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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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Die tschechische Geschichtsschreibung über Schlesien im 19. und 20. Jahrhundert. Von Palacky bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems

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Die tschechische Geschichtsschreibung über Schlesien im 19. und 20. Jahrhundert.

Von Palacký bis zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems

I.

Die Jahreswende 1989/90 und mithin das Ende einer durch Partei, Staat und Ideologie kontrollierten Historiographie bedeuten für die tschechische Geschichtswissenschaft einen tiefen Einschnitt. Er zeigt sich nicht nur in einer Reihe personeller und institutioneller Verschiebungen, sondern kommt auch in einem neuen, durch die Verfassungskrise und die anschließende Teilung in eine tschechische und eine slowakische Republik verstärkten Nachdenken über die eigene Staatlichkeit zum Ausdruck.1 Die Fragen, wo sich die tschechische Geschichte nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems verorten lasse, was ihren eigentlichen Gegenstand bilde und wie sie zwischen „sentimentaler Heimattümelei“ und „supranationaler Weltbürgerattitüde“ darstellbar sei, griff 1990 zuerst der Prager Mediävist Dušan Třeštík (1933–2007) in einem vielbeachteten, zwangsläufig nicht nur auf Zustimmung stoßenden Aufsatz in der wichtigsten tschechischen historischen Fachzeitschrift, dem erneuerten Český časopis historický, auf.2 ← 125 | 126 →

Třeštík warnte davor, weiterhin die Nation als grundlegende Ordnungskategorie der Geschichte des böhmischen Raumes zu betrachten und die alte nationale Konzeption der Geschichtsschreibung aufrechtzuerhalten: „Wollten wir das tschechische Volk im traditionellen Sinne zum Gegenstand unserer Forschung machen, kämen wir in eine nahezu unlösbare Situation. In der deutschen Frage bliebe uns dann nichts weiter übrig, als in dem fortzufahren, was wir in den letzten Jahrzehnten getan haben – so weit wie möglich über die Deutschen in unserer...

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