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Kontroversen im Werdegang wissenschaftlichen Wissens

Wie in der früheren Geschwulstforschung darum gestritten wurde, was ein «Krebsvirus» ist

Karlheinz Lüdtke

An einem der Geschichte der Krebsforschung entnommenen Fall wird untersucht, wie sich Wissensentwicklung zum Wandel sozialer Formen des Forscherverkehrs verhält und welche Rolle dabei wissenschaftliche Kontroversen spielen: Sie zersetzen nicht allein überkommene Paradigmen, sondern überdies die gegebenen sozialen Gliederungen und schaffen so Bedingungen für den Wandel derselben (Disziplinen, Institutionen). Dieser Ansatz erlaubt die Abwehr eines Konzeptes, wonach die Schließung einer Kontroverse auf die Favorisierung einer der strittigen Positionen hinausläuft. Ein solcher Prozess wird von Forschern eingeleitet, die das Verhältnis gegeneinander vertretener Konzepte zu harmonisieren trachten, ohne dabei auf eine transdisziplinäre bzw. theoretisch schlüssige Vermittlungsbasis zu verweisen.

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10. Von Kompromissen zu einem (rhetorischen) Konsens, schließlich zu etwas, das allen Akteuren als objektiv-reale Gegebenheit galt – das Paradigma der Onkogene

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Nach Kuhn ist es kaum möglich, konkurrierende Theorien „im Geiste einander gegenüberzustellen und Punkt für Punkt miteinander und mit der Natur zu vergleichen. Doch ein solcher Vergleich muss vorliegen, wenn es angemessen sein soll, von so etwas wie Wahl zu sprechen.“565 Aber kann, wenn Fakten wirklich spezifisch sind für die jeweils befolgte Konzeption, von den Vorzügen einer Theorie gegenüber einer anderen überhaupt die Rede sein, die man dann, den Konflikt hinter sich lassend, auszuwählen hätte? Die Bewältigung einer Kontroverse läuft nicht auf die Auswahl (vs. Zurückweisung) einer der gegeneinander ins Feld ← 213 | 214 → geführten Positionen hinaus566, zumal die Konzepte, wie sie am Ende der Auseinandersetzungen von den Akteuren gesehen werden, nicht mehr identisch sind mit jenen, deren Gegensätze den Streit ausgelöst hatten. Die Standpunkte verändern sich im Verlaufe der Debatten, wobei dieser Prozess, wie sich an unserem Fallbeispiel vorführen lässt, von Forschern eingeleitet wird, die sich für ein praxisorientiertes, pragmatisches Herangehen an die Erforschung eines Phänomens einsetzen. Es geht ihnen nicht darum, eines der vertretenen Konzepte abzuwerten und ein anderes zu favorisieren.567 Die Schließung der geschilderten Kontroverse bestand ja auch nicht in der Lösung des Problems, ob Krebsviren nun als Lebewesen oder als zellintern entstandene Stoffe aufzufassen sind, es wurde im Ergebnis der Auseinandersetzungen auch gar nicht gelöst, nicht in dem Sinne, dass sich nun sagen ließ, dass diese oder jene Vorstellung wahr sei. Das...

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