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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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1. Einleitung: Problemgeschichte des Tagebuchs

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1. Einleitung: Problemgeschichte des

Tagebuchs

Lebenskunst hat Konjunktur, ob in Form von praktischen Ratgeberbüchern, philosophischer Essayistik, (neuro-) psychologischen Studien oder ästhetischen Programmen der Selbststilisierung: Ganz offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei eine Denkfigur, die seit der Antike den Imperativ zur Selbsterkenntnis philosophisch und religiös begründet hat: Die Motive der Selbsterforschung und Selbstbesserung sind bereits in Sokrates’ Apologie und bei den Stoikern angelegt, und in einem lebenspraktischen Sinn findet sich ein paralleler Gedanke bereits in dem konfuzianischen ‚ren‘-Konzept, das nicht nur eine allgemeine Menschenwürde bezeichnet, sondern auch das Streben nach Selbstvervollkommnung und Entwicklung der Grundanlagen als tugendhafte Lebensausrichtung begreift.1 Prominent werden solche Vorstellungen, die dann in Westeuropa auf die griechische Antike zurückgreifen, aber erst in der Frühen Neuzeit. Grund dafür ist, dass dort anreichernde Diskurse hinzutreten und sich mit dem Tagebuchschreiben verschränken: protestantisch-theologische Anweisungen zur Gewissensschrift, Erkenntnisformen der Medizin und der Ökonomie seit etwa 1600, sodann empirische und statistisch-demographische Interessen. Seit dem 18. Jahrhundert lagern sich psychologische Forschungen, später dann tayloristische oder sozialistische Arbeitswissenschaften und schließlich politische und kommerzielle Datenprozessierungen an.

Ziel der Studie ist insofern auch nicht, eine nur mit rezenten Beispielen erneuerte Perspektive des literarischen Tagebuchs zu geben oder jene ‚Notenbücher des Herzens‘2 aufzuschlagen, die natürlich fraglos ein weites Feld der Selbstschriften seit dem späteren 18. Jahrhundert ausmachen. Wohl haben sie, auch unter dem Aspekt der literarischen Werkstattschau, die Forschung dominiert. Hier soll es aber um einen mehrstelligen Zusammenhang ←9 | 10→gehen, in dem das Tagebuchschreiben als Selbsttechnik den Knotenpunkt für philosophische, ökonomische, medizinische, theologische, psychologische wie auch literarische Diskurse bildet und seine weitreichende Funktionsgeschichte entwickelt hat.

Das vielfach gemischte Genre des Tagebuchs zeigt, dass im Sinne der Optimierung dort Maximen der Lebensführung erarbeitet, Profile gewonnen und die Ergebnisse dieser Selbstpoetik auch überwacht werden können. Vielleicht haben Menschen gar keine Wahl – sie müssen ihr Leben aufschreiben, in großen, retrospektiven Erzählbögen der Autobiographie oder in kleinen Tagesfragmenten und Resten, von denen Roland Barthes mit Bekennerschrift formuliert hat: „Ich schreibe dies Tag für Tag; und es wird und wird: der Tintenfisch produziert seine Tinte: ich verschnüre mein Imaginarium (um mich zu verteidigen und zugleich darzubieten).“3 Damit zeigt sich auch: Trotz aller Bekenntnisse zur Aufrichtigkeit einer Selbst-Herzensschrift, die im christlich-augustinischen Imperativ der Innenschau ihr Fundament hat und durch Rousseaus Confessions (1782) im Anspruch der Natürlichkeit und Authentizität stilbildend bekräftigt worden ist, entstehen dabei allenfalls ‚authentische‘ Äußerungen, kaum aber ‚wahrhaftige‘ Texte, die eine unverstellte Aussicht in das Innere geben würden. Das Vorzeigen des Selbst durch die Schrift ist immer auch ein Verbergen, Umformulieren und Neuschöpfen der subjektiven Disposition. Immerhin können in diesem symbolischen Raum die Illusionen, Imaginarien und Symbolwelten des Schreibenden artikuliert werden.

Die philosophische Grundlegung dazu findet sich bereits in Sokrates’ Selbstverteidigungsrede, der von Platon aufgeschriebenen Apologie – womit eine Tradition vorgeprägt ist, die Nietzsche kulturgeschichtlich als Marter der Innenschau pointiert hat, wenn er den abendländischen Menschen als „Erben der Gewissens-Vivisektion und Selbstkreuzigung von zwei Jahrtausenden“ bezeichnet, dem es anhafte, dass er „die natürlichen Hänge mit dem bösen Gewissen verschwistert“ habe.4

Insofern wissen die Selbstschreibenden auch nicht immer, was sie tun, aktivieren aber gleichwohl die Funktionen der Selbsttechniken: Diese haben ←10 | 11→ein Doppelgesicht von verteidigender Rechtfertigung und ästhetischer Selbstdarstellung seit Sokrates und den Stoikern. Und nach der religiösen Beichtpflicht, die das Laterankonzil 1215 auf einen jährlichen Turnus festschrieb und sich im religionspraktischen Bekenntnisbetrieb von Beichte, Gebet oder Tagebuchführung niederschlug, haben Medizin, Pädagogik, Psychologie und Psychiatrie den Bekenntniszwang institutionalisiert. Damit wäre eine „Geständnis-Wissenschaft“5 hervorgebracht, die sich durch Statistik verstärkt zu wirkungsmächtigen Wissensarchiven gebündelt hat. Dort lassen sich mittels Registerfunktionen die Diskurse zu mächtigen Dispositiven verknüpfen, von wo aus sie wiederum ihre Institutionalisierung in einem gesellschaftlichen Apparat anstreben (Schule, Krankenhaus, Regierungsämter, Kasernen etc.). Und reicht dies nicht hin, wird zur Not das Geständnis zum wichtigen Instrument der Wahrheitsfindung, das meist durch Folter erzwungen ist. Das Diktum Foucaults jedenfalls, dass im Abendland „der Mensch ein Geständnistier geworden“6 und er als Untertan bzw. Subjekt im wörtlichen Sinne konstituiert worden sei, wird sich als ein Motiv der Selbstschrift in einer traurigen Genalogie bis in die unmittelbare Gegenwart fortziehen. Aus der Diskurs gewordenen Sünde gehen schließlich etliche Textgattungen hervor, die konstitutiv für moderne Gesellschaften geworden sind: Selbstzeugnisse aller Art, Erzählungen, Geständnisse, Autobiographien, Tagebücher oder Register.

Optimierung geschieht dann v.a. durch Quantifizierung, indem aus vielen Einzelfällen Idealmaße der Gesellschaft produziert werden, um Standards zu bilden, Voraussagen zu tätigen und normativ-ethische Wertungsmaßstäbe zu gewinnen.7 Es bietet sich in dieser Sicht an, Statistik im großen Maßstab zu treiben, Geburts- und Sterberaten zu errechnen und Mittelwerte zu justieren, um damit Zufälle in ihrer Wirkung zu begrenzen und Sicherheitsmaßnahmen aufzubieten in Absicht der Lebensoptimierung.8 Dieser Entwicklungsgedanke wird mit der Pädagogik des ausgehenden 18. Jahrhunderts und den Subwissenschaften der Spätaufklärung besonders virulent: Man entwickelt Konzepte der Selbstentfaltung, der Realisation von Möglichkeiten, die das Individuum für sich entdecken und aus sich herausholen soll, denn zur Maßgabe wird es, nach allgemein-personaler und auch spezieller (Fach-)Bildung zu streben.9 Bei allem Nutzen ist daran fatal, dass der Einzelne, das neuzeitlich protegierte Individuum, an dieser Norm gemessen wird und es damit ebenso diszipliniert und reguliert werden kann wie diejenigen Teile der Bevölkerung, die sich in digitalen Netzwerken als neue Öffentlichkeit verstehen.

In der Normalisierungsgesellschaft wird damit ein Machtspiel von Politik und Statistik entfesselt, das seine Entscheidungsgrößen in Normalverteilungen und Abweichungen findet, die dann institutionell begradigt oder sanktioniert werden. Grundlage für die Verteilungsberechnungen ist immer der Faktor Zeit. Entwicklungsstände, Diagnosen eines status quo und status ante sowie Prognosen erstrecken sich jenseits des Erreichten auf den Horizont einer zu absolvierenden Norm. So wirkt die Disziplinarmacht darauf hin, den Körper instrumentell in Pflicht zu nehmen und ihm eine Temporalstruktur zu verpassen: „Die Zeit durchdringt den Körper, und mit der Zeit durchsetzen ihn alle minutiösen Kontrollen der Macht“ – so hat Foucault diesen Prozess eindrücklich beschrieben,10 dessen Befestigung in Selbsttexten hier gezeigt werden soll.

Das Tagebuch stellt dabei einen beträchtlichen Faktor dieser Einschreibung von linearen Zeitstrukturen in den Menschen dar. Arbeiten jedoch die klassischen Disziplinen wie Theologie, Medizin, Psychologie oder Psychiatrie zunächst auf eine Besserung des Individuums hin – wie auch immer herbeigezwungen –, so fundiert die Daten sammelnde moderne Statistik mit den daraus abgeleiteten Normen eine Bio-Politik mit Wirkung auf die Gesamtbevölkerung. Dies tritt bereits an dem Punkt ein, wo Leibniz 1680 seinem Herzog die Idee einer Staatstafel unterbreitet, auf der alle greifbaren Informationen über die Bevölkerung zusammengetragen und mit einer Registratur versehen werden können – ein technisch zwar noch nicht ←12 | 13→einsetzbares Werkzeug, das aber gerade in seiner langen Latenzphase als Programm umso gewaltigere Wirkungen erzeugt hat. Und wenn die Anthropologen des 18. Jahrhunderts ihre Forderung nach Selbstschriften erheben, wobei Tagebücher eine zentrale Rolle spielen, tun sie dies zwar meist mit guten Absichten für das Individuum, doch weisen sie mehr oder weniger deutlich in die Richtung eines allgemein-menschheitlichen Wissensarchivs, in das der Einzelne seine Texte einspeisen soll – um damit vor allem Datenbestände zu erweitern.

Und so ist die Kultur des Geständnisses in vielen Diskursbereichen (Justiz, Medizin, Pädagogik, Familien- und Liebesbeziehungen sowie Kindererziehung) wirksam geworden mit allerhand Textsorten, die aus Geständnissen hervorgegangen sind – Verhöre, autobiographische Berichte, Briefe oder Protokolle werden zu Dossiers zusammengestellt oder den Archiven einverleibt, weswegen Macht- und Geständnisformen durchaus nicht nur repressiv, ausgrenzend oder unterdrückend, sondern auch konstruktiv wirksam geworden sind, insofern Wahrheitsrituale viele Themenfelder und Redegebiete produziert haben.11

Dieser Effekt lässt sich aber vielleicht nutzen, um in der formulierten, diskursivierten Erfahrung schließlich doch eine Möglichkeit der Ich-Findung und des persönlichkeitserweiternden Versuchs zu erblicken. Darin macht sich die andere große Traditionslinie der Selbstschrift seit der Antike geltend, die wiederum Nietzsche formuliert hat: „wir sind Experimente: wollen es auch sein“.12 Derart ist das Denken des Philosophen mit dem zerstörenden Hammer selbst konstruktiv geworden – der Experimentalgedanke kann als prototypisch für die folgenden Lebensästhetiken und postmodernen Identitätsbegriffe der Möglichkeitsform gelten.13 Mithin können dies Tagebuchschreiber und Selbststilisten in Anspruch nehmen und ist der Schritt nicht abwegig, in der formulierten, diskursivierten Erfahrung schließlich ←13 | 14→eine Möglichkeit der Ich-Findung und des persönlichkeitserweiternden Versuchs zu sehen. Darin folgt Foucault ganz Nietzsches Begriff von Ich und Welt als Experiment und fasst mit einer Art Glaubenssatz die Grundüberzeugung moderner Selbstschreiber zusammen: „Ich bin ein Experimentator in dem Sinne, daß ich schreibe, um mich selbst zu verändern und nicht mehr dasselbe zu denken wie zuvor“.14 Darin wird er seinerseits von zeitgenössischen Lebensphilosophen wie Wilhelm Schmid beerbt: Es handelt sich dabei nur scheinbar um eine Abwendung von der Machtanalytik, das Ich hat lediglich etwas Souveränität gewonnen und steht nicht mehr allein in diskursiven Abhängigkeiten, sondern versucht, diese für sich zu nutzen. Die Gratwanderung ist anspruchsvoll: Selbstreflexion geschieht nicht im neutralen, souveränen Raum, sondern durch Arbeit in den Diskursnetzen, die zur Unterwerfung wie auch zur Befreiung führen kann. Daran wird auch die Absicht Foucaults nachvollziehbar, die von ihm durchaus geschätzte Symbolphilosophie Cassirers zu erweitern: „Das Subjekt bildet sich nicht einfach im Spiel der Symbole. Es bildet sich in realen und historisch analysierbaren Praktiken. Es gibt eine Technologie der Selbstkonstitution, die symbolische Systeme durchschneidet, während sie sie gebraucht.“15

In dieser Sicht wird eine bis in die Antike zurückreichende Geschichte jener „Ästhetiken der Existenz“ und der „Selbsttechnologien“16 schreibbar – auch die fröhlichen Selbsterschaffungspläne der Diaristen und Autobiographen sind von normierenden Diskursen umgeben. Dies tangiert die landläufige Annahme, dass Verfasser von Tagebüchern und Autobiografien lauter Wahrheit sprechen, sich als reine Rhapsoden ihrer selbst betätigen oder authentisches Zeugnis geben. So hat Philippe Lejeune das Konzept eines ‚pacte autobiographique‘ zwischen Autor und Leser formuliert – dieser solle sich darauf verlassen können, ein nicht-fiktionales Buch in Händen zu halten, sofern der Autor versichere, dass erzählendes Ich und Autor-Ich identisch seien.17 Und noch triftiger ließe sich die Hypothese ausweiten auf den Diaristen, der seine Tagebuchblätter als Dialogpartner benutzt. Die Spiegelungen oder hindurch klingenden Stimmen sind auch gesellschaftliche, und diese fordern zweifellos Authentizität, mehr noch aber Verbesserung oder nunmehr verstärkt: Marktkonformität.

Um jedoch über die Binsenweisheit hinaus zu gelangen, dass Tagebuchschrift via Selbstreflexion immer einen regulativen und damit optimierenden Anspruch verfolgt, soll anhand von Beispielen eine historische Entwicklung angedeutet werden, die vom antiken Imperativ der Selbsterkenntnis über die moderne Verpflichtung auf die Selbstschrift bis zur Gegenwart der digitalen Selbsterfassung reicht. Sie vollzieht sich aber nicht in gerader Linie, sondern in Mäandern, Vorausdeutungen und Rückverstärkungen – insgesamt in Konstellationen, die mit verschiedenen Akzenten zusammentreten, auseinanderdriften und wieder zusammenfinden, also sich unter wechselnden politischen, ökonomischen oder medientechnischen Bedingungen variiert finden.

Dass die Entwicklung von Individualität mitsamt Lebenspraxis wie auch Programmatik ausgehend von der Antike dann in der Renaissance zu einem unbestrittenen ersten Höhepunkt führt, der auch für das allgemeine Leben relevant wird, wird in wohl keiner namhaften Epochendarstellung negligiert, weder bei Jacob Burckhardt, noch bei Egon Friedell, auch nicht in der neuen Langstudie von Bernd Roeck.18 Lebens- und Œuvredarstellungen der (Früh-) Renaissance haben oft denselben Blickpunkt – um etwa als Prototyp im modernen Sinn Petrarca zu nennen, dessen (fiktiv oder realiter erfolgter) Berggang auf den Mont Ventoux sowohl das machtbewusste Auge zeigt, das die vielen Details zusammenfasst, als auch den Erlebenden ins Zentrum rückt. Es ist dieses Ich, das auf seine Wahrnehmung aufmerksam wird und zum Ausgangspunkt moderner Subjektivität geworden ist, und dies wohl auch deshalb, weil Petrarca zudem intensiv an seiner Selbstreflexion als Dichter arbeitet und als ‚fictor sui ipsius‘ auftritt,19 mehr noch: ein gewisses Gefallen am Experimentieren (‚placet experiri‘) bezeugt.20 Es handelt sich ←15 | 16→dabei allerdings nicht um frei ersonnene lebensästhetische Entwürfe, sondern solche, deren diskursive Verfassung Machtbewusstsein und Ruhmstreben bezeugt. In diese Richtung geht der Erklärungsansatz Burckhardts: Am Ausgangspunkt des selbstbewussten, anspruchsvollen Individuums steht der tyrannische Herrscher des Spätmittelalters, dessen Ambitionen sich zunächst auf seine Beamten, Gehilfen, Diener, Schreiber etc., mithin auf das „rücksichtslos ausgenützte Talent“ übertragen.21 Selbstverwirklichung, das zeigt sich hier deutlich, ist immer auch eine Machtfrage: „Der Geist dieser Leute lernt notgedrungen alle seine inneren Hilfsmittel kennen, die dauernden wie die des Augenblickes; auch ihr Lebensgenuß wird ein durch geistige Mittel erhöhter und konzentrierter, um einer vielleicht nur kurzen Zeit der Macht und des Einflusses einen größtmöglichen Wert zu verleihen.“22 Damit werden gedankliche Muster der Antike, die besonders von Sokrates und von den Stoikern geprägt wurden, eingelöst und weiter tradiert – allerdings um ein Anspruchsdenken erweitert, das sich zur Not gegen die Ambitionen anderer wirksam durchsetzen will.

Aus alldem ergeben sich die hier ausgewählten Stationen der modernen Tagebuchgattungen, die mit einer programmatischen Forderung Francis Bacons nach der systematischen Niederschrift alles Beobachteten ihren Ausgangspunkt nehmen. Verbunden ist die Diaristik aber auch mit ökonomischen Wahrnehmungs- oder Darstellungsformen Leon Battista Albertis, Benedetto Cotruglis oder Luca Paciolis im 15. Jahrhundert. Sie verzweigen sich in das religiöse Beicht- und Vorsatzbuch protestantischer Herkunft im 17. Jahrhundert (z.B. John Beadle, A. H. Francke), in das disperse Alltagstagebuch, das der einzelne im Sinne eines erfolgreichen privaten und öffentlichen Lebens führt (Samuel Pepys), in das wissenschaftliche Diarium von Galilei, die Aufzeichnungstechniken Leibniz’ oder die polyhistorische Sammlung Herders, sodann in das psychologische Materialarchiv der Hochaufklärung (Karl Ph. Moritz). Dort bündelt Benjamin Franklin mit ←16 | 17→seiner Autobiographie, die präzise Normen zur Tagebuchführung unter moralischen und ökonomischen Aspekten enthält, religiöse und ethische Muster zu einer hoch effizienten, durchkalkulierten Lebensführung. An Goethes Tagebuchhaltung ist dann zu zeigen, wie nicht nur deren wissenschaftliche Tradition in ‚zarter Empirie‘ als Wissensgewinn durch ein erfahrendes Subjekt weitergetrieben wird, sondern die Selbstnotizen abgezweckt werden können zur Arbeit an der eigenen Autorschaft: Alles, was nur schon protoliterarisch interessant scheint, wird dann registriert. Aber das Tagebuch wird auch selbst zum Thema der Literatur und prägt deren Form wie etwa im Wilhelm Meister; genauso kann es zur Keimzelle von literarischen Entwürfen oder Ich-Probe-Experimenten genutzt werden, wie bei Friedrich Hebbel zu zeigen ist. Im 20. Jahrhundert drängen dann statistische Interessen der Staatsorganisation hinein (Carl Schmitt, Ernst Jünger), die von Biometrie und experimenteller Psychologie ebenso inspiriert sind wie von den neuen Speichermedien. Der Impuls einer protestantischen Arbeitsethik, den Max Weber in seiner berühmten Schrift historisch aufgearbeitet, aber auch mit spannenden Gegenwartsbezügen pointiert hat, wirkt sich nun jenseits des schaffenden Subjekts auf Staatspraktiken aus: Arbeitswissenschaften bzw. Fragen des Selbstmanagements befördern nunmehr die Ratgeberliteratur, die seit den 1920er Jahren bis heute eine konsequente Selbstoptimierung durch to-do-Listen und Tagebucheinträge empfiehlt (wie der Wirtschaftsberater Gustav Großmann). Unter Bedingungen der digitalen Revolution, deren wirkungsmächtigsten Entwurf Vannevar Bush 1945 mit seinem MEMEX-Programm formuliert und deren kritischen Status Ernst Jünger in Heliopolis dargestellt hat, wird es schließlich möglich, nicht nur Zeitstenografien, sondern auch (fast) in Echtzeit Selbsteindrücke zu protokollieren. Dies hat, gepaart mit der informatischen Revolution ab 1970, wiederum Folgen bis zu den digitalen Selftracking-Methoden gehabt. Rainald Goetz (Abfall für alle) bildet hierfür einen literarischen Ausgangspunkt, mit dem Aspekte des heutigen Bloggings eröffnet werden, die aber nunmehr auch dem Datenhunger von Staat und Wirtschaft zugänglich sind.

Wachstumsvorstellungen sind keine originären Naturgegebenheiten, sondern soziotechnische Figurationen, die nach 1945 in den sich verschärfenden politischen Blockkonstellation noch einmal forciert werden. Leitend sein können Machtaspekte bei der Datenerhebung, die (bio-) politisch oder ←17 | 18→durch Werbeinteressen motiviert sind, ebenso aber expandierende Ich-Ansprüche im Kontext eines auftrumpfenden Liberalismus.23

Näher an der Gegenwart freilich als Foucault mit seinen Antike-Betrachtungen ist Max Webers immer noch pointierte Analyse des selbstkontrollierten Menschen, der nicht im lutherischen Begriff des ‚sola fide‘ bzw. der Glaubensgerechtigkeit, sondern im calvinistisch-puritanischen Streben nach Werkgerechtigkeit sein Leben ordnet und kontrolliert. Aus den sich entwickelnden Imperativen der Lebensbeherrschung erwacht wiederum eine Disposition der modernen Arbeitshaltung, nämlich jenseits des individuozentrischen Ansatzes ein kulturelles und wirtschaftsgeschichtliches Erklärungsmuster in einer Jahrhunderte übergreifenden Entwicklung.24 Diese habe sich bereits dort verselbstständigt zur Ethik eines fortlaufenden Arbeitsprozesses, der weit über seinen jeweils waltenden praktischen Anlass hinaus zu einem eigendynamisch pulsierenden Lebensrhythmus wird. Dazu sind Lebensregeln erforderlich, die, wie hier zu zeigen ist, in der Autobiographie eines Benjamin Franklin kulminieren, in welcher nicht nur Tugenden aufgelistet sind, sondern tägliche Exerzitien normativ empfohlen werden, die letztlich die Zeitnutzung als Chance zum Geldverdienen einfordern. Es kommt auf diese Weise ein ökonomischer Faktor in den Blick, dem die Diskursanalyse nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Wenn Historiker des Kapitalismus wie Max Weber dessen Entwicklung seit dem späten Mittelalter verfolgen, wird deutlich, dass es eben nicht nur internalisierte Geständnis- und Besserungszwänge sind, die zur Zeitnutzung drängen. Vielmehr ist es die positive Möglichkeit, Geld zu verdienen, deren Negligierung geradezu zum Laster erklärt wird. Neben der Messung von Zeit zur Orientierung wird deren genaue Taktung dann zunehmend wichtig, wenn der Gedanke von Produktivität ins Spiel kommt.25 So lässt sich eine entsprechende frühe Äußerung Georg Agricolas lesen: „Wir sind ja fast alle Menschen, die auf Geld erpicht sind, und begehren, mit möglichst wenig Aufwand und möglichst geringer Arbeit in so kurzer Zeit wie möglich, reich ←18 | 19→zu werden. Deshalb sind all die vielen Häuser erbaut, so viele Schächte abgeteuft, so viele Stollen in den Bergen aufgefahren.“26 Damit ist ein Programm pointiert, das man weniger deutlich seit der Antike und ihren Vorstellungen vom Hauswesen gelegentlich antrifft, das aber mit Renaissance und Früher Neuzeit eine systematische Bündelung erfährt. Joseph Vogl hat von einer epochalen Poetik des ökonomischen Menschen gesprochen als einem Selbstexperiment unserer Spezies, das sich neben anderen (klassischen, humanistischen, technizistischen, kommunistischen, faschistischen etc.) Varianten seit der Renaissance als die ambitionierteste entwickelt und bis in die Gegenwart hinein behauptet hat, ja dort kulminiert. Der Mensch ist hier sowohl Akteur wie auch Gegenstand von Diskursen oder Betriebssystemen, die reizvoll sind und zur poiesis anleiten, dabei einen Menschen fordern, der flexibel handelt, auf sich und seine Zwecke wie mit Scheuklappen konzentriert ist und damit durch die Welt navigiert. Dabei folgt er dem steten Gefühl eines Mangels, der ausgeglichen werden muss, woraus eine sich verselbstständigende Erwerbsgier resultiert. 27 Eine Generalthese Vogls, die auch in dieser Studie wichtig sein wird, geht dahin, dass die ökonomischen Denkweisen tiefe Prägungen in den Erzählsystemen und Selbstschriftengattungen hinterlassen haben – Buchhaltung beginnt, die (Selbst-)Erzählung zu formen und wirkt als Dispositiv für ein entstehendes „Bilanz-Subjekt“, das sich einem permanenten Selbstrechenwesen unterwirft und sich „einen innerweltlichen Lebenslauf verpasst“.28 Das Notieren der Zahlen, der Warenein/ausgänge oder der Vorhaben und Arbeitsleistungen schafft eine Optik, die auch den Blick des handelnden Subjekts auf sich selbst lenkt und systematisiert. Die Einheit des Tages wird zu einem Zeitmaß, das noch heute (und mehr denn je) für das Gelingen oder Misslingen von Geschäftsvorgängen entscheidend ist, welche zunehmend in die Erfolgsbilanz des einzelnen Lebens einfließen und die permanente schriftliche Selbstlenkung als Technik brauchen. So lässt sich in den Rechnungsvorgängen „eine der Quellen des modernen ←19 | 20→Tagebuchführens“ ausmachen, das auf ökonomischer Grundlage betrieben wird: „Jeder Tag ist gewissermaßen Bilanz- und Gerichtstag und wird gemustert nach seinem Ertrag.“29

So faszinierend die These ist, soll sie aber hier als – wenn auch wichtiger – Teil eines noch umfassenderen semiologischen Netzwerks verstanden werden, das aus religiösen, selbstphilosophischen, literarischen, kybernetisch-informatischen und ökonomischen Gliedern insgesamt besteht. Die letzten beiden sind freilich in der Forschung zumal aus literaturwissenschaftlicher Sicht deutlich zu kurz gekommen. Sie sollen hier in der Entwicklung durch die vorangegangenen Jahrhunderte aufgezeichnet und mit einem kritischen Schwerpunkt in der Gegenwart dargestellt werden, wo die klassischen Leib-Seele-Überlegungen zur Identität sich noch einmal radikal neu darstellen.

Denn alle Direktiven des Besserungs- und Gesundheitsdiskurses laufen auf einen subtilisierten, aber verschärften Wettbewerb hinaus. Dabei geht es sogar um Versicherungsprämien: Wer lebt noch gesünder, noch nachhaltiger, noch umweltverträglicher, wer kann noch mehr Stunden für den eigenen Körperkult aufwenden, und wer hat dabei die besten Stoffwechsel-, Kreislauf- und Hormonwerte? Damit lassen sich jedenfalls wieder Rankings begründen und Ausschluss- oder Beförderungsverfahren einleiten, bei denen sich gegenwärtig Smartwatches bzw. Wearables als äußerst hilfreiche Prothesen erweisen. Sie präzisieren die um 1900 begonnenen biometrischen Messungen, die zu Zwecken der Normierung und Reflexoptimierung, d.h. im ungünstigen Fall der Aussortierung durchgeführt wurden, und bieten diese Dienste nun in digitaler und auch erschwinglicher Form für eine weltweite Käuferschaft an. Die Pointe dieses Verkaufsschlagers ist nunmehr, dass die Messungen von den ‚Kunden‘ selbst und freiwillig durchgeführt werden, weil sie daraus ein Glücksversprechen beziehen. Als Schwundform des Tagebuchs nimmt unter derart avancierten technischen Bedingungen die Selbstschrift Formen von Zahlenkolonnen an, die die körperliche Befindlichkeit des Subjekts vermelden. Es wird zu zeigen sein, dass damit der vorläufige Höhepunkt eines Willens zur Quantifizierung erreicht ist, der in der Frühen Neuzeit einsetzt und im Versprechen, den Menschen ←20 | 21→als Beherrscher seiner Lebensverhältnisse zu inthronisieren, den antiken Imperativ der Selbsterkenntnis zunehmend in messbares Zahlenwerk einbringt. Hat Max Weber den okzidentalen Rationalisierungsprozess in der Maxime der Weltbeherrschung durch Berechnung zusammengefasst, darin einen sich verselbstständigenden technischen Verstand ausgemacht und in dem Glauben an die Quantifizierung einen Faktor der „Entzauberung der Welt“ gesehen,30 so haben Vertreter der kritischen Theorie in der Quantifizierung der Dinge und ihrer Indienstnahme durch eine instrumentelle Vernunft den zunehmenden Impuls der Weltbeherrschung erkannt und dies als neuen, unheilvollen Mythos der Aufklärung analysiert – zentral Horkheimer/Adorno in der Dialektik der Aufklärung (1947), aber auch Herbert Marcuse mit seinen Diagnosen zum Eindimensionalen Menschen (1964) unter Lebensbedingungen einer sich verabsolutierenden Technik.

Man mag die Tradition der kritischen Theorie mit ihren Beschreibungen eines gesellschaftsweiten Verblendungszusammenhanges selbst als dogmatisch kritisieren (Systemtheoretiker würden das tun), doch ist die Perspektive unabweisbar, um einen Blick auf die Traditionen und Bedingungen der Lebensbegriffe zu werfen, die die Lebensstile und auch das Tagebuchschreiben geprägt haben. Gerade dasjenige Medium, das Individualitätsgewinn massenhaft verspricht,31 wäre dann auf dem Prüfstand – das Internet mit seinen faszinierenden Angeboten an Weblogs und mithin möglichen Äußerungsformen und Distributionswegen, die Chancen und auch Risiken erbringen, deren Tragweite noch nicht abzuschätzen ist. Mit dem massenhaften Sammeln von Zahlen und Texten und deren privatwirtschaftlicher sowie politischer Anwendung ist zweifellos ein weiterer Schritt in Richtung einer „perfekten Orbitalisierung der Selbstbeobachtung“32 getan, deren äußerstes Ende im Zusammenfall von Ereignis, Aufzeichnung und Wahrnehmung liegen wird.

Versucht man einmal unter diesem Aspekt, Gegenwart aus dem Zukunftsblick zu beschreiben, versteht sich die vorliegende Studie auch wertend. Es ist einerseits zu würdigen, wie Menschen seit der Antike daran arbeiten, aus ihrem Leben ein Kunstwerk zu machen und wie sie dabei faszinierende Denkräume aufschließen. Kritisch einzuschätzen ist andererseits, wie von Beginn an Steigerungs- und Überbietungslogiken beteiligt sind, die ideologisch überfrachtet werden können. Nicht nur geht es dann um Fragen von Qualität oder Quantität des Erlebens und den zwanghaften, mechanischen Zug, den der Selbstoptimierungsbefehl annehmen kann. Auch der Beobachtungsimperativ kann sich, wenn er vom antiken oder stoischen Individuum in eine gesellschaftsweite Dimension geht, fatal auswirken. Roger Willemsen hat in seinem Fragment gebliebenen letzten Essay diese Fragen artikuliert:

„Vergangene Jahrhunderte erdachten einen Imperativ mit dem Wortlaut ‚Mensch, werde wesentlich‘ und instrumentierten ihn mit immer neuen Vorstellungen dessen, was ein vollständiges Individuum, eine symmetrische Persönlichkeit, ein schöner Mensch oder Wilder sei. – Unser Beitrag zu dieser Geschichte ist der Begriff ‚Selbstoptimierung‘. Ihn behaupten wir gegen die Vorstellung vom altmodischen, strapazierten, unpraktischen, heimgesuchten Menschen, dessen Individualität Schmerz, Krankheit, Melancholie, Ermüdung, Schwärmerei ist und sich Mangelerscheinungen verdankt, Anomalien, fixen Ideen, lauter Hindernissen im Prozess effektiver Selbstausbeutung. – In den Himmel unserer Vorbilder promovierten wir den Rechner, vorbildlich durch seine Geschwindigkeit, seine Kapazität, seine Leistungsfähigkeit auf dem Feld der unendlichen Parallelhandlungen, ein Ebenbild, das nicht sucht, nicht irrt, nicht zögert, das keinen Raum lässt für die Unterbrechung, die Erschöpfung, den Interimszustand, den Irrweg, die Ratlosigkeit der Pause, den Skrupel. Ein Vorbild, das nicht nach der wichtigsten Information fragt, sondern nach der ersten, und diese ist bezeichnenderweise meist an den Verkauf gebunden.“33

Dass man aber die eigenen Bedingungen kennt, unter denen man sich denkt, entwirft und notiert, befreit Schreibende und Lesende (die sich unter Bedingungen der neuen Medien beide als prosumer bezeichnen können) womöglich von einigen Irrtümern, sicher jedoch von den naiven Annahmen der Selbstbeobachtungsliteratur. Gegen das hilf- und hemmungslose Mitbuchstabieren der eigenen Gegenwart – oder gar das von ←22 | 23→ihr Buchstabiertwerden – hilft ein Blick in die Geschichtlichkeit, in die lange Entwicklung der Selbstschrift und insbesondere des Tagebuchs. Dieses diente eben weniger der Selbstfindung, sondern entsprach vor allem kaufmännischen, religiösen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Zwecken – und ist damit politischen oder ökonomischen Absichten ausgeliefert, die Gemeinschaften, Gesellschaften oder Staatengebilde im Sinn haben mögen. Eine lebensphilosophische Studie Sloterdijks (dessen mitunter heikle Konsequenzen an anderer Stelle zu diskutieren sind) hat sich in diesem Sinne um einen geschichtlichen Längsschnitt bemüht, der von den antiken Imperativen zur Lebensbesserung bis zur Gegenwart reicht und mit dem zu zeigen ist, wie sich der Mensch nicht nur in materiellem Erfolgsstreben bemüht, sondern auch „mit symbolischen Immunsystemen und rituellen Hüllen“ umgibt, die Übungssysteme in sportiven Lebenshaltung bereitstellen und ein permanentes Training ermöglichen.34 So sei das Prinzip der Askese nicht nur als Enthaltsamkeit, sondern auch ‚Übung‘ oder ‚Training‘ zu verstehen, das bis in akrobatische oder heroische Bereiche führt, die philosophisch z.B. bei Nietzsche, lebenspraktisch aber auch bei L. Ron Hubbards Dianetik und Scientology enden können.35 Die persönlichen Lehrverfahren, die mit der griechischen Antike entstanden sind, überhaupt alles Lehren sei insofern zur „Menschheitsbelästigung“36 geworden, als damit die inneren Widerstände und Trägheiten des Menschen überwunden werden sollen – eine ziemlich skeptische und ironische Sicht auf das Lehren, das damit so ganz nebenbei aus seinem Aufklärungshorizont entfernt wird.

Die oben angeführten Autoren sollen in dieser Studie mit ihren Programmen des Tagebuchschreibens vorgestellt werden, und zwar letztlich mit einer in der Gegenwart kulminierenden politischen Entwicklung, in der die totale Lesbarkeit des Subjekts mit seinen Gedanken wie auch Körperdaten sichtbar zu machen und der entsprechend tiefgreifende Umstrukturierungsprozess des öffentlichen Lebens darzustellen ist. In der Romangattung hat dies unter anderem Dave Eggers mit Der Circle (2013) eindrucksvoll-realsatirisch dargestellt, noch bissiger und stärker dystopisch angelegt ist Marc Elsbergs ZERO. Sie wissen, was du tust (2014). Dabei spielt der Hauptaspekt der ←23 | 24→bisherigen literaturwissenschaftlichen Tagebuchuntersuchungen, nämlich die Selbstschrift als literarische Experimentierstufe, als Werkaussage des Autors oder als ‚Notenbuch des Herzens‘ – so die Tradition der Intimisten seit dem 19. Jahrhundert – zu begreifen, eher eine Nebenrolle. Und so verdienstvoll die Forschung darin gewesen ist, viele tausend Seiten von hunderten von Autoren zu durchforsten, Untergattungen zu differenzieren,37 Gattungsentwicklungen zu zeichnen,38 Ich-Figurationen und Rollenmodelle zu prüfen,39 Zeiterfahrungsmuster phänomenologisch zu betrachten40 oder in Bezug auf Einzelautoren textphilologische Genealogie zu treiben, ist doch allermeistens der materialgeschichtliche Hintergrund, also die diskursive Außenseite des Literarischen, unberücksichtigt geblieben.

Methodisch ist die Studie von der Auffassung der Mediologie geleitet: Es reicht nicht hin, einzelne Autoren oder eine isolierte diskursive Strömung für eine größere Entwicklung verantwortlich zu machen, auch führt es kaum weiter, Tagebuchnotizen als isolierte, da in vermeintlicher Einsamkeit geschriebene Artefakte zu betrachten. Um ein umfassenderes Bild zu gewinnen, ist vielmehr an ein mediologisches Netzwerk zu denken, welches die Programme der Selbstschrift bestimmt: Nicht allein die Medialität von Schrift erschafft das Tagebuch, sondern die umgebenden philosophischen, medizinischen, psychologischen, christlich-theologischen, aber auch ökonomischen und statistischen Diskurse sind es, die diese Schreibform konfigurieren und damit Voraussetzungen für die Selbstschrift bilden. Über diese Diskurse (und mithin Foucault) hinaus ist aber ebenso an die technischen Begrifflichkeiten und mitlaufenden Konzeptionen zu denken, die sich von der Handschrift über die analoge Maschinenschrift bis zum Digitalen entscheidend ändern. Denn so können auch die Verhältnisse von Autonomie und Heteronomie umkippen: Statistisches Zählwerk wirkt sich dann spätestens ab 1900 auf das Erzählen aus wie auch auf Wahrnehmungsformen – und natürlich Lebenshaltungen, die von den technischen Diensten der Gegenwart souffliert werden.41 Insofern ist die Studie auch nicht als ←24 | 25→erschöpfende Analyse der einzelnen Tagebücher gedacht, vielmehr soll eine verzweigte Genealogie ihrer Programme erarbeitet werden, um damit Werkzeuge zur möglichen Analyse weiterer Tagebuchbestände in der Perspektive der (Selbst-) Optimierung bereit zu stellen.

Zu beobachten ist, wie in der langen Geschichte der Selbsttechnologien und der Herausbildung einer Ästhetik der Existenz42 die Daten, die Erstellung von Listen und alles Bestreben nach Quantifizierung eine Dialektik der Optimierung geprägt haben. Selbstorganisation oder der Gewinn personaler Identität wäre die positive Chance dieser jahrtausendealten Kulturtechnik. Schlägt sie aber um in Selbstverzifferung – eine Frage auch der zur Verfügung stehenden Medien –, wird spätestens dies zum Dispositiv: Die Formen, derer man sich bedient, die Statistiken, die die Lebenserfahrungen zu benennen helfen, geben auch das Denkformat vor, unter dessen Horizont sich das Aufschreiben vollzieht. Diese kann eine private Obsession sein, auch kreative Gestaltung des eigenen Lebens ermöglichen – und ebenso Objekt der Staatsarchive werden. Und dass die psychotechnischen Optimierungen sich auch in historisch wandelbaren Tagebuchformen niederschlagen und erkenntnisleitend für den Aufbau des verschrifteten Selbst wirken, ist die mediologische Grundannahme der folgenden Beispielstudien. Die Verpflichtung des Chronisten auf abständige, allseitige Sichtung, mithin die Genealogiebetrachtung von guten Versprechen, von Selbstgewinn und Selbstverdinglichung ist also die eine Seite der Arbeit. Mit dem Erschließen solcher Selbstaufzeichnungsprogramme wird freilich der reine Optimismus des Selbstgewinns allen Autonomiebestrebens nicht geteilt. Was nämlich die Gegenwart angeht, ist es kaum mehr möglich, die Gefahren zu negligieren, die sich mit dem Potenzial der Selbstschrift als deren Kehrseite nunmehr erfüllen – oder zumindest aus den digitalen Varianten des Tagebuchführens und seinen zählfreudigen Fortsetzungen bei den ‚Quantified-Self‘-Jüngern ergeben. An diesem Punkt spätestens, aber eigentlich schon mit dem Beginn des transhumanen Diskurses um 1750 schlägt die Selbsttechnologie in Fremdtechnologie um.43 Denn so wie in ←25 | 26→der Suche nach dem Automatenmenschen der Gedanke der Perfektibilität in die technische Behebung körperlicher Defizite oder gar in die komplette Herstellung eines mechanischen Lebewesens münden soll, bringen auch die Datensammlungen von Big Data das Optimierungsbemühen des Einzelnen in eine übersubjektive Maschinerie, die außerhalb des Einzelnen steht und diesen transzendiert. Ein Seitenweg hierzu ist derjenige, den Therapeuten, Berater oder Coaches mit dem Jargon der Selbstoptimierung anbieten und nicht minder wirksam auf breiter Ebene umsetzen – und dann kaum mehr therapeutisch, sondern v.a. die Gesunden und Angepassten stärkend und ihnen Profile anbietend. Dabei handelt es sich, mit einem Begriff von Jürgen Straub, auch nicht mehr um klassisch-modern angestrebte Autonomie, sondern stark heteronom durchsetzte ‚Auteronomie‘, in die der ständige Optimierungsprozess mündet. Nach Durchlaufen aller Mitmachprogramme kann der Patient, Kunde oder Nutzer darauf hoffen, irgendwann in einem ziemlich gleichtönenden „Paradies der ‚idealen‘ Gemeinschaft der Eupsychia“ zu leben.44

Vielleicht hat damit auch jener Fall von zwanghafter Grafomanie zu tun, den Clemens J. Setz erzählt hat: Robert Shields, Geistlicher und Englischlehrer aus den USA, schrieb zwischen 1972 und 1997 alle fünf Minuten seine Handlungen und Körperzustände auf, weil er beim Unterlassen des Aufschreibens fürchtete „that I would be turning off my life“.45 Diese Todesangst und ihre Bewältigung durch Schreiben ist wohl nicht nur singulär oder schrullig, sondern übersteigert nur symbolisch den Absicherungsgedanken, der beim Selbstschreiben oftmalig mitläuft. Verwandt sind damit Anpassungsdruck und Konformitätswünsche, die die Besserungsprogramme von der psychogenen Seite aus diktieren, und so führt die längst „in industrielle Formen gegossene Animation, Mobilisierung und Disziplinierung des sich selbst unaufhörlich beobachtenden, vermessenden […] und dabei ‚befreienden‘ Menschen“ in einen Bezirk lauthals deklamierter, aber völlig unkritisch ←26 | 27→geprobter Individualität.46 Was wären aber die Wege hinaus? Ein nacktes, unschuldiges, unmittelbar empfundenes Dasein, ein reales Empfinden von Ontologie wäre an sich selbst schon Konstrukt: Karten, Diagramme, Tabellen, Statistiken und Verzeichnungen digitaler Art scheinen die unhintergehbaren Backups zu sein, die das Leben bis ins Empfinden hinein durchformen.47 Und unter diesen Auspizien scheint aller Optimismus schwer zu halten, aus dem Leben ein auszuformendes „Meisterstück“ zu machen, wie Nietzsche es mit dem ihm eigenen Überschwang gefordert hat.48 Gleichwohl ist das Pathos der Selbstpoetik mit den neuen Versuchen, sich in den Social Media ein unverwechselbares Profil mit ‚Alleinstellungsmerkmal‘ zu geben, ungebrochen. Zwischen solchen widersprüchlichen Perspektiven kann die vorliegende Studie kaum einen Ausweg bieten, immerhin aber: sich um eine geschichtliche Klärung der Verhältnisse bemühen. Sie versteht sich deswegen als Teil eines Textnetzwerks, das historisch an vielen Stellen ergänzt werden kann, immer schneller jedoch Aktualisierung benötigen wird.

1 Vgl. Ralf Glitza, der dies v.a. für die Konfuzius-Schule zeigt, in: Kulturelle Bildung in der Mitte der Gesellschaft (2018).

2 So Friedrich Hebbel über sein Tagebuchprogramm (23. März 1835; Bd. I, S. 7).

3 Roland Barthes 1978, S. 176.

4 Friedrich Nietzsche: Aus dem Nachlass der Achtzigerjahre, III, S. 482.

5 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, S. 83.

6 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen, S. 77. Stellvertretend für viele hier nur der Hinweis auf eine Programmnotiz Gottfried Kellers, der sein Tagebuch als „Wanderbuch“ begreift, das „ich bei jeder neuen Station meines Lebens meinem höchsten Tribunale, dem Gewissen, vorweisen werde“ (8. Juli 1843/1947, S. 37).

7 Einen umfassenden Überblick aus sozialwissenschaftlichen und angrenzenden Disziplinen bietet der Band von Sieben/Sabisch-Fechtelpeter/Straub 2012.

8 So auch Michel Foucault: In Verteidigung der Gesellschaft, S. 280 f.

9 Vgl. Harald Welzer 2011, S. 16.

10 Michel Foucault: Überwachen und Strafen (1995), S. 195.

11 Michel Foucault 1995, S. 250; vgl. ders. 1977, S. 78 ff.; als neueres Beispiel in Bezug auf den psychiatrischen Diskurs vgl. Borck/Schäfer (Hg.): Das psychiatrische Aufschreibesystem (2015).

12 Friedrich Nietzsche: Morgenröthe. Gedanken über die moralischen Vorurtheile, I, S. 1231. Es ist die Zauberformel des Zauberbergs, das ‚placet experiri‘, mit der Thomas Mann Nietzsches Satz in einem humanistischen Sinn umdeuten wird.

13 Einen Überblick zu Strömungsverhältnissen des Identitätsbegriffs gibt Jürgen Straub (2011).

14 Michel Foucault 1996, S. 24; vgl. Wilhelm Schmid 1998.

15 Michel Foucault im Interview mit Dreyfus/Rabinow 1987, S. 289.

16 Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste, S. 18.

17 Vgl. Philippe Lejeune: Le pacte autobiographique (1975/1994).

18 Vgl. Jacob Burckhardt: Kultur der Renaissance; Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit; Bernd Roeck: Der Morgen der Welt.

19 Vgl. Karlheinz Stierle: Petrarca, S. 292 ff. und S. 347 ff., auch Bernd Roeck 2017, S. 347 ff. Im 15. Jahrhundert wird es Pico della Mirandola sein, der in De hominis dignitate die Figur der Selbstreflexion als Willensfreiheit des Menschen ausformuliert.

20 Wenn auch in einer eher beiläufigen Anmerkung, so doch wegweisend in Familiares 26. Nov. 1348: „Sed placet experiri“; vgl. Roberta Antognini: Il progetto autobiografico delle Familiares di Petrarca. Milano 2008, S. 11. Nicht von ungefähr zitiert der Aufklärer Lodovico Settembrini diese Formel leitmotivisch immer wieder im Zauberberg als Devise dafür, dass man (und besonders Hans Castorp) sich neuen Horizonten öffnen und seine Denk- und Wahrnehmungsräume erweitern möge.

21 Jacob Burckhardt: Kultur der Renaissance, S. 135.

22 Jacob Burckhardt: Kultur der Renaissance, S. 135 f.

23 Vgl. Harald Welzer 2011, S. 13.

24 Vgl. Jürgen Straub: Rationalising Life by Means of Self-Optimisation (2018, im Druck).

25 Zur Erfindung der mechanischen Räderuhr und der ökonomischen Nutzzeit ab dem 14. Jahrhundert Bernd Roeck 2017, S. 424 ff.

26 Georg Agricola: Bermannus (1530, Lat.), zit./übers. Bruno Preisendörfer: Als unser Deutsch erfunden wurde, S. 98.

27 Vgl. Joseph Vogls Aufsatz zur Poetik des ökonomischen Menschen (2007) sowie die vorausgehende umfassende Studie über Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen (2004/8).

28 Joseph Vogl: Poetik des ökonomischen Menschen, S. 551.

29 Joseph Vogl: Poetik des ökonomischen Menschen, S. 550.

30 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, S. 594; ausführlich dazu neuerdings Jürgen Straub: Rationalising Life by Means of Self-Optimisation (2018), der die Webersche Diagnose einer zunehmend und systemlogisch gesteigerten Rationalität der okzidentalen Moderne als Durchsetzung auch von sozialen Praktiken und technischen Medien bis zur Gegenwart herausarbeitet.

31 Vgl. Andreas Reckwitz: Die Gesellschaft der Singularitäten (2017).

32 Manfred Schneider: Transparenztraum, 2013, S. 149.

33 Roger Willemsen: Wer wir waren, S. 48 f.

34 Peter Sloterdijk: Du mußt dein Leben ändern, S. 13

35 Vgl. Peter Sloterdijk ebd., S. 133 ff.

36 Vgl. Peter Sloterdijk ebd., S. 58.

37 Vgl. Peter Boerner 1969, Rüdiger Görner 1986.

38 Vgl. Gustav-René Hocke 1963, Ralph-Rainer Wuthenow 1990.

39 Vgl. Manfred Jurgensen 1979.

40 Vgl. Arno Dusini 2005.

41 Odwald Balandis/Jürgen Straub: Self-Tracking als technische Selbstvermessung, 2018, S. 6 f.

42 Vgl. Foucault: Der Gebrauch der Lüste; Wilhelm Schmid: Philosophie der Lebenskunst.

43 Zum post- bzw. transhumanen Diskurs nach 1750 vgl. Britta Herrmann: Über den Menschen als Kunstwerk (2018).

44 Vgl. Jürgen Straub: Selbstoptimierung im Zeichen der „Auteronomie“ (2013), Zit. S. 26.

45 Das Gesamt’werk’ von Shields umfasst ca. 37,5 Millionen Wörter, wird in der Washingtoner State University in 94 Kartons aufbewahrt und stellt das umfangreichste überlieferte Tagebuch dar; vgl. Clemens J. Setz: BOT. Gespräch ohne Autor, 2018, S. 38 f.

46 Jürgen Straub: Selbstoptimierung im Zeichen der „Auteronomie“, ebd., S. 34.

47 Vgl. Manfred Schneider: Transparenztraum, S. 33.

48 Friedrich Nietzsche: Der Fall Wagner, II, S. 905.