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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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5. Sind empirische Fortschritte überhaupt von Bedeutung für den Abbau wissenschaftlicher Kontroversen?

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„Nur dadurch, dass man an die Stelle der conflicting dogmas die conflicting facts und die realen Gegensätze stellt, die ihren verborgenen Hintergrund bilden, kann man die politische Ökonomie in eine positive Wissenschaft verwandeln“, wie sich Karl Marx in einem 1868 geschriebenen Brief äußert.360 Soll das heißen, dass es lediglich darauf ankam, sich einer von Lehrmeinungen ungetrübten Faktenbewertung zu befleißigen, um Gegensätze zwischen politökonomischen Dogmen zu tilgen? Aber wie lässt sich eine solche Antwort auf die Frage damit vereinbaren, dass ja Fakten mit einander entgegengesetzten Bedeutungen dadurch zustande kommen, dass sie unter der Voraussetzung einander widersprechender Dogmen konstruiert worden sind, so dass man sich ihrer auch nicht einfach auf empirischem Wege entledigen kann? Die Vorstellung, dass „über die […]Resultate empirischer Methoden die im Feld der Theorie fehlende Einheit des Faches gestiftet werden könne, scheint“, wie K.Amann und St.Hirschauer am Beispiel der Soziologie ausführen, „immer noch eine […] verlockende Perspektive zu sein.“ Doch gehöre „die Pazifizierung theoretischer Kontroversen durch eindeutige Daten“ zu den uneinlösbaren Ansprüchen, die mit den Methoden verbunden würden361, uneinlösbar deshalb, weil, wenn Forscher bei Untersuchungen eines Gegenstandes von divergenten theoretischen Orientierungen geleitet werden, sich auch unterschiedliche Erfahrungsbereiche herausbilden, die in der Tendenz das bestätigen, wovon die Akteure jeweils ausgegangen sind. Mit „eindeutigen Daten“ kann bei einer solchen Lage nicht gerechnet werden. Forscher, die ihren Fragen eine solche Fassung geben, dass sich zu deren Behandlung technische Bedingungen sowie Methoden zur Vorausberechnung der erwarteten...

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