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Griechische visuelle Poesie

Von der Antike bis zur Gegenwart

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Lilia Diamantopoulou

Die Autorin untersucht das Formenspektrum griechischer visueller Poesie in ihrer sprachlichen und kulturgeschichtlichen Spannbreite: Vom antiken Technopägnion, den Kuben und Trigona, über die byzantinischen «gewebten Verse» oder die neuzeitlichen figurierten Lobgedichte bis hin zur Vielfalt experimenteller Formen in der Moderne und der Code Poetry unserer Zeit. Die literaturhistorische Darstellung berücksichtigt neben der rein textuellen Seite der entsprechenden Artefakte auch deren medialen und performativen Charakter und setzt sie in Bezug zu den internationalen Strömungen.

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1. Antike Figurengedichte

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1.    Antike Figurengedichte

1.1.     Die Genese der visuellen Poesie im Morgenland und ihr Erbe an die griechische Schriftkultur

Wenn Platon im Kratylos (427c) den Umriss des Buchstabens „O“ mit der Bedeutung des Wortes „rund“ assoziiert, so stellt er eine Verbindung zwischen Schriftbild und abstraktem Begriff her.24 Victor Hugo wird einen ähnlichen Gedanken haben: „Alle Lettern waren erst Zeichen, und alle Zeichen waren erst Bilder“ (zitiert nach Adler/Ernst 1987: 215). In der Genese der Schrift steht die Verbindung von Wort und Bild in engem Zusammenhang, wie die bildlichen Wurzeln der Buchstabennamen Aleph=Stier, Bet=Haus, Gimel=Kamel usw. bezeugen.25 Ausonius schildert mit Hilfe des Flusses Mäander den Buchstaben ξ und vergleicht das Ψ mit einer Triton (Schneider 1996: 216).26 Die Evolution der Schrift entwickelt sich – etwas schematisiert ausgedrückt – vom Bild weg und zum abstrakten Schriftzeichen hin.27 Das hier untersuchte literarische Genos ist an die Verwendung von Schrift und dessen visueller Darstellung gebunden. So ist sein Ursprung dort zu suchen, wo auch die Schrift der abendländischen Kultur ihre Ursprünge hat, vor allem dort, wo eine literarisierte Gesellschaft und Hochkultur vorzufinden ist.

Nach Platon war es der Ägypter Theuth, der die Buchstaben zusammen mit dem Brettspiel und der Rechenkunst erfand. Sein Ziel war es ein pharmakon gegen das Vergessen zu finden, König Thamus bemerkt aber, dass es jedoch stattdessen das Vergessen fördere:28 ← 25 | 26 →

       Dieser [Theuth] habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, und Meßkunst und Sternkunde, dann Brettspiel...

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