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Erinnerungskonkurrenz

Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

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Joachim Bahlcke

Deutungen historischer Ereignisse unterliegen vielfältigen Modifikationen, Anpassungen und Ausblendungen, die ihrerseits Ausdruck veränderter Machtverhältnisse, Wertvorstellungen oder Legitimationsbedürfnisse sind. Das östliche Mitteleuropa ist in besonderer Weise geeignet, das Neben-, Mit- und Gegeneinander verschiedener Erinnerungsgemeinschaften in den Blick zu nehmen. Die hier vorgelegten Fallstudien zur böhmischen Ländergruppe stellen verschiedene Typen konkurrierender Geschichtsentwürfe vor, die sich religiös-konfessionell, räumlich-regional oder sprachlich-ethnisch motivierten Interessen verdankten. Dabei wird deutlich: Die erinnerungskulturellen Rivalitäten, die bereits in nachhussitischer Zeit einsetzten, prägten den Prozess der neuzeitlichen Staats- und Nationsbildung nachhaltig.

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„Deutsche Geschichte im Osten Europas“. Räumliche und konzeptionelle Verortungen der böhmischen Länder

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„Deutsche Geschichte im Osten Europas“.

Räumliche und konzeptionelle Verortungen der böhmischen Länder

I.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Jahrestagung des Johann Gottfried Herder-Forschungsrats unternahm Walter Schlesinger vor mehr als drei Jahrzehnten, im März 1963, in Marburg an der Lahn einen kritischen Rückblick auf die wechselvollen, in ihrer Motivation und ihren Konsequenzen weit über die Geschichtswissenschaft hinausweisenden Wege und Irrwege der „deutschen Ostforschung“. Seine Ausführungen waren ein erster Vorstoß zu einer kritischen Selbstbesinnung, die über die Traditionskritik hinaus den Versuch einer Standortbestimmung für die künftige Erforschung der Geschichte Ostdeutschlands darstellte. Das Jahr 1945 stellte sich für Schlesinger, dessen Ausführungen zum damaligen Zeitpunkt als ausgesprochen kritisch und wegweisend angesehen werden müssen, als folgenschwerer Einschnitt und als Chance zugleich dar. Im Unterschied zu der vielfach stark politisierten Parteinahme in der „Ostforschung“ nach dem Ersten Weltkrieg stellte er für die zweite Nachkriegszeit einen Trend zur Verwissenschaftlichung fest, der sich unter dem Einfluss „europäischer Ausweitung und landesgeschichtlicher Vertiefung“1 methodisch langsam zu festigen beginne. ← 200 | 201 →

Bei allen Erfolgen und Erträgen dieser von Schlesinger als „geschichtswissenschaftliche Ostmitteleuropa-Forschung“ bezeichneten Neuorientierung im Einzelnen, die das Gegenstück einer volks- und kulturbodengeschichtlichen Interpretation Ostdeutschlands bildete, wird man doch nicht verkennen können, dass die im engeren Sinn ostdeutsche Landesgeschichte als integraler Bestandteil der deutschen Geschichte weder systematisch fortgeschrieben noch im breiteren Geschichtsbewusstsein verankert wurde. In einem 1985 beim Nordostdeutschen Kulturwerk gehaltenen Vortrag – in den Lüneburger Vortr...

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