde organische Substanz nur durch Lebewesen gebildet, weil in Gegenwart von Sauerstoff organisch-chemische Stoffe nicht beständig sind, sondern in Wasser, ← 128 | 129 → Kohlensäure und Ammoniak zerfallen. Weil das thermodynamische Gleichgewicht stark auf der Seite dieses Zerfalls liegt, ist die Entstehung organischer Substanz aus anorganischer unter den jetzigen Verhältnissen ohne Mitwirkung von Lebewesen nicht möglich“ so Butenandt 1955.352 Dieses Problem hatte schon etliche Jahrzehnte vorher von Helmholtz beschäftigt: Wenn jede Bemühung scheitere, Organismen aus lebloser Substanz hervorgehen zu lassen, so müsse man sich fragen, ob überhaupt das Leben je entstanden, ob es nicht ebenso alt wie die Materie sei und ob nicht seine Keime von einem Weltkörper zum anderen gelangt seien und sich entwickelt hätten, nach günstigem Boden suchend.353

Gefragt wurde nun, inwiefern das zum Virus aufgekommene Verständnis zur Lösung dieses Problems beizutragen vermag. Die Antworten auf diese Frage fielen aber recht uneinheitlich aus. Schon seit langem sei hier, wie S.Podolsky ausführt, ein Streit darüber im Gange, ob sich ein auf den Zellkern oder den Stoffwechsel zentriertes bzw. ob ein auf „molekulares“ (auf einzelne Moleküle zurückführbares) oder ein auf „metabolisches“ Geschehen angelegtes Konzept besser für das Verständnis des Lebensursprungs eigne – eine Kontroverse zwischen den so genannten „nucleocentrists“ und den „cytoplasmists“.354 Für die erstgenannte Richtung dient das Virus als Modellobjekt, dessen Ausdehnung einen Vergleich mit einem Molekül zulässt und weil es etwas Lebendiges zu sein scheint, obwohl es keinen eigenen Stoffwechselapparat besitzt, so dass es sich zur Behauptung des Primats des Kernmaterials für die Entstehung des Lebens und somit zur Entwicklung eines Gegenentwurfs zum Konzept der „cytoplasmists“ anbietet. „Die anhand der Viren beschriebenen Mechanismen der Vererbung schienen so fundamental, dass eine Zeit lang Viren trotz ihres obligaten Stoffwechsel-Parasitismus als primitivste Lebensformen, als evolutionäre Vorform des Lebens auf dem Weg vom Molekül zur Zelle diskutiert wurden“, wie C.Borck ← 129 | 130 → ausführt.355 Viren lassen sich demnach als primäre Elemente des Lebens betrachten, die einen selbständigen Zweig darstellen, woraus im Verlaufe der Evolution die zellulären Formen entstanden sind. Auch morphologische und chemische Vergleiche der Virusarten scheinen ein Bild vom Übergang lebloser zu lebender Struktur zu vermitteln.356 Mitunter wurde erwogen, dass das Virus vielleicht einem Grenzzustand zwischen Belebtem und Unbelebtem entspreche.

Gegen die Vorstellung, die Virusarten seien Vorstufen der einfachsten lebenden Zellen und deshalb die phylogenetisch erste Form des Lebens, lasse sich aber einwenden, wie J.D.Bernal anmerkt, dass es solche Gebilde gar nicht geben könne, ehe nicht höher organisierte Zellen bestünden, die ihnen ihre Vermehrung ermöglichten. „Auf den ersten Blick […] könnte man glauben, dass die Viren ein Zwischenglied zwischen der lebenden und der unbelebten Materie seien. Die chemische Analyse eines Virus zerschlägt jedoch diese Vorstellung, da sie das Virus als Protein, und zwar nicht als einfaches, sondern als Nukleoprotein ausweist. Das sind Proteine, die Verbindungen mit Nukleinsäuren sind, die ihrerseits wieder eine Verbindung von Gruppen sind, welche Purine, Zucker und Phosphorsäure enthalten […] Nun sind sowohl Proteine als auch Nukleinsäure organische Produkte hoher Komplexität; Viren können also nicht die vermuteten primitiven Organismen sein, eher scheinen sie degeneriert.“ Es könne sich bei den Viren um „entartete Untereinheiten der Zellen höherer Organismen“ handeln, die sich unkontrolliert betätigten, da sie sich in einer fremden Umgebung befänden.357 Manche Forscher sahen in Virusarten eher rückläufige Evolutionsformen ehemals größerer Organismen, rückgebildete, extrem parasitär entartete Organismen, Abkömmlinge von Mikroorganismen, die allmählich von ihren Wirten abhängig geworden seien, wobei ein Verlust an gewissen Strukturen und Funktionen eingetreten sei. Angenommen wurde, dass Viren von pathogenen Bakterien abstammten und die höchste Stufe des Schmarotzertums erreicht sowie die Fähigkeit zur Vermehrung außerhalb einer lebenden Zelle verloren hätten. Nach einer anderen Version entstammten die Viren normalen Zellkomponenten, die sich allmählich ← 130 | 131 → verselbständigt hätten. Sie stünden folglich nicht am Anfang des Lebenden, „da sie ja ohne Enzymapparat selbst Leben voraussetzen, doch erscheinen sie wie Teilsysteme lebender Zellen, da sie der genetischen Substanz derselben zu entsprechen scheinen“, so G.Henneberg 1957.358 Erst in der Wechselwirkung mit den stofflichen Bedingungen des Zellinnern und bei Nutzung der Energie des Metabolismus einer lebenden Zelle erfüllten Viren Kriterien des Lebens, Kriterien wie die zur Reproduktion ihrer Art nötige Vermehrungsfähigkeit und die für Lebewesen kennzeichnende Variabilität und Mutabilität. „Die rezenten Viren können nicht leben, ohne in höher organisierten Zell-Organismen zu parasitieren. Es ist daher wenig wahrscheinlich“, wie N.V.Timofeeff-Ressovsky et al. versichern, „dass Viren die unmittelbaren Vorläufer der Urformen des Lebens auf der Erde waren, obwohl ihr Bau und ihre Funktionen augenscheinlich derartigen Vorläufern ähneln.“359


213 Siehe Teutschlaender: Infektion und Krebs, loc. cit., S. 231.

214 Siehe Herzberg, K.: Das Virusproblem. – In: Medizinische Klinik (Greifswald). 34(1938)1–3, 729–733. Zitiert n. Haagen, E.: Referat. – In: Referateteil der Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 48(1939)3, 164, S. 164.

215 Schramm, G.: Neuere Ergebnisse und Probleme in der Untersuchung der Virusarten. – In: Medizinische Welt (Berlin). 16(1942)15, 379–382, S. 379.

216 Seiffert: Virus und Viruskrankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen, loc. cit., S. 1.

217 Dulbecco, R.: A Consideration of Virus-Host Relationship in Virus-Induced Neoplasia at the Cellular Level. – In: Cancer Research (Philadelphia/Pa.). 20(1960)5, 751–761, S. 760.

218 Michaelis, P.: Zur Theorie der Krebsentstehung. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 56(1948/1950)2, 165–170, S. 165.

219 Andrewes: The Bearing of Recent Work on the Virus Theory of Cancer, loc. cit., S. 81.

220 Loeb, L.: On Translation of Tumors. – In: Journal of Medical Research. New Series (Boston/Mass.). 6(1901)1, 28–38, S. 31. Id.: Über Transplantationen von Tumoren. – In: Virchows Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin (Berlin). Bd. 172, 17. Folge, Bd.II (1903)3, 345–368, 345 f.

221 Loeb: Über Transplantationen von Tumoren, loc. cit., S. 353. Id.: Development of a Sarcoma and Carcinoma after the Inoculation of a Carcinomatous Tumor of the Salivary Gland of Japanese Mouse. – In: Medical School Bulletin of the University of Pennsylvania (Philadelphia/Pa.). 19(1906)6, 113–116. Id.: Further Experimental Investigations into the Growth of Tumors: Development of Sarcoma and Carcinoma after the Inoculation of a Carcinomatous Tumor of the Submaxillary Gland in a Japanese Mouse. – In: Medical School Bulletin of the University of Pennsylvania (Philadelphia/Pa.). 19(1906)7, 223. Hinweis v. Mohr, H.: Referat zu einer Veröffentlichung von Loeb, L.: Further Experimental Investigations into the Growth of Tumors: Development of Sarcoma and Carcinoma after the Inoculation of a Carcinomatous Tumor of the Submaxillary Gland in a Japanese Mouse. – In: Medical School Bulletin of the University of Pennsylvania (Philadelphia/Pa.). 19(1906)7, 223. – In: Referateteil der Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 6(1907)3, 495, S. 495.

222 Loeb: Über Transplantationen von Tumoren, loc. cit., S. 352 f.

223 Ibid., S. 345 f.

224 Herzog, M.: On Tumor Transplantation and Inoculation. – In: Journal of Medical Research. New Series (Boston/Mass.). 8(1902)1, 74–82.3, S. 79 f.

225 Borrel, A.: Le probléme étiologique des Cancer. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 7(1909)1–3, 265–275. Hinweis v. Lewin, C.: Invisibles Virus und maligne Geschwülste. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 22(1925)6, 455–471, S. 456 f. “Although it was a discovery which hindered rather than helped the understanding of the virus concept in years to come, it did lead Borrel on to the study of other virus diseases, and in particular those he called infectious epithelioses in which the virus invades the epithelial cells and causes proliferation”, wie Waterson und Wilkinson meinen. Waterson, A.P./ Wilkinson, L.: An Introduction to the History of Virology. Cambridge/ Mass.: Cambridge University Press 1978, S. 158.

226 Haaland verwies 1905 auf eine am 18. Januar 1902 in Comptes rendus Société de Biologie (Paris) erschienene Arbeit Borrels (ohne weitere Angaben). Haaland: Les tumeurs de la souris, op. cit.

227 Königsfeld, H./ Prausnitz, C.: Filtrierbares, transplantables Mäusekarzinom. – In: Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und Infektionskrankheiten (Jena). 74(1914), Abt.I, Orig., 70–81.

228 Teutschlaender: Infektion und Krebs, loc. cit., S. 229.

229 Büngeler, W.: Geschwulsttransplantation am gespeicherten Tier. – In: Frankfurter Zeitschrift für Pathologie (Frankfurt a.M.). 35(1927)1, 67–82.

230 Haaland, M./ Haaland, M.: On Transference of Mouse Sarcoma Without Cells. – In: Acta pathologica et microbiologica scandinavica (Kopenhagen). 4(1927)1, 39–44.

231 Haaland: Les tumeurs de la souris, op. cit.

232 Roux und Yersin züchteten Diphtheriebakterien in einer Nährbrühe, die sie dann durch einen Filter leiteten. Mit dem bakterienfreien Filtrat konnten sie die wichtigsten Symptome der Diphtherie am Versuchstier hervorrufen, was als Beweis dafür vertreten wurde, dass die Bakterien ein Gift erzeugen, das die Fernwirkungen der Ansteckung erklärt. Roux, E./ Yersin, A.: Contribution á l’étude de la diphtérie. Troisiéme mémoire. – In: Annales de l’Ìnstitut Pasteur (Paris). 3(1890)7, 385–426.

233 Ostertag, H.: Fortschritte in der Krebsforschung. II. Mikrobiologische Probleme der experimentellen Krebstherapie. – In: Naturwissenschaftliche Rundschau (Stuttgart). 11(1958)11, 409–419, S. 415 f.

234 Bohr in einem Vortrag zum Thema „Biologie und Atomphysik“ auf dem Internationalen Kongress für Physik und Biologie zum Gedächtnis von Luigi Galvani in Bologna. Bohr, N.: Atomphysik und menschliche Erkenntnis. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1930–1961. Mit einem Vorwort zur Neuausgabe von K. von Meyen. Braunschweig - Wiesbaden: Vieweg 1985, 12–21, S. 13. Demokrit folgte bei der Erklärung der besonderen Eigentümlichkeiten organischen Lebens atomistischen Vorstellungen, die bei Aristoteles jedoch auf entschiedene Abwehr stießen. Siehe ibid., S. 12. Siehe auch Ausführungen Bohrs in der 1957 vorgenommenen Ausarbeitung einer 1949 gehaltenen Vorlesung zum Thema „Die Physik und das Problem des Lebens“ in der Dänischen Medizinischen Gesellschaft. Bohr: Atomphysik und menschliche Erkenntnis. Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1930–1961, loc. cit., 67–75, S. 67.

235 Siehe Rous/ Murphy: Beobachtungen an einem Hühnersarkom und seiner filtrierbaren Ursache, loc. cit., S. 637.

236 Rous, P.: Viruses and Tumors. – In: Virus Diseases - By Members of the Rockefeller Institute for Medical Research. Ithaca, N.A.: Cornell University Press 1943, 147–170. Hinweis v. Helvoort, T. van: A Century of Research into the Cause of Cancer: Is the New Oncogene Paradigm Revolutionary? – In: History and Philosophy of the Life Sciences (London). 21(1999)3, 293–330, S. 311. Siehe auch Helvoort, T.van: The Construction of Bacteriophage as Bacterial Virus. Linking Endogenous and Exogenous Thought Styles. – In: Journal of the History of Biology (Dordrecht). 27(1994)1, 91–139.

237 Rous, P.: Rous-Papers - APS, folder: Muller, Herman J., Letter from Peyton Rous to Herman J. Muller, October 19, 1948. Zitiert n. van Helvoort: A Century of Research into the Cause of Cancer: Is the New Oncogene Paradigm Revolutionary? Loc. cit., S. 311.

238 Siehe Wallgren, A.: Über geschwulsterzeugendes Agens im zellfreien Geschwulstextrakt. – In: Finska Läkaresällskapets Handlingar (Helsinki). 79(1936), 109–123, S. 123 (deutsche Zusammenfassung). Hinweis v. Gutzeit, R.: Referat dieses Beitrages. – In: Referateteil der Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 45(1937)4, 191–192, S. 191.

239 Fujinami, A./ Inamoto, K.: Geschwülste bei japanischen Haushühnern. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 14(1914)1–3, 94–119, S. 117.

240 Ibid., S. 113 f.

241 Staudinger: Zum Stand der Virusforschung, loc. cit., S. 1069 f.

242 Lewin: Invisibles Virus und maligne Geschwülste, loc. cit., S. 469.

243 Graffi, A.: Zelluläre Speicherung cancerogener Kohlenwasserstoffe (vorläufige Mitteilung). – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 49(1939)5, 477–495, S. 491 ff. Id.: Intrazelluläre Benzpyrenspeicherung in lebenden Normal- und Tumorzellen (II.Mitteilung). – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 50(1940)2, 196–218. Auch Darlington folgte der Idee, dass Viren ursprünglich Komponenten von zellulären Organellen gewesen seien, die sich zu größerer Unabhängigkeit von der Zelle entwickelt hätten. Darlington, C.D.: Heredity, Development and Infection. – In: Nature (London). 154(1944)3901, 164–169.

244 Nothdurft, H.: Zur Theorie der primären Geschwulstursachen. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 56(1949)3, 176–204, S. 199 f. Dieser Begriff wurde 1898 von Carl Benda eingeführt. Benda, C.: Ueber die Spermatogenese der Vertebraten und höherer Evertebraten, II. Theil: Die Histogenese der Spermien. Vortrag. – In: Archiv für Physiologie. Physiologische Abtheilung des Archives für Anatomie und Physiologie und wissenschaftliche Medicin (Leipzig). 73(1898), 393–398, S. 397.

245 Seyfarth, W.: Über das Studium der Mitochondrien der Tumorzelle. 2. Mitteilung. – In: Die Naturwissenschaften (Berlin). 39(1952)8, 192, S. 192. Siehe auch id.: Mitochondrien in Tumorzellen als Eigenkörper. – In: Die Naturwissenschaften (Berlin). 39(1952)4, 91–92, S. 91.

246 Köhler, E.: Fortschritte in der Virusforschung bei Pflanzen. – In: Naturwissenschaftliche Rundschau (Stuttgart). 8(1955)9, 337–344, S. 340.

247 Die Ansicht, dass es eine spezielle Eigenschaft der Pflanzenviren sei, kristallisierbar zu sein, musste seit der Darstellung von kristallinem Poliomyelitisvirus durch Schaffer und Schwerdt fallen gelassen werden. Mit dieser Entdeckung wurde erstmals ein tierpathogenes Virus isoliert. Schaffer, F.L./ Schwerdt, C.E.: Some Physical and Chemical Properties of Purified Poliomyelitis Virus Preparations. – In: Annals of the New York Academy of Sciences (New York). 61(1955)4, 740–750. Dieselben: Crystallization of Purified MEF-1 Poliomyelitis Virus Particles. – In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the U.S.A. (Washington). 41(1955)12, 1020–1023.

248 Jordan, P.: Die Physik und das Geheimnis des organischen Lebens. Braunschweig: Vieweg 1949 (6. Aufl.).

249 Staudinger: Zum Stand der Virusforschung, loc. cit., S. 1073.

250 Ruska, H.: Fragen der Virusforschung. – In: Forschungen und Fortschritte (Berlin). 17(1941)33/34, 363–365, S. 365. Siehe auch Herzberg: Virusarten und Ansteckungsstoffe, loc. cit., S. 899.

251 Siehe Andrewes, C.H.: Latent Virus Infections and Their Possible Relevance to the Cancer Problem. – In: Proceedings of the Royal Society of Medicine (London). 33(1939)2, 75–86. Parnes, V.S.: Krebsviren. Suche, Gedanken, Theorien, Ausblick. Berlin: Akademie Verlag 1983, S. 12: Man müsse nach onkogenen und infektiösen Viren unterscheiden, um dieser Erklärungsschwierigkeit Herr zu werden. Onkogene Viren entstünden „nicht im Organismus selbst, sondern dringen von außen ein; darin liegt ihre Ähnlichkeit mit infektiösen Viren. Der durch sie bewirkte Prozess unterscheidet sich […] von den üblichen Infektionskrankheiten, die mit Fieber und Gewebezerstörung einhergehen; ihm liegt […] eine erbliche Veränderung der Zelleigenschaften zugrunde, der Übergang zur Bösartigkeit. Nachdem das Virus die normale Zelle in eine bösartige umgewandelt hat, wirkt es auf die weitere Entwicklung des Tumors nicht mehr ein.“

252 Siehe Doerr, R.: Die invisiblen Ansteckungsstoffe und ihre Beziehungen zu Problemen der allgemeinen Biologie. – In: Klinische Wochenschrift (Berlin). 2(1923)20, 909–912, S. 909.

253 Siehe Seiffert: Virus und Viruskrankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen, loc. cit., S. 9. Smith, K.M.: Some Aspects of the Plant Virus Problem. – In: Smithsonian Report (Washington). 31(1936), 345–352.

254 Bauer: Das Krebsproblem, loc. cit., S. 324.

255 Ibid., S. 300.

256 Siehe Burnet/ Andrewes: Über die Natur der filtrierbaren Vira. Überblick über neuere Virusuntersuchungen unter besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Arbeiten aus dem National Institute for Medical Research, London, loc. cit., S. 167.

257 Boycott: President’s Address: The Transition from Live to Dead: the Nature of Filterable Viruses, loc. cit., S. 65.

258 Murphy, J.B.: Experimental Approach to the Cancer Problem. – In: Bulletin of the John Hopkins Hospital (Baltimore/ Md.). 56(1935), 1–31. Hinweis v. Seiffert: Virus und Viruskrankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen, loc. cit., S. 9.

259 Griffith, F.: The Significance of Pneumococcal Types. – In: Journal of Hygiene (London). 27(1928)2, 113–159.

260 Alloway, J.L.: The Transformation in Vitro of r Pneumococci into s Form of Different Specific Types by the Use of Filtered Pneumococcus Extracts. – In: Journal of Experimental Medicine (New York). 55(1932)1, 91–99.

261 Murphy, J.B./ Sturm, E.: Further Observations on Experimentally Produced Sarcoma of Chicken. – In: Journal of Experimental Medicine (New York). 47(1928)4, 493–502, S. 501.

262 Murphy, J.B. – In: Report of International Conference on Cancer. London: 1928, 33. Zitiert n. Burnet/ Andrewes: Über die Natur der filtrierbaren Vira. Überblick über neuere Virusuntersuchungen, unter besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Arbeiten aus dem National Institute for Medical Research, London, loc. cit., S. 173 (ohne Titelangabe).

263 Burnet/ Andrewes: Über die Natur der filtrierbaren Vira. Überblick über neuere Virusuntersuchungen, unter besonderer Berücksichtigung der einschlägigen Arbeiten aus dem National Institute for Medical Research, London, loc. cit., S. 173. Anfangs hatte sich das Rous-Sarkom aber nur auf Küken zellfrei übertragen lassen, dazu lediglich in mäßigen Prozentsätzen und auch nur dann, wenn die Küken der gleichen Hühnerrasse angehörten und noch dazu dem Filtrat Kieselgur zugesetzt wurde.

264 “These researchers have me led me to look upon cancer – using the term in its widest sense – as a specific disease caused by a virus (or group of viruses).” Gye: The Aetiology of Malignant New Growths, loc. cit., S. 117. Zitiert n. Waterson/ Wilkinson: An Introduction to the History of Virology, loc. cit., S. 160 f.

265 Flu, P.G.: Untersuchungen über das Roussarkom in Beziehung zu den Gye’schen Veröffentlichungen über die Ursache bösartiger Geschwülste. – In: Nederlandsch Tijdschrift voor Geneeskunde (Harlem). (1926)2, 366–389.

266 Graffi: Intrazelluläre Benzpyrenspeicherung in lebenden Normal- und Tumorzellen (II. Mitteilung), loc. cit., S. 216 f.

267 Passey, R.D.: Beitrag auf dem 5. Internationalen Krebskongress in Paris. Nach einem Bericht von Hinsberg/ Berendt: Bericht über den 5. Internationalen Krebskongress in Paris vom 16- bis 22. Juli 1950, loc. cit., S. 194.

268 Mancherorts hat es auch, wie man einer Studie entnehmen kann, Zeiten gegeben, wo die Muttermilch unter bakteriologischem Blickwinkel “was not grasped as a nutrient with possible disease preventing effects […]” Die Bakteriologie “rather enacted milk as a carrier of potentially deadly diseases. This is intimately linked to the fact that the milk issue was far from only a theoretical or academic problem.” In einigen Großstädten “a series of so-called milk epidemics emerged in these years. In Kristiana the incidents were subjected to a range of concerned discussions, not to say controversies, referred to in detail and in full length in the medical journals as well as in reports from discussions in […] the Medical Society […] Already the fact that outbreaks of diseases among certain neighborhoods in the city were conceptualized as milk-epidemics; i.e. that the diseases were specifically linked with a particular object may be related to a new way of approaching diseases. These disease-outbreaks were not, for instance, linked with theories of miasmas that were floating freely in the soil or in the air - potentially present everywhere. On the contrary, this was being related to, in principle, identifiable agencies (bacteria) that were potentially carriers of diseases.” Asdal, K.: Versions of Milk and Versions of Care: The Emergence of Mother’s Milk as an Interested Object and Medicine as a Form of Dispassionate Care. – In: Science in Context (Cambridge/ U.K.). 27(2014)2, 307–331, S. 316.

269 Kevles: Forschungen gegen den Strom: Eine Geschichte von Mut, Viren und Krebs, loc. cit., S. 82 f.

270 Zitiert n. Kevles: Forschungen gegen den Strom: Eine Geschichte von Mut, Viren und Krebs, loc. cit., S. 83 (ohne Quellenangabe).

271 Butenandt, A.: Biochemische Untersuchungen zum Problem der Krebsentstehung. – In: Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft für innere Medizin. 55. Kongress, gehalten zu Wiesbaden vom 25. bis 28. April 1949. München: J.K.Bergmann 1949, 342–364, S. 364 (ohne Quellenangabe).

272 Carrel, A.: Essential Characteristics of a Malignant Cell. – In: The Journal of the American Medical Association (Chicago). 84(1925)3, 157–158.

273 Hallauer, C.: Die Viruszüchtung im Gewebsexplantat. – In: Handbuch der Virusforschung. Erste Hälfte, loc. cit., S. 399.

274 Ibid., S. 368.

275 Siehe Eriksson-Quensel, I.-B./ Svedberg, Th.: Sedimentation and Electrophoresis of the Tobacco Mosaic Virus Protein. – In: Journal of the American Chemical Society (Washington). 58(1936)10, 1863–1867.

276 Bawden, F.C. et al.: Liquid-Crystalline Substances from Virus Infected Plants. – In: Nature (London). 138(1936)3503, 1051–1052.

277 Lauffer, M.: Contributions of Early Research of Tobacco Mosaic Virus. – In: Trends in Biochemical Sciences (London et al.). 21(1984)9, 369–371, S. 370. Siehe Steere, R.L./ Williams, R.C.: Identification of Crystalline Inclusion Bodies Extracted Intact from Plant Cells Infected with Tobacco Mosaic Virus. – In: American Journal of Botany (St. Louis/ Miss.). 40(1953)2, 81–84.

278 Stanley, W.M.: Virus Proteins – A New Group of Macromolecules. – In: Journal of Physical Chemistry (USA). 42(1938)1, 55–70, S. 57.

279 Stanley: Beziehungen zwischen Viren und Krebs, loc. cit., S. 408.

280 Bauer: Das Krebsproblem, loc. cit., S. 325 f.

281 Ibid., S. 323.

282 Borst, M.: Krebstheorie und die Mischgeschwülste. – In: Schweizerische Medizinische Wochenschrift (Basel). 68(1938), 811. Vgl. Fuchs, H.J./ Kowarzyk, H.: Maligne Zelle und Embryonalzelle. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 42(1935)1, 449–473, S. 464: Die maligne Zelle betrachten die Autoren als eine Embryonalzelle, die in einem (mit Hilfe eines mikrochemischen Verfahrens scharf umrissenen) Entwicklungsstadium stecken geblieben sei, so dass sie sich nicht weiter ausdifferenziere, wozu eine Embryonalzelle normalerweise imstande sei. Warburg folgend, gehen sie davon aus, dass die Atmung einer Geschwulstzelle von der einer Normalzelle kaum zu unterscheiden sei. Auch deren Glykolyse soll annähernd der einer Normalzelle gleichen, so dass die Tumorzelle nur als eine Zelle mit blockierter Differenzierungstendenz zu bestimmen sei (weiter unten wird das Konzept Warburgs erörtert).

283 Domagk, G.: Die experimentelle Geschwulstforschung. – In: Handbuch der allgemeinen Pathologie, loc. cit., 242–367, S. 278.

284 Benda, C.: Referat (zu einer Veröffentlichung von R.Borrmann: Die Entstehung und das Wachstum des Hautkarzinoms nebst Bemerkungen über die Entstehung der Geschwülste im allgemeinen. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 2(1904)1/2, 1–170). – In: Zeitschrift für ärztliche Fortbildung (Jena). 2(1905)18, 582–584, S. 583.

285 Teutschlaender: Infektion und Krebs, loc. cit., S. 247.

286 Doch glaubte er nicht, das Viruskonzept deshalb ablehnen zu müssen. Andrewes, C.H.: The Bearing of Recent Work on the Virus Theory of Cancer. – In: The British Medical Journal (London). 1(1950)4645, 81–85, S. 82. “One of the established facts of cancer research is that mammary cancers on continued transplantation may induce malignant transformation of their supporting stroma. It thus seems possible that there may appear a variant of an epitheliotropic virus having the power to infect connective tissue […] It seems as though when an established equilibrium is upset the virus may enter a plastic state. If such were the case one of the great objections to the virus theory would be overcome, for the existence of infinitely numerous tumour viruses would not have to be envisaged.” Ibid., S. 82 f. Fischer-Wasels hatte 1936 Brei aus dem Gewebe von Mäusegeschwülsten mit Embryonen verschiedener Tierarten vermengt und versucht, diese Mischung auf Tiere der gleichen Art und auch anderer Arten (auf Ratten und Hähne) zu übertragen, was aber nicht zum Nachweis eines spezifischen Agens in den Zellen der bösartigen Wirbeltiergeschwülste führte. Fischer-Wasels, B.: Versuche zum Nachweis des spezifischen Agens (Virusenzyms) bei bösartigen Geschwülsten. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 44(1936)1, 157–159, S. 157.

287 Borst: Krebstheorie und die Mischgeschwülste, op. cit.

288 Ladewig, P.: Beiträge zur Kenntnis des Shopeschen Cottontail-Rabbit-Papilloms und seines „filtrierbaren Erregers“. V. Ergebnisse der Herzbergschen Virusfärbung am Material vom Shopeschen Cottontail-Kaninchen-Papillom. – In: Schweizer Zeitschrift für allgemeine Pathologie und Bakteriologie (Basel). 1(1938)1–6, 240–244.

289 Flu: Untersuchungen über das Roussarkom in Beziehung zu den Gye’schen Veröffentlichungen über die Ursache bösartiger Geschwülste, op. cit. Id.: Untersuchungen über das Roussarkom in Beziehung zu den Gye’schen Arbeiten. – In: Nederlandsch Tijdschrift voor Geneeskunde (Harlem). (1926)1, 1630–1637. Hinweise von Zeehulsen, H.: Rezension. – In: Zentralblatt für innere Medizin (Leipzig). 48(1927)52, 1251–1252 (ohne Seitenangaben).

290 Fuchs, H.J.: Die Bedeutung der „CaR“ für das Krebsproblem und andere Forschungsgebiete. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 44(1936)1, 384–404, S. 392.

291 Haaland/ Haaland: On Transference of Mouse Sarcoma Without Cells, op. cit.

292 Carruthers, Ch.: The Biochemistry of Neoplastic Tissue. – In: Annual Review of Biochemistry (Palo Alto/ Cal.). 19(1950), 389–408, S. 401.

293 Schmidt: Über die Virustheorie - Induktionstheorie - der Krebsentstehung, loc. cit., S. 5.

294 Siehe Andrewes, C.H.: Evidence for the Presence of Virus in a Non-Filterable Tar Sarcoma of the Fowl. – In: Journal of Pathology and Bacteriology (Edinburgh). 43(1936)1, 23–33.

295 McIntosh, J.: Virus Infections in Tar-Induced Tumours (Sarcomata) of the Fowl. – In: Second International Congress for Microbiology. London 1936. Reports of Proceedings. London: John-Brooks 1937, S. 97. Hinweis v. Doerr: Die Entwicklung der Virusforschung und ihre Problematik, loc. cit., S. 49. Siehe auch McIntosh, J./ Selbie, F.R.: Further Observations on Filterable Tumours Induced in Fowls by Injection of Tar. – In: British Journal of Experimental Pathology (London). 20(1939)1, 49–63.

296 Ellis, E.L.: Bakteriophagen: Einstufenvermehrung. – In: Phagen und die Entwicklung der Molekularbiologie, loc. cit., 61–71, S. 62.

297 Bauer, K.H.: Mutationstheorie der Geschwulstentstehung: Übergang von Körperzellen in Geschwulstzellen durch Gen-Änderung. Berlin: Springer 1928. Später wurden überdies etliche Versuche unternommen, um zu erfahren, ob karzinogene Agenzien auch in niederen Lebensformen somatische Mutationen verursachen. Tests mit Drosophila hatten gezeigt, dass ein paar Karzinogene permanent biochemische Veränderungen in Zellen, die ihnen ausgesetzt sind, bewirken können. Tatum und Barret fassten 1958 die Ergebnisse ihrer Arbeiten zu mutagenen Effekten von krebsbewirkenden Kohlenwasserstoffen auf Neurospora zusammen, indem sie erklärten, dass sie “at least not inconsistent with the somatic mutation hypothesis” seien. Barret, R.W./ Tatum, E.L.: Carcinogenic Mutagens. – In: Annals of the New York Academy of Sciences (New York). 71(1958)6, 1072–1084, S. 1072.

298 Boveri, Th.: Ueber mehrpolige Mitosen als Mittel zur Analyse des Zellkerns. – In: Verhandlungen der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft zu Würzburg (1902). Neue Folge, Bd. 35 (Würzburg), 67–90.

299 Boveri, Th.: Zur Frage der Entstehung maligner Tumoren. Jena: Fischer 1914. Boveri gilt als der Schöpfer der Chromosomentheorie des Krebses. Siehe auch Malinckrodt, E. von: Die Krebstheorie Theodor Boveris und ihre Bedeutung für die Tumortheorien im 20. Jahrhundert. (Dissertation) Bochum: Universität, St.Joseph - Hospital, Medizinische Klinik 1988.

300 Cairns, J.: Cancer: Science and Society. San Francisco: W.H.Freeman 1978, S. 93 f. Zitiert n. Fujimura: Crafting Science, loc. cit., S. 61.

301 Siehe Bauer: Das Krebsproblem, loc. cit., 531–545.

302 Ibid., S. 398.

303 Siehe Bauer, K.H.: Über neuere Ergebnisse der Krebsforschung. Vortrag im Rahmen einer Sitzung der Medizinischen Gesellschaft Frankfurt vom 7. Juli 1948. – In: Klinische Wochenschrift (Berlin). 27(1949)33/34, 582–583, S. 582.

304 Bauer, K.H.: Die Mutationstheorie der Krebsentstehung im Lichte ihrer physikalischen und chemischen Beweismittel. – In: Münchner Medizinische Wochenschrift (München). 90(1943)48/49, 681–687, S. 686.

305 Rajewsky, B.: Zur Mutationstheorie der Krebsentstehung. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 56(1949)3, 274–284, S. 275. Der Autor verweist in diesem Zusammenhang auf einen Mitte des 20. Jahrhunderts ausgetragenen Streit, ob Krebs eine Erkrankung des Körpergewebes oder eine des ganzen Organismus ist. Es habe Feststellungen gegeben, „die für die eine und viele, die für die andere Möglichkeit sprechen, zugleich […] solche, die mit den beiden Auffassungen verträglich sind.“ Ibid.

306 Andrewes: The Bearing of Recent Work on the Virus Theory of Cancer, loc. cit., S. 81.

307 Berenblum, I.: Infektionstumoren und Krebs. – In: Archiv für Geschwulstforschung. Organ für Krebsforschung, -bekämpfung und -statistik, 4. Band. Dresden: Steinkopff 1952, S. 69. Hinweis v. Fujimura, J.H.: Standardizing Practices: A Socio-History of Experimental Systems in Classical Genetic and Virological Cancer Research, ca. 1920–1978. – In: History and Philosophy of Life Sciences (London). 18(1996)1, 3–54, S. 44. Siehe auch Berenblum, I.: Changing Trends in Carcinogenesis. – In: Theories and Models in Cellular Transformation. Hrsg. v. L.Santi und L. Zardi. London: Academic Press 1985, 135–153, S. 147 f.

308 Dies hielt er aber nicht für etwas, weshalb jener Theorie grundsätzlich widersprochen werden müsste. Danneel, R.: Theorien der Krebsentstehung und ihre Unterlagen. – In: Deutsche Medizinische Wochenschrift (Leipzig). 71(1946)5, 52–56.

309 Watson, J.D.: Molecular Biology of the Gene. New York: W.A.Benjamin 1970, S. 598. Doch fügte er hinzu: “Even without evidence, however, it is clear that somatic mutations must occur; it would be surprising if at least some did not disrupt the normal control of cell division.” Ibid.

310 Borst, M.: Mutationen durch Röntgenstrahlen. – In: Münchner Medizinische Wochenschrift (München). 78(1928)1, 11–13.

311 Hinweis v. Schmidt: Über die Virustheorie - Induktionstheorie - der Krebsentstehung, loc. cit., S. 26 f.

312 Ibid., S. 25.

313 Druckrey, H./ Altmann, H.-W./ Schmähl, D.: Der Gewebsstoffwechsel als innere Krankheitsursache für die Krebsentstehung. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 56(1950)6, 601–614, S. 610 f. Die kürzeste bisher beobachtete Zeit betrage 34 Stunden, und zwar bei „Buttergelb“ im Falle dauernder Anwendung sehr hoher Tagesgaben. Ibid.

314 Leupold, E.: Der Zell- und Gewebsstoffwechsel als innere Krankheitsbedingung. Leipzig: Thieme 1945, S. 45 ff.

315 Schmidt: Über die Virustheorie - Induktionstheorie - der Krebsentstehung, loc. cit., S. 29 f.

316 Ibid., S. 30.

317 Ibid., S. 53.

318 Rous, P.: Surmise and Fact on the Nature of Cancer. – In: Nature (London). 183(1959)4672, 1357–1361, S. 1361. Siehe id.: Summary of Informal Discussions. – In: Cancer Research (Philadelphia/Pa.). 20(1960)5, 707–711, S. 711. Siehe auch Studer, K.E./ Chubin, D.E.: The Cancer Mission: Social Contexts of Biomedical Research. London et al.: Sage 1980, S. 108 f.

319 Hinweis v. Fujimura: Crafting Science, loc. cit., S. 60.

320 Atkins, H.J.B.: Surgery. – In: The British Encyclopaedia of Medical Practice. Medical Progress 1960. Editor in Chief: The Lord Cohen of Birkenhead. London: Butterworth & Co. (Publishers), Ltd. 1960, 27–51, S. 27 f.

321 Schmidt: Über die Virustheorie - Induktionstheorie - der Krebsentstehung, loc. cit., S. 32.

322 Siegmund, H.: Wesen und Ursachen bösartiger Geschwulsterkrankung. – In: Naturwissenschaftliche Rundschau (Stuttgart). 8(1955)9, 347–352, S. 349 f. Als „Duplikanten“ bezeichnete Nothdurft „sich selbstduplizierende bzw. dupliziert werdende, mutationsfähige Einheiten […] Sie sind wohl stets als Makromoleküle von Nucleoproteidnatur zu denken.“ Nothdurft, H.: Über ein Modell der Geschwulstzellentstehung und über die experimentelle Erzeugung plasmatisch vererbter Tomatenmerkmale mittels cancerogener Kohlenwasserstoffe. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 56(1949)3, 234–241, S. 236.

323 Es sei aber, so Marquardt 1958, „noch nicht gelungen, die Natur der extrakaryotischen Erbträger soweit aufzuklären, dass wir in der Lage wären, an ihnen Mutationsvorgänge nachzuweisen. Deswegen beziehen sich alle Aussagen zur Mutationsforschung ausschließlich auf die erbtragenden Strukturen des Zellkerns.“ Marquardt, H.: Die somatischen Mutationen. Neuere Probleme der experimentellen Mutationsforschung. – In: Deutsche Medizinische Wochenschrift (Stuttgart). 83(1958)39, 1721–1725, S. 1722.

324 Siehe Harwood, J.: Gesellschaftsstruktur als Analogie: Genetiker stellen sich die Zelle vor. Zusammenfassung eines Vortrags, gehalten auf dem XXVI. Symposium der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte. „Analogien in den Wissenschaften“, 12. bis 14. Mai 1988 in Stuttgart. – In: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte (Weinheim). 12(1989)3, 157–158, S. 157.

325 Nothdurft: Zur Theorie der primären Geschwulstursachen, op. cit.

326 Nothdurft: Über ein Modell der Geschwulstzellentstehung und über die experimentelle Erzeugung plasmatisch vererbter Tomatenmerkmale mittels cancerogener Kohlenwasserstoffe, loc. cit., S. 234.

327 Nothdurft: Zur Theorie der primären Geschwulstursachen, loc. cit., S. 186 f.

328 Butenandt: Biochemische Untersuchungen zum Problem der Krebsentstehung, loc. cit., S. 363.

329 Warburg, O.H.: Krebsforschung. – In: Die Naturwissenschaften (Berlin). 41(1954)21, 485–486, S. 485.

330 Warburg, O. (unter Mitwirkung von K.Gawehn et al.): Partielle Anaerobiose der Krebszellen und Wirkung der Röntgenstrahlen auf Krebszellen. – In: Die Naturwissenschaften (Berlin). 46(1959)2, 25–29, S. 25 Atkins verwies 1960 auf Studien, die gezeigt hätten, dass in den Krebszellen der „fermentative metabolism replaced oxidative metabolism to a very considerable degree. It was considered that the process occurred in two stages: first an irreversible damage was sustained by the normal mechanism of respiration, and this was followed by a prolonged period of replacement of respiration energy by fermentation energy.“ Atkins: Surgery, loc. cit., S. 29.

331 Es war seinerzeit noch strittig, ob Mitochondrien Zellbestandteile oder Eigenköper sind. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte Altmann winzige kugelförmige und längliche Partikel im Zellplasma gefunden. In diesen Körperchen (er nannte sie „Bioblasten“, worunter er so etwas wie „Keime des Lebens“ verstand) sah er autonome Organellen, die einen großen Teil der Arbeit in der Zelle verrichteten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte man die schon fast vergessenen Bioblasten erneut im Ergebnis der Einwirkung eines neuen Farbstoffes (Janus-Grün) auf die Zelle. Diese Körperchen wurden bald in Mitochondrien umbenannt. Ihre Funktion blieb aber zunächst unbekannt. Später sah man in ihnen so etwas wie das „Kraftwerk der Zelle“. Siehe Altmann, R.: Die Elementarorganismen und ihre Beziehung zu den Zellen. Leipzig: Veit & Co. 1894.

332 Siehe Warburg, O.H.: Über die Entstehung der Krebszellen. – In: Krebsforschung und Krebsbekämpfung. Vierte Jahrestagung des Deutschen Zentralausschusses für Krebsbekämpfung und Krebsforschung in Stuttgart vom 24. bis 27. Mai 1955. Hrsg. v. A.Dietrich. München - Berlin: Verlag von Urban & Schwarzenberg 1956, 3–13, S. 9.

333 Davis, J.E.: The Production of Tumour and Tumour-like Growths in Rats. – In: Canadian Medical Association Journal (Ottawa). 36(1937)3, 237–241. Siehe auch Wetzler-Ligeti, C./ Willheim, R.: Koktosstabile Atmungskatalysatoren und Carcinom. – In: Klinische Wochenschrift (Berlin). 14(1935)35, 1255.

334 Zu den Gegnern gehörten Autoritäten wie Richard Willstädter, Hans Euler, Carl Oppenheimer und Thorsten Thunberg. Siehe Gentz-Werner, P.: Otto Heinrich Warburg - ein egozentrisches Genie? Versuch eines Essays. – In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Naturwissenschaftliche Reihe (Jena). 37(1988)2, 289–293, S. 291.

335 Siehe Deich, F.: Bericht zum Deutschen Krebskongress 1959. – In: Naturwissenschaftliche Rundschau (Stuttgart). 12(1959)5, 192 (ohne Quellenangabe).

336 Siehe Rigler, R.: Probleme der Krebsforschung. – In: Universitas. Orientierung in der Wissenschaft (Stuttgart). 9(1954)1, 1. Bd., 45–49, S. 45 f.

337 Burnet: Cancer - a Biological Approach. I. The Processes of Control, loc. cit., S. 779 f.

338 Büchner F.: Vortrag auf der 12. Deutschen Therapiewoche in Karlsruhe 1960. Hinweis v. Pollack, M.: Verhandlungsberichte. Zwölfte Deutsche Therapiewoche in Karlsruhe vom 28. August bis 3. September 1960. – In: Deutsche Medizinische Wochenschrift (Stuttgart). 85(1960)42, 1859–1860, S. 1860.

339 Hadjiolov, A.A.: Über die Atmungsveränderungen bei der Lebercancerogenese im Vergleich zu Veränderungen in der Desoxyribonucleinsäure. – In: Die Naturwissenschaften (Berlin). 45(1958)6, 136–137, S. 136 f.

340 Schmidt, C.G.: Über die biologische Oxydation und Glykolyse in Tumoren. – In: Klinische Wochenschrift (Berlin). 33(1955)17/18, 409–419, S. 418.

341 Furth, J.: A Meeting of Ways in Cancer Research: Thoughts on the Evolution and Nature of Neoplasms – In: Cancer Research (Philadelphia/Pa.). 19(1959)3, 241–258. Atkins fügt hinzu, dass solche Fragen zeigten, dass womöglich noch etliche Jahre sorgfältiger Untersuchungen nötig seien, “before the Warburg theory of anaerobic glycolysis can be asseverate with confidence.” Atkins: Surgery, loc. cit., S. 30.

342 Weinhouse, S.: The Warburg Hypothesis Fifty Years Later. – In: Zeitschrift für Krebsforschung (Berlin). 87(1976)2, 115–126. Siehe auch Weinhouse, S. et al.: Glucose Metabolism in a Low-Glycolysing Tumour, the Morris Hepatoma 5123. – In: Nature (London). 195(1962)4837, 153–155 (mit dem Morris-Hepatom ist ein bestimmter Lebertumor gemeint – K.L.). Hinweis v. Langen, P.: Stoffwechsel der Tumoren. – In: Die Bedeutung Otto Warburgs für die Entwicklung der Biochemie, Zellbiologie und Medizin. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR (Berlin). Mathematik - Naturwissenschaften - Technik: (1985)3 N. Hrsg. v. S.M. Rapoport, P.Langen und E.Hofmann, 15–24, S. 17. Siehe auch Frisch-Niggemeyer, W.: Probleme der Biochemie von heute. – In: Naturwissenschaftliche Rundschau (Stuttgart). 12(1959)1, 254–257, S. 256. Morris, H.P.: Studies on the Development, Biochemistry and Biology of Experimental Hepatomas. – In: Advances in Cancer Research (San Diego - New York - Berkely). 9(1965), 227–302.

343 Busch, H./ Seeber, S.: Klinische Onkologie. Stuttgart - New York: Georg Thieme 1985, S. 111.

344 Fischer: Die Ätiologie der Geschwülste, loc. cit., S. 391.

345 Siehe Rusch, H.P.: Changing Horizons in Cancer Research. – In: Aktuelle Probleme aus dem Gebiet der Cancerologie. Symposium anlässlich des 75. Geburtstages von K.H.Bauer. Hrsg. v. R.Doerr, F.Linder und G.Wagner. Berlin et al.: Springer 1966, 151–155, S. 152. Man gehe nunmehr, so Modrow und Falke, davon aus, dass etwa 15 bis 20 % aller humanen Krebserkrankungen ätiologisch mit Virusinfektionen verbunden seien. Modrow, S./ Falke, D.: Molekulare Virologie. Heidelberg - Berlin - Oxford: Spektrum Akademischer Verlag GmbH 1997, S. 39.

346 Syverton, J.T.: Comments. – In: Cancer Research (Philadelphia/Pa.). 20(1960)5, 805, S. 805.

347 Stanley, W.M.: Die Virusätiologie des Karzinoms. – In: Der Krebsarzt (Wien). 12(1957)1, 31–32, S. 31 f.

348 Stanley, W.M.: Bericht über die Jahreskonferenz der Amerikanischen Gesellschaft für Krebsforschung im Jahre 1956. – In: Universitas. Orientierung in der Wissenschaft (Stuttgart). 11(1956)9, 2. Bd., 994. Köhler/ Mochmann: Meilensteine der Bakteriologie, loc. cit., S. 533. Die Zucht menschlicher Zellen in vitro in der Gewebskultur würde, so Stanley, bedeutende experimentelle Möglichkeiten eröffnen. Stanley: Beziehungen zwischen Viren und Krebs, loc. cit., S. 403.

349 Stanley, W.M.: Virus-Induced Neoplasia. Outlook for the Future. – In: Cancer Research (Philadelphia/Pa.). 20(1960)5, 798–804, S. 799.

350 Oberling, Ch.: Vortrag auf einem Symposion von Krebsforschern 1969 in Berlin (DDR). Siehe Tagungsbericht. – In: Universitas. Orientierung in der Wissenschaft (Stuttgart). 115(1960)2, 1. Bd., 232–233, S. 232.

351 Ostertag: Fortschritte in der Krebsforschung. I. Mikrobiologische Probleme in der ätiologischen Geschwulstforschung, loc. cit., S. 127.

352 Butenandt, A.: Was bedeutet Leben unter dem Gesichtspunkt der biologischen Chemie? – In: Universitas. Orientierung in der Wissenschaft (Stuttgart). 10(1955)1, 475–482, S. 478 f. Siehe auch id.: Neuartige Probleme und Ergebnisse der biologischen Chemie. – In: Die Naturwissenschaften (Berlin). 42(1955)6, 141–149.

353 Helmholtz, H. von: Vorrede. – In: Handbuch der theoretischen Physik, 2. Teil des 1. Bandes. Hrsg. v. W.Thomson und P.G.Tait. Autorisierte Übersetzung von H. von Helmholtz und G.Wertheim. Braunschweig: F.Vieweg 1874, S. VI-VII. Hinweis v. Engels, F.: Dialektik der Natur. Berlin: Dietz Verlag 1959, S. 317, 392. Siehe auch Wachholder, K.: Das Problem der Entstehung des Lebens auf der Erde. – In: Universitas. Orientierung in der Wissenschaft (Stuttgart).11(1956)6, 1. Bd., 613–623, S. 616.

354 Podolsky, S.: The Role of the Virus in Origin-of-Life Theorizing. – In: Journal of the History of Biology (Dordrecht et al.). 29(1996)1, 79–126.

355 Borck, C.: Vivarium des Wissens. Kleine Ontologie des Schnupfens. – In: Virus! Mutationen einer Metapher. Hrsg. v. R. Mayer und B.Weingart. Bielefeld: Transcript Verlag 2004, 34–60, S. 53. Siehe auch Morse, St. S.: Evolving Views of Viral Evolution. Towards an Evolutionary Biology of Viruses. – In: History and Philosophy of the Life Sciences (London). 14(1992)2, 215–248.

356 Siehe Butenandt: Was bedeutet Leben unter dem Gesichtspunkt der biologischen Chemie? Loc. cit., S. 480 f.

357 Bernal, J.D.: Die Wissenschaft in der Geschichte. Berlin: VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften 1961, S. 623 f.

358 Henneberg, G.: Entwicklung und Stand der Virusforschung. – In: Universitas. Orientierung in der Wissenschaft (Stuttgart). 12(1957)6, 1. Bd., 591–600, S. 591.

359 Timofeeff-Ressovsky, N.V./ Voroncov, N.N./ Jablokov, A.N.: Kurzer Grundriss der Evolutionstheorie. – In: Genetik. Grundlagen, Ergebnisse und Probleme in Einzeldarstellungen. Hrsg. v. H.Stubbe (Beitrag 7). Jena: VEB Gustav Fischer Verlag 1975, S. 42.