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Geschichtsphilosophische Implikationen im historischen Roman des frühen 20. Jahrhunderts

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Ulrike Häfner

Diversen historischen Romanen des frühen 20. Jahrhunderts sind unterschiedliche Geschichtskonzepte inhärent, die sich mit den geschichtsphilosophischen Ideen seit der Spätaufklärung konstruktiv auseinandersetzen und diese produktiv weiterentwickeln. Die Autorin zeigt auf, wie die Texte gleichzeitig einen Rahmen für die politische oder soziale Ideologie oder den Kunstbegriff des jeweiligen Autors bilden. Sie geht so den neuen Schreibformen im Genre des historischen Romans nach, die durch die Orientierung an der Geschichtsphilosophie statt an der Geschichtswissenschaft entstanden sind. Auf Grundlage eines eigens entwickelten Kategorienmodells, das geschichtsphilosophische Konzepte von der Spätaufklärung bis zum Untersuchungszeitraum ordnet, umfasst die Untersuchung Texte von A. Döblin, L. Feuchtwanger, H. Mann, E. Mitterer, W. von Molo, A. Kuckhoff und I. Seidel.

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1. Einleitung

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1.  Einleitung

Wenn Alfred Döblin 1936 in seinem Essay Der Historische Roman und wir schreibt, dass der historische Roman „erstens Roman und zweitens keine Historie [ist]“,1 dann richtet sich seine Kritik vor allem an die Autoren, die den Roman nicht als Schnittstelle der beiden Disziplinen Literatur und Geschichtswissenschaft sehen, sondern die Romanform als Medium für die Wiedergabe historischer Fakten interpretieren. Sieht man auf die gesamte Gattungsgeschichte, angefangen bei Walter Scott, so wird schnell klar, dass sich der historische Roman stets in einem Spannungsfeld zwischen Historie und Epik bewegt. Die thematische Nähe zwischen den beiden Textsorten – historiographischen Sachtexten und historischem Roman – ist nicht zuletzt auf ihre relativ parallele Entstehung im 19. Jahrhundert zurückzuführen: Hier entwickelt sich die Geschichtswissenschaft,2 während der Roman scottscher Ausprägung adaptiert und weiterentwickelt wird.3 Die Etablierung beider Textsorten steht zunächst in ← 11 | 12 → einer engen Wechselbeziehung. Erst mit der größeren Eigenständigkeit sowohl der Geschichtswissenschaft als auch des historischen Romans als ästhetischem Konstrukt lösen sich die Textsorten stärker voneinander ab.

Bei den frühen Romanen Walter Scotts war der Bezug zur Historizität noch von größerer Relevanz als der ästhetische Gehalt. Zwar erfindet Scott die Gattung durch die Figur des „mittleren Helden“ neu – vorher unterschied sich der historische Roman kaum von einer historischen Chronik, die Geschichte wiedergibt, aber nicht erzählt. Funktion des „mittleren Helden“ war es deshalb vor allem, die außersprachlichen Referenzen, also die...

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