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Selbstoptimierung

Eine kritische Diskursgeschichte des Tagebuchs

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Ralph Köhnen

Lebenskunst hat Konjunktur: Offenbar ist der Traum, das Leben als Gesamtkunstwerk einzurichten, zur ethischen Maxime geworden. Beteiligt ist dabei seit der Antike das Motiv von Selbsterforschung bzw. Selbstbesserung, das über die Frühe Neuzeit bis in die Gegenwart wirksam geblieben ist. Tagebücher sind dabei ein notwendiges Begleitmedium gewesen und haben wechselhafte Formen angenommen, die von religiösen, wirtschaftlichen, psychologischen und medizinischen Aufschreibesystemen bestimmt worden sind. In diesem umfassenden mediologischen Sinn untersucht der Autor Programme der Selbstschrift und stellt diese an Beispielen dar, die sich von Pacioli über Pepys, Leibniz, Herder, Moritz, Goethe, Hebbel, Schmitt, Jünger oder Rainald Goetz bis in die Gegenwart der Social Media erstrecken.

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7. Selbstschrift mit Beobachter: Karl Philipp Moritz und die ‚Menschenwissenschaften‘

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7. Selbstschrift mit Beobachter: Karl Philipp Moritz und die ‚Menschenwissenschaften‘

Die Geburt der modernen Psychologie

Moritz knüpft zwar an das Aufschreibunternehmen Herders an, setzt aber im Sinne der beginnenden empirischen Psychologie neue Akzente: Es soll nun das Wissen über innere Welten in Magazinen erfasst und verwaltet werden, woraus Archive entstehen, die empirische Zählweisen mit seelisch-psychologischer Innenschau verbinden.272 Der Perfektibilitätsgedanke ist mittlerweile zum Topos geworden, was Sulzer pointiert mit dem auch für Moritz verbindlichen Gedanken der Selbstarbeit, die der Selbsterkenntnis längst an die Seite getreten ist:

„Ich werde mich befleissen die Absichten des Herrn der Welt, der mich vollkommen haben will, zu erreichen. Dies soll meine Hauptbeschäftigung seyn. Ich werde nicht ruhen an mir selbst zu arbeiten, solange ich mir noch innerlicher Unordnung bewußt bin. So befördre ich das Werk des Schöpfers, ich trage zur allgemeinen Vollkommenheit des Ganzen bey.“273

Unabdingbare Voraussetzung dafür ist aber das Aufzeichnungsgebot, dessen empirischer Anspruch nach außen wie auch nach innen geht und eine enzyklopädische Gebärde annimmt, die sich zeitgenössisch in Diderot/d’Alemberts Wissenssammlung zeigt. In diesem Kontext äußert Diderot per Brief 1762 den ambitionierten Gedanken, man solle auf das Aufzeichnen innerer Regungen mindestens so viel Energie wenden wie auf objektgerichtete Beobachtungen:

„Wie denn, sagte ich mir, ein Astromom verbringt dreißig Jahre seines Lebens hoch oben auf seiner Sternwarte, preßt Tag und Nacht sein Auge gegen das Ende eines Fernrohrs, um die Bewegung eines Gestirns zu verfolgen, und sich selbst sollte keiner beobachten, niemand sollte den Mut haben, über alle Gedanken, die in seinem Kopf umgehen, über alles, was sein Herz bewegt, über alle seine Leiden und Freuden genauestens Buch zu führen“.274

Mut gehöre allerdings dazu, merkt Diderot noch an, und am Tagesende würden wohl vor allem die günstigen, ehrbaren Ereignisse notiert. Wenn er damit einen Gedanken Augustinus’ variiert und dessen Forderung, bei der Außenwendung den Blick nach innen nicht zu vergessen, nun auf die eigenen Gedanken- und Herzensregungen appliziert, wird damit der subjektive Faktor entschieden in den Blick gerückt. Hieraus entsteht ein weites Spektrum von Aufzeichnungsgegenständen, wobei das Innere kontinuierlich zu den äußeren Gegenständen begriffen wird. Strikt von den naturwissenschaftlichen Disziplinen her denkend hat etwa Lichtenberg seine Sudelbücher angelegt, denen das Subjektiv-Spontane ebenso anzumerken ist wie das Sentenzenhafte, die überraschende Wendung oder das Paradoxale. Die täglichen Eintragungen der Kaufleute ins ‚Waste book’ übersetzte Lichtenberg mit Sudelbuch, Klitterbuch oder auch Hudelbuch, dort finde sich „alles durcheinander ohne Ordnung, aus diesem wird es in das Journal getragen, wo alles mehr systematisch steht, und endlich kommt es in den Leidger at double entrance nach der italiänischen Art buchzuhalten.“275 Im Maße zunehmender Ordnung könne dieses Vorgehen der wirtschaftlichen Buchhaltung, das offenkundig an Pacioli angelehnt ist, auf die Arbeit des Gelehrten übertragen werden, wobei im Leidger „die Verbindung und die daraus fließende Erläuterung der Sache in einem ordentlichen Ausdruck“ enthalten wären.276 In dieser Gradation der Dingordnung präferiert Lichtenberg ersichtlich das erstere, wobei er auf sich selber das „Kriterion eines großen Schriftstellers“ applizieren kann, dass man selbst aus einem „weggeworfenen Scherz“ großen Nutzen für die Arbeit ziehen kann.277 Und so resümiert er: „Schmierbuch-Methode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben zu lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten.“278 Das Rechenwesen ←112 | 113→als rationelles Prinzip klingt hier noch durch im Hinweis, dass auch das scheinbar Bedeutungslose seinen erkenntnismäßigen Nutzen erweisen kann.

Moritz‘ Betrachtungen, seine philosophischen Bemühungen wie auch ‚Daten’sammlungen verabschieden sich ebenfalls vom pastoralen Hintergrund und stehen nun im Horizont einer praktisch werdenden Philosophie, wie sie Herder angebahnt hat, im Umfeld der 1780er Jahre aber gerade auch unter Populärphilosophen wie Garbe, Lichtenberg, Platner, Seume oder Autoren wie Jean Paul floriert. Sie sind ganz auf die Innenwelten meist verzweifelter, aberranter Individuen gerichtet, die nicht ohne Mitgefühl behandelt werden, aber auch gern genutzte Lieferanten von Seelendaten sind. Mit seinen Beiträgen zur Philosophie des Lebens gelingt Moritz der Umbruch zu einer säkularen, aphoristisch-literarischen, tagebuchähnlichen Traktatschrift, die auch Veröffentlichung sucht und individuelle Selbstaussagen einer öffentlich-kommunikativen Vernunft unterstellt.279 Moritz ist als Diarist zwar weniger bekannt, hat sich als solcher aber vielfältig betätigt. Seine Aufzeichnungen sind, auch unter dem Eindruck der Anthropologie bzw. diese rückverstärkend, zum Ausgangspunkt eines Riesenprojektes geworden, das den Weg von der pietistisch-zerquälten Aufzeichnung über die neugierige Selbsterkundung bis zur Sammlung von Innenschau-Notizen durchläuft, die schließlich noch zum Rohstoff von Literatur werden können. Diese Aufzeichnungen nimmt er von sich selber, von Freunden, Schülern oder Fremden, schreibt sie im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde nieder und fiktionalisiert sie parallel dazu im Anton Reiser als Bildungsroman. Das Unternehmen ist ebenfalls enzyklopädisch und um Sammlung möglichst vieler Ansichten bemüht, anders als bei Herder aber auf die Innenwelt gerichtet – Rohstoff dafür sind zunächst Selbstbeobachtungen, und Moritz knüpft hier an die bekannten Forderungen der älteren wissenschaftlichen Diaristen an: „Ich entschloß mich, ein eignes Journal hierüber zu halten, welches ich auch getan, und es bis jetzt fortgesetzt habe. Man sammlet tägliche Beobachtungen, dacht’ ich, über das Wetter, und den Menschen sollte man dessen nicht wert achten?“280 Die Aufzeichnung von inneren Erlebnissen des Menschen in ein Archiv zu überführen, von wo aus sie aber ←113 | 114→in die Disposition der Vermessung gelangen, wird zur Strategie der jungen Psychologie. Dafür gibt es noch ein unabweisbares anderes Vorbild: Dass mit dem Blick in das eigene Innere der Anspruch einhergeht, das eigene Herz zu lesen, auch schwierige seelische Dinge zu entziffern und insgesamt seiner eigenen Natur authentisch gewahr zu werden, hat Rousseau mit seinen autobiografischen Bekenntnissen (1780) in einem gigantischen Erzählbogen exemplifiziert und diese Sensibilität der bewussten und unbewussten, jedenfalls internen Vorgänge dann in seinen Träumereien eines einsamen Spaziergängers (1782) noch einmal zur Mikrologie auch der Wahrnehmungsvorgänge selbst gesteigert. So lautet die programmatische Grundlegung dieser Schlussabrechnung eines Lebens: „Ich führe an mir ähnliche Messungen durch, wie sie Naturforscher verrichten, die täglich den Zustand der Luft beobachten. Ich prüfe also meine Seele wie mit dem Barometer“.281 Es entspricht dem Selbstbewusstsein des Naturforschers, dass er diesen systematischen Anspruch nicht mehr für ein Publikum denkt, sondern den Text vor allem für sich selbst schreibt. Gegenüber dem Wahrhaftigkeitsgehalt der Empfindungen, Sentiments und Phantasien gibt es keinerlei Skepsis, jedoch ein veritables Aufschreibproblem. Denn Rousseau hebt die Disparität beider Tätigkeiten – des aktiven Eintauchens in die eigenen Bewusstseinsverhältnisse und des Aufschreibens der Eindrücke – hervor, insofern sie unmöglich uno actu zu vollziehen seien.282 Das Mitschreiben von Fremdphantasien bietet hingegen die Möglichkeit, Vielheiten zu notieren – im Vertrauen darauf, dass die ‚Daten’ bzw. Sprachspiele der Selbsterzähler nicht selbst schon von diesen fingiert sind.

Moritz dürfte zumindest indirekt von Rousseaus Confessions Kenntnis gehabt haben, womöglich auch von dessen Rêveries. Als er in einer Berliner Klosterschule Lehrer wird, tut er dies auch mit dem Vorhaben, seine Schüler zu beobachten, und veröffentlicht schließlich seine Sammlung ←114 | 115→Unterhaltungen mit meinen Schülern, die wiederum in das Magazin zur Erfahrungsseelenkunde aufgenommen werden. Das herkömmliche Herrschaftsverhältnis zwischen Lehrern und Schülern, das stets harte Strafmaßnahmen legitimierte, wird hier ersetzt durch eine freundschaftliche Autorität des Lehrenden auf der Basis gegenseitigen Vertrauens. Zwischen teilnehmender Beobachtung, lockerem Gespräch und Einfühlung einerseits, wie sie Moritz als Erkenntnishaltung pflegte, andererseits aber Ausforschung des äußeren Verhaltens und des Innenlebens der Schützlinge, um diese in Speichertechniken zu überführen, verläuft jedoch nur ein schmaler Grat.283 Letzteres gehört bekanntlich zu den Leitmaximen der Pädagogik des 18. Jahrhunderts, und Empfehlungen dazu finden sich unter anderem bei Sulzer über Christian Felix Weiße bis in die Spätaufklärung. Der Beobachtungsimperativ ist auch hier direkt mit dem Aufschreiben verknüpft; so merkt Sulzer über die Zöglinge an, man müsse „von allem, was sie gelesen, gehört und gesehen, ihre Gedanken aufschreiben lassen“.284 Eine solche Pädagogik der Überschau kennt auch meistens das nützliche Tagebuch als Aufschreibmedium. Weiße, der in seiner Moralischen Wochenschrift Der Kinderfreund. Ein Wochenblatt (1775-82) auch als ‚C. Mentor’ auftritt, adressiert seine Texte an seine „lieben kleinen Freunde“ oder „süßen Leser und Leserinnen“285 und hält etliche Vorschläge zu Bildung und Unterhaltung parat. Denn auch Gespräche „haben wieder die Tugenden oder Fehler meiner Kinder und ihre Besserung zur Absicht“.286 Besonders aber das Tagebuchführen nötigt Weiße seinen Kindern ab, die damit wiederum vorbildlich für die jungen LeserInnen werden sollen:

„Ich habe sie nämlich gewöhnt ein Tagebuch von allen ihren Geschäfften und Handlungen aufzusetzen. Selbst ihre Fehler müssen sie darinnen frey anzeigen, und sie thun es gern, weil sie da mit einer kleinen freundschaftlichen und liebreichen Erinnerung wegkommen, da sie bey Verheimlichung nachdrücklichere Verweise und Vorstellungen zu fürchten haben. Sie lernen dadurch auf ihre ←115 | 116→Handlungen Acht geben, und, da ihr Journal gemeiniglich in unsrer aller Gegenwart abgelesen wird, so bemühen sie sich, daß es doch immer eher ein Verzeichniß ihres Wohlverhaltens als ihrer Fehler wird.“287

Dass Erziehen auch kontrollierendes Beobachten und Abmessen von Entwicklungsschritten bedeutet, zeigt sich in der Fortsetzung dieses Tagebuchregulativs. Mithin soll Zeiteinteilung beim Arbeiten erlernt werden:

„Da sie auch bey ihrem Thun und Lassen größtentheils uns, ihre Geschwister und Lehrer, zu Augenzeugen haben: so sind sie nicht vermögend, Erdichtungen für Wahrheiten aufzuzeichnen: denn sie würden gleich widerlegt und beschämt werden. Ein anderer Vortheil ist, daß sie Ordnung in Eintheilung ihrer Zeit lernen: am Abend, oder den Morgen darauf sehen können, wie weit sie im guten fort, oder zurücke gegangen sind, um wieviel ihre Erkenntniß vermehret worden, und wovor sie sich künftig zu hüten haben. Endlich lernen sie auch eine Fertigkeit im Schreiben, und sich über mancherley Dinge freymüthig, leicht und gut auszudrücken. Ihnen selbst macht es aber auch ein großes Vergnügen.“288

Prüfungsgespräche, Initiationsrituale der Selbstschrift, Überwachung und Autokorrektur wechseln hier ab, wenn das Tagebuch als Besserungsmedium installiert wird – und der Vater kann sich dann freuen, „daß die Liste ihrer guten Handlungen doch größtentheils die schlechten weit übertrifft“.289 Zu dieser Aufzeichnungstechnik passt der Bericht des Pädagogen, dass seine Kinder „voller Aufmerksamkeit“ gespannt seien, „des andern sein Tagebuch anzuhören, um zu berechnen, um wie viel es seine Zeit besser als das andere angewandt habe“.290 Der pietistische Zeitnutzgedanke ist hier säkularisiert, und damit wird der junge Tagebuchschreiber in ein kompetitives Verfahren eingebunden, das nicht nur ihn selbst bessern, sondern auch in der Bedeutung anderen gegenüber weiter heraufsetzen soll. Und so wetteifert der zuerst abgedruckte, aber zweifellos fiktive, also exemplarisch gedichtete Tagebucheintrag seiner Tochter Charlotte vom 13. September auch darum, wie sie noch tugendhafter leben und ihre kleinen Vergehen noch bußfertiger darstellen kann. Die geforderten Verhaltensformen des anständigen Essens, des Malens und Lernens sind durchsetzt vom pietistischen Rhythmus des ←116 | 117→Bereuens schlechter Taten und des guten Vorsatzes mitsamt Gelöbnis zur Besserung.291

Diese individuellen Schreibpraktiken führt Karl Philipp Moritz nun mit seinen Aufzeichnungstechniken an einen weit gefassten, anspruchsvollen Punkt: Seine Selbst- und Fremdnotizen sollen Elementarbauteile für die Universalbeobachtung sein, was ihn mit Herders enzyklopädischem Unternehmen verbindet, wobei Moritz stärker auf das Wissen vom Menschen orientiert ist. Dazu sind Techniken nötig, deren erste Voraussetzung das Selbstdistanzgebot der Empirie ist. Der Beobachter muss nämlich

„die Kunst lernen, in manchen Augenblicken seines Lebens sich plötzlich aus dem Wirbel seiner Begierden herauszuziehen, um eine Zeitlang den kalten Beobachter zu spielen, ohne sich im mindesten für sich selber zu interessieren. Auf die Art könnte einer die Geschichte seiner Augenblicke, zum Nutzen der Menschheit, beschreiben“.292

Diesen Betrachtungsvorgang fasst Moritz immer wieder in die Theatermetapher, wenn er sich etwa vornimmt, sich selbst „so wie ein Schauspiel zu betrachten“ und sich zum Gegenstand der „eignen Beobachtung“ zu machen, „als ob ich ein Fremder wäre, dessen Glücks- und Unglücksfälle ich mit kaltblütiger Aufmerksamkeit erzählen hörte“.293 Damit nimmt Moritz auch eine Selbstumschulung vom heißen Sündenbekenntnis, das seine Reste in den gelegentlichen Formen erlebter Rede des Anton Reiser hat, zum kühl-distanzierten Beobachter vor, der sich selbst zum Gegenstand machen soll und dabei „kaltblütig denken“ will auch dann, wenn er sich sterben sehen würde.294 Mit dem Modus der unparteiischen Selbstbetrachtung ist auch eine ästhetische und kontemplativ-spielerische Nuance angesprochen. Für Moritz, Experimentator seiner selbst, wird das Innere zum Schauspiel, an dem er als Beobachtender teilnimmt, möglichst aber, ohne gefühlshalber involviert zu sein. Auf der Seite der kunstmäßigen Anschauung entspricht ←117 | 118→dies dem ästhetischen Urteil in Kants Kritik der Urteilskraft, das sich ohne alles Interesse und ohne vorgefasste Begriffe betätigt, damit aber jenseits des Subjektiven ein allgemeines Prinzip vorstellig machen soll.295

Die Vorzüge dieses Wissenschaftsverständnisses lassen sich vor allem in ihrem innovativen Wert beschreiben: Außerhalb von Moral und Religion (oder anderen ‚Interessen‘) soll geforscht werden, auch sollen die Ergebnisse vorab keinem Zweck genügen. Bei diesem Vorgehen von Selbstreflexion, Spiegelung in Fremderzählungen und Verallgemeinerung ins Anthropologische wird es zum Leitprinzip, ohne wertende Vormeinung an das Unternehmen zu gehen und deduktive Vorschlüsse zu unterlassen, auch Gesichtspunkte der Moral und natürlich der Religion auszuschließen. Entsprechend ist es Aufgabe des Erfahrungsseelenkundlers, einzig und allein zu beobachten, „wie die Dinge wirklich sind, und Untersuchungen anzustellen, warum sie so sind: nicht aber, zu bestimmen, wie sie nach seiner Meinung seyn sollen“.296

Damit wird die Tradition des Empirismus fortgesetzt, aber auf das Innere angewendet. Der Experimentalseelenforscher, der vieles zu den Entdeckungsprozeduren selber schreibt, hat aber sehr deutlich vor Augen, dass es nicht um das Zählen von Wolken, Regenmengen oder anderer fasslicher Natur- und Gesellschaftsereignissen geht. Wenn bereits diese Vorgänge interpretiert werden müssen, ist für Moritz völlig klar, dass die Beobachterperspektive selbst zum Thema wird. Dies vor allem bezweckt wohl die nimmermüde Sammlung von (Fall-) Beispielen: Mit der Exzentrierung der Ich-Perspektive soll auch das Problem ausgeschaltet werden, dass der Selbstuntersuchende seine je eigene Perspektive und also auch seine blinden Flecke mitbringt. Erst aus einer großen Zahl von Selbsterzählungen lässt sich im relativen Abgleich Erkenntnis gewinnen. Darin ist Moritz einer der konsequentesten Selbstdenker der Aufklärung, wenn er die Relativität des Ich-Standpunktes aufs Spiel setzt und die jeweiligen Perspektiven in ihrem Möglichkeitshorizont sieht: „Indem wir aber unsre Ideen ordnen, so sollen wir den rechten Gesichtspunkt selbst erst finden – wir nehmen auf gut Glück einen an“, sodann wählt man einen anderen Gesichtspunkt und kommt schließlich „durch mehrere mißlungene Versuche auf den rechten – so wie bei einer Art ←118 | 119→von Rechenexempeln, wo man auch erst durch eine Anzahl möglicher Fälle, die man setzt, das Verlangte herausbringt“.297 Die möglichst große Zahl der Fallbeispiele soll im Versuch-Irrtums-Prinzip grundlegende Einsichten in die Menschenseele eröffnen, und Exzentrizität ist dabei ebenso wichtig wie Quantität, um eine Optimierung des Erkenntnisstandes zu erzielen: Die ideale Optik des Beobachters wäre in diesem Sinne eine Art göttlicher Panoptik des simultanen Anschauens vieler Ansichten und auch Zeitpunkte.298 Wenn Moritz die Orientierung an einer höheren göttlichen Instanz aufgibt, sie vielmehr sublimiert und internalisiert, soll damit Parteilosigkeit durch Distanz in Bezug auf das, was sichtbar gemacht werden soll, gewährleistet werden. Die seelsorgerlich klingende Ermahnung „Hüte dich, daß du dich selber nicht aus den Augen verlierst!“299 zeigt noch den pastoralen Hintergrund des ganzen Unternehmens, der schließlich aus der ganz säkularen Selbstbeobachtung verallgemeinerbare Einsichten erbringen soll.

Exkurs: Jeremy Benthams Panopticon

Der Imperativ zur Selbstschau erhält obendrein noch flankierende Maßnahmen durch einen juristisch-politischen Seitenaspekt, der alles andere als marginal ist. Im klassischen Kreisrund der vielen Ansichten, deren Einzelteile und Ganzes in schöner Weise harmonisieren sollen, realisiert sich auch eine der entscheidenden sozialpsychologischen Denk- und Handlungsfiguren der Moderne. So hat Jeremy Bentham um 1790 eine Gefängnisrotunde entworfen, in deren Zentrum ein Wächter postiert ist, der in alle Zellen sehen kann, ohne selbst gesehen zu werden – er soll sogar dort Wohnung nehmen, damit der Eindruck der Allsichtigkeit sich bei den Gefangenen tief einprägt und dergestalt verinnerlicht wird, dass diese Beobachtungsinstanz für moralische Selbstbesserung sorgen kann.300 Jeremy Bentham hat das Frontispiz der Panopticon-Schrift mit einer (wenn auch etwas linkischen) Skizze versehen, das ein strahlendes Dreieck mit den Wörter Mercy, Justice, Vigilance umgibt, welches über dem Gefängnisrund thront. In späteren ←119 | 120→Fassungen dieses Modells von Willey Reveley ist das Auge in das Kreisrund der mittleren Aufsichtsloge eingefügt und zeigt in dieser Collage, dass das Beobachtungsinstrument göttliche und menschliche Attribute verknüpft.

Darin liegt das äußere Mittel der Umfunktionierung von Strafe in Erziehung: Der Wachturm kann auch unbesetzt bleiben, doch der Gefangene muß sich immer so regelkonform verhalten, als ob er beobachtet würde – allein die Möglichkeit der Überwachung festigt die Annahme, dass Verstöße bemerkt würden. Die Instanz der Überwachung verlagert sich: Der äußere Wächter kann seine Dauerpräsenz aufgeben, wenn allein die Möglichkeit der Überwachung vom Gefangenen geglaubt wird. Indem dieser den Wächter als omnipräsent wahrnimmt, wird über das regelgetreue Verhalten hinaus dieses durch Introjektion dauerhaft anerzogen. Damit sollen, so zumindest die Hoffnung der Justiz, die gesellschaftlichen Normen verinnerlicht werden. Die Situation des Beobachtetseins liefert aber auch die Suggestion permanenter, aufrechterhaltener Schuld und perpetuiert so den Hang zur Gesetzesübertretung, zumindest hält sie dem Einzelnen die stete Notwendigkeit zur Besserung vor Augen.301

Ein gewünschter Nebeneffekt ist, dass sich daraus Möglichkeiten des Experiments ergeben und Statistiken über Einzelsymptome anzulegen sind, ohne dass der Beobachtende selbst körperlich involviert wäre. Aufklärung kennt seit Leibniz die Idee der Zahlentotale, und derart auf Allsichtigkeit zielend begreift auch Bentham seinen Ansatz holistisch, wenn er seine Panopticon-Schrift ziemlich berauscht von der eigenen Idee eröffnet:

„Die Sitten reformiert – der Gesundheit einen Dienst erwiesen – das Gewerbe gestärkt – die Methoden der Unterweisung verbessert – die öffentlichen Ausgaben gesenkt – die Wirtschaft gleichsam auf ein festes Fundament gestellt – der Gordische Knoten der Armengesetze nicht durchschlagen, sondern gelöst – all das durch eine einfache architektonische Idee!“302

Der enthusiastische Stil gleicht dem Pioniergestus Herders. Aber auch Leibniz’ Pläne einer gesellschaftsweiten Datensammlung werden aufgegriffen und variiert: Soll dort noch der Fürst die Überschau über die Bevölkerung halten können, wird das Instrumentarium hier verfeinert und zielt auf Verinnerlichung einer überwachenden Instanz. In diesem Sinne versteht Bentham seinen Plan auch als humanistischen Teil einer Sozialstruktur – und dehnt seinen Plan von den (in privater Unternehmerschaft zu führenden) Gefängnissen dann auch auf Irrenhäuser, Hospitäler und Schulen aus.303 Die Instanz der Seele oder des Subjekts ist also keine Illusion, sondern sie wird produziert und per Machtorgan durchgesetzt – wie Foucault behauptet, „an jenen, die man bestraft, und in einem allgemeineren Sinn an jenen, die man überwacht, dressiert und korrigiert, an den Wahnsinnigen, den Kindern, den Schülern, den Kolonisierten, an denen, die man an einen Produktionsapparat bindet und ein Leben lang kontrolliert.“304 Auch das ist Teil der ‚Bildung’ des modernen Individuums, das als Extremfall darstellbar wird in seinen Abirrungen und justiziablen Korrekturen, deren Besserungsaussichten umso größer werden, je zuverlässiger die internen Selbstkorrekturen greifen.

Man wird gegen diese kritische Sicht einwenden, dass Kulturalisierungsprozesse stets über Internalisierung von Normen laufen und ohne äußere Überwachung nicht funktionieren können. Allerdings bleibt die heikle Seite des Vorgangs, dass die Beobachtungs- und Kontrollprozeduren in der Spätaufklärung nicht mehr problematisiert werden. So unterstellt auch Moritz im Bemühen um Menschenbeobachtung dem Erzieher den unhinterfragten Vorzug, dass er „seine Subjekte beständig beobachten kann“.305 Hier ist die Faszination angesichts des neuen Erfahrungsblicks durch keinerlei kritischen Vorbehalt begrenzt.

Literarische Selbstprojekte

Das additive Verfahren begünstigt aber auch eine literarische Fertigteiltechnik. Sie bahnt sich in Moritz‘ Diaristik an: Aus dem Problem der relativen Gesichtspunkte erwächst die Forderung nach Vielfalt, was auch mit sich ←122 | 123→bringt, dass die Selbsterzählungen variiert, aus hinzugefügten Spuren neu zusammengesetzt, also erzählerisch komponiert werden: „Man wird finden, daß mehrere Bruchstücke aus dem Tagebuche des Verfassers hier so zusammengesetzt sind, daß sie gewissermaßen ein Ganzes ausmachen“.306 Authentizität wird also hier zugunsten des Allgemeininteresses und der Erzähllogik zurückgestellt, wenn befunden wird, dass schließlich nicht jede Stunde aufzeichnungswürdig sei, sondern oft erst Tage und Stunden „zusammengenommen“ einen ganzheitlichen Zusammenhang ergeben.307 Man kann darin eine Verfälschung des Objektivitätsgebotes sehen, doch wird der Empirieanspruch auch nur auf Ebene der elementaren Beobachtungen reklamiert. Moritz hat die literarischen Möglichkeiten dieser Aufzeichnungen wegweisend genutzt und in der Figur des Anton Reiser viele mögliche Einzelansichten realer Personen zusammengeführt, in den erzähltechnisch avanciertesten Passagen die Erzählposition gewechselt, vielfältigen Stimmen nachgelauscht und daraus die Sprache seiner Figur komponiert. In diesem mimetischen Erzählen, dem Darstellen der Innenperspektive mit der figureneigenen Sprache gibt der Erzähler seine thronende Perspektive auf und nähert er sich der Figur soweit an, dass die Grenzen verschwimmen.308

Dass die vielen Einzelansichten, Gedanken und Einbildungstätigkeiten zu einer größeren Perspektive zusammengesetzt, also Modell-Subjekte und Komposit-Fälle gewonnen werden, hängt mit dem klassischen Kunstdispositiv zusammen, zu dem Moritz entscheidend beigetragen hat: Die Einheit in der Mannigfaltigkeit zu suchen und in der größeren, kunstmäßigen und symbolischen Darstellung das Exempel zu gewinnen, das ‚den‘ Menschen zeigt. Damit benennt Moritz auch schon einen (selbst-) therapeutischen Weg. Aus der Autopsie und der Sammlung der Einzelansichten soll ein Eindruck des Ganzen gewonnen werden, woraus Rückschlüsse auf das ←123 | 124→Einzelne zu ziehen sind. Dabei wird der allgemeine ästhetische Gedanke der Wahrscheinlichkeit noch vor aller präzisen Statistik leitend. Der hermeneutische Aspekt wird grundsätzlich an dem Vorsatz erkennbar, „das Ganze mit Rücksicht auf das Einzelne und das Einzelne mit Rücksicht auf das Ganze [zu] betrachten“.309 Darüber gewinnt das Unternehmen auch eine zeitliche Dimension, wenn im Kleinen „das Gegenwärtige, Vergangene, und Zukünftige mit einem Blick umfaßt“ werden soll und in dieser Steigerungssemantik sich die Bewegung der verschiedenen einzelnen Erkenntnispunkte zu einer höheren Rationalität bzw. einem „göttlichern Verstande“ schließlich „wie ein Zirkel darstellen“ müsse, der im „vollkommensten Verstande“ beschlossen sei.310 Dass hier die Zukunft als planerische Zeitdimension hineinkommt, ist eine weitere Pointe der vorsorglichen Datensammlung, die der stetigen Perfektionierung dient. Der Kairos, der zur Tätigkeit genutzt werden soll, bietet nicht nur die gesteigerte Produktivität der Geschäfte und Unternehmungen, sondern auch die Möglichkeit, neue Keimzellen für die Selbstschrift zu finden. Aus dieser ließen sich sukzessiv Pläne für die eigene Zukunft gewinnen, Entwürfe also für den eigenen Lebenshorizont, was Jean Paul 1799 mit dem Modell einer Konjekturalbiographie aufgreifen wird, wenn er seine Selbsterzählung nach vorne richtet und in der Schrift seine Zukunft imaginativ vorwegnimmt.311

So spekulativ diese kühnen Entwürfe auch sind, die auf den Schwingen des Zeitgeistes in Richtung eines (freilich säkular gedachten) höheren Prinzips fliegen, werden doch auch Umrisse einer Ethik für den Einzelnen erkennbar, die mitunter ratgeberhafte Züge trägt. Mit Optimierungshoffnungen will Moritz nicht nur in jeder „Beßrungsgeschichte von Jünglingen, und Erwachsenen in jedem Alter“ Aufschlüsse gewinnen, sondern auch Beispiele aus autobiographischen Schriften dafür sammeln, „wie es jemandem gelungen ist, irgend einen besonderen Fehler, als Zorn, Hochmut oder Eitelkeit abzulegen“.312 Neben den literarischen Optionen bleiben also die ←124 | 125→pädagogischen Absichten und ethischen Optimierungsbemühungen bei Moritz immer deutlich – so wie die Leserschaft sich durch ex-negativo-Reflexion am abschreckenden Lebenslauf Anton Reisers allgemein bilden soll, sind v.a. aber auch die Multiplikatoren des Bildungssystems angesprochen und sollen „Lehrer und Erzieher“ dem Scheitern Reisers „einige nicht ganz unnütze Winke“ abgewinnen.313 Gültig bleibt der Imperativ zur Selbstbeobachtung, und dieser wird durch die Introjektion der Beobachtungsmacht erst vollends wirksam, weil dies die Energien des Spähens noch einmal potenziert. In den glücklichsten Momenten wird dann das gelingende Selbstgefühl erkennbar – was wiederum aufgeschrieben wird: „Ich habe doch heute einmal die ganze Wonne des Daseins empfunden – als ich alles, was ich um mich her erblickte, in mich hineindachte, und es gleichsam mit mir selber verwebte“, und gerade diese „süßesten Augenblicke“ sind der Ort für eine „große, seltne Empfindung“.314 Daraus erwächst die Maxime, keinesfalls Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen: Im pietistischen Erbe verbindet sich der augustinische Imperativ der Selbstbesinnung mit dem bürgerlichen Produktivitätsideal zu der ganz nach Franklin klingenden Maxime: „sei alsdann ja keinen Augenblick untätig“, und: „nutze ja den günstigen Zeitpunkt“.315 So lauten die lebenspraktischen Anweisungen, die nun auch Moritz formuliert, um die verstärkte Selbstaufmerksamkeit im praktischen Leben fruchtbar zu machen. Auch wenn für ihn selbst diese Momente seltene Ausnahmen bleiben, werden daraus doch Exempel des „wohlangewandten“ Tages,316 des spielerischen Vergnügens und des schönen Augenblicks geformt, für den der Bezug auf das Ganze kennzeichnend bleibt.

Moritz zielt letztlich auf die Loslösung von den streng religiösen Zielen und schaut darauf, ob ein Tag gelungen oder ungenutzt geblieben ist bzw. Handlungen zur zukünftigen Realisierung von Plänen beitragen können. Der Zweck des Lebens ist dabei zunehmend von der Arbeitsethik des Protestantismus geprägt im permanenten Bestreben, „einen großen Endzweck [zu] fassen, wornach jede tätige Kraft in uns, sich unaufhörlich bestrebt“.317 So wird dann auch wieder die Zeiteinteilung Franckes reanimiert, aber nicht mehr für geistlich-kommunitäre Zwecke, sondern im Gewand der Seelenrede auf individuell-weltliche Ziele für jedermann gerichtet. Programmatisch für viele Tagebücher im 18. Jh. steht das Tagebuch eines Selbstbeobachters (von Moritz im Magazin abgedruckt), der ein „nützliches Mitglied der Gesellschaft“ werden will und sich dazu verpflichtet, ein „genaues Register“ über seine Handlungen zu halten.318

Dies betrifft dann auch, wenigstens im Vorhaben, die exakten Zeitpläne (die freilich nicht abgedruckt werden): „Wenn ich mein …projekt durchsetzen will, so muß ich von diesem Augenblick an beinahe keine Minute mehr verlieren. Ich will doch sehen, wie viel ich heute Abend noch leisten werde?“319 Mit diesen Selbstanweisungen zur Zeitnutzung und zum nimmermüden Schmieden von Projekten – der Gegenstand des obigen bleibt mit seinen Auslassungspunkten musterhaft offen – fasst Moritz ein allgemeines Modell der Tagebuchführung zusammen. Wenn er Skepsis gegen die völlige Instrumentalisierung des Lebens für Arbeitswerte hegt und zur zeitweisen „Erholung“ und zum „Vergnügen“ rät, wird damit ein gewissermaßen klassisches Gleichmaß von Leben und Arbeit im Horizont des ganzen Menschen der Anthropologie angemahnt. Allerdings verbleibt der Schwerpunkt in Moritz’ Selbstkonzept auf dem Arbeitspol.320

Das Individuum wäre damit jene selbstzweckliche Gestalt in der Verfassung eines „vollkommen sich selbst gleich seins“, wie es im Anton Reiser heißt.321 Und zweifellos macht sich in der Experimentalseelenlehre auch ein ästhetischer Aspekt bemerkbar mit der Absicht, „den Kreis des menschlichen Denkens überhaupt zu veredeln, und zu verschönern, und allen übrigen Dingen im Leben mehr Interesse, und Würde zu geben“, um darin seinen schließlichen Selbstzweck zu sehen.322 Mit seinem Programm der Selbstschrift entwirft Moritz im späten 18. Jahrhundert eine „ästhetische ←126 | 127→Anthropodizee“323 – und damit eine radikale Begründung des spielerisch und kunstsinnig geneigten Menschen selbst, bei der allerdings offen bleibt, ob die (Lebens-)Ästhetik Selbstzweck oder doch Mittel zu einer noch übergeordneten Intention ist. Genau zwischen dieser Mittel- und Zweckbestimmung schwankt auch die Experimentalseelenlehre: Einerseits wird mit dem anatomischen, sezierenden Blick der Lebensschrift an der Emanzipation, mehr noch: am Glück des Einzelnen gearbeitet. Andererseits bleibt das Unternehmen den übergreifenden anthropologischen, menschenwissenschaftlichen Interessen verpflichtet.

Die schwierige Gratwanderung von Moritz’ Begründung einer systematischen Psychologie liegt darin, dass sie einerseits den Erkenntnishorizont von vorgefassten normativen Interessen freihalten und das Individuum mit seinen Rechten und dem Anspruch auf Selbstbestimmung zur Geltung bringen will – dies durchaus auch gegen eine schwarze Pädagogik, wenn Moritz das Gleichgewicht der Seelenkräfte betont und mit dem Anton Reiser deutlich gegen deren autoritäre Erziehungspraktiken Stellung bezieht. Andererseits ermöglicht die Aufzeichnungstechnik, dass sich fremde Interessen durch Verfügbarmachung an den Archiven bedienen können.

Mit dem großen Projekt, aus den Fakta der Innenschau und den Geschichten vieler Augenblicke ein Archiv des menschlichen Unbewussten zu schaffen, ist die anthropologische Dimension entscheidend installiert.324 Doch bleibt die Machtproblematik der Steigerung des Einzelnen ins Allgemeine gerade in psychologischen Erkenntnisformen noch ein blinder Fleck. Und wenn Moritz erweisen will, dass das Einzelne mit dem Ganzen zur harmonischen Übereinstimmung gebracht werden soll und dann in einen höheren Zweck mündet, offenbart das Erkenntnisinteresse auch seine heiklen Seiten. Die Arbeitsweise der „Geständnis-Wissenschaft“, die Foucault in der Union von Medizin, Psychiatrie und Pädagogik um 1800 am Werk sieht,325 könnte die guten Absichten aufzehren: Wenn mit Basedows Pädagogik und Saltzmanns Experimentalschule die Jugend diszipliniert werden soll, Erzieher, Beamte, Ärzte und Eltern hier eine Allianz bilden ←127 | 128→und Mediziner ‚den‘ Menschen immer mehr in Statistiken einschreiben, daraus Register bilden, Abweichungen registrieren und diese verwalten,326 können damit nicht nur Eltern und Erzieher, sondern im extremen Fall auch staatliche Behörden zu Beaufsichtigern einer Biopolitik werden.327 Auch wenn Moritz‘ Experimentalseelenkunde ethisch und der Intention nach eigentlich nicht in diese Richtung weist, kann doch die Methodik der Aufschreibtechniken eben auch hierfür gebraucht werden. Zwischen den emanzipatorischen Ansprüchen und ästhetischen Reizen des Selbstschreibers einerseits und Gefahren dieser ausgeweiteten Selbstschrift andererseits breiten sich die Möglichkeiten des Diariums in der Moderne aus, wenn das Innere zum Gegenstand wissenschaftlicher, auch öffentlicher Kommunikation wird. Verbunden damit bleibt bis heute ein dauerhafter Perfektibilitätsgedanke, der mit der Spätaufklärung aber auch einen Leistungsaspekt und einen (selbst-) kompetitiven Charakter gewinnt. Kant hat diesen Aspekt der Säkularisierung mit gesteigertem Selbstanspruch in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht pointiert und zugleich gegen diejenigen Lehren formuliert, die Zufriedenheit im Diesseits anstreben und sich hiermit begnügen:

„Wie steht es aber mit der Zufriedenheit (acquiescentia) während dem Leben? – Sie ist dem Menschen unerreichbar […] Die Natur hat den Schmerz zum Stachel der Tätigkeit in ihn gelegt, dem er nicht entgehen kann; um immer zum Besseren fortzuschreiten, und auch im letzten Augenblicke des Lebens ist die Zufriedenheit mit dem letzten Abschnitte des Lebens nur komparativ (teils indem wir uns mit dem Lose anderer, teils auch mit uns selbst vergleichen) zu nennen.“328

Die Formulierung spitzt Denktendenzen der Aufklärung zu und fasst deren selbstbewussten Ehrgeiz zusammen. Wenn aber derart Stillstand und Ruhe als stumpfsinnig und unvereinbar mit menschlicher Ambition denunziert werden, ist damit eine Permanentverbesserung gefordert, die als anreizender Stachel noch im heutigen Ideologem des dauerhaften ‚Entwickelns’ nachwirkt: Verharren, Wiederholen oder Variieren haben in den Programmen ←128 | 129→des steten Optimierens nur eine Randposition, während das Verbesserungsprinzip in seiner banalen Variante nach stufigem und linearem Fortschritt ruft, gepaart mit dem Motiv einer säkularisierten Opferbereitschaft.

272 Vgl. Steinmayr: Menschenwissen, 2006, S. 264 ff.

273 Johann G. Sulzer: Unterredungen über die Schönheit der Natur, 1774, S. 135 f.

274 Diderot: Brief vom 14. Juli 1762 an Sophie Volland (Diderot 1984, S. 150); „un astronome passe trente ans de sa vie, au haut d’un observatoire, l’œil appliqué le jour et la nuit à l’extrémité d’un télescope pour déterminer un mouve d’astre, et personne ne s’étudiera soi même, n’aura le courage de nous tenir un registre exact de toutes les pensées de son esprit, de tous les mouvements de son cœur, de toutes ses peines, des tous ces plaisirs.“ (Diderot: Lettres à Sophie Volland, 1984, S. 184).

275 Lichtenberg: Sudelbücher E 46; S. 352.

276 Lichtenberg: Sudelbücher E 46; S. 352.

277 Lichtenberg: Sudelbücher E 158; S. 378.

278 Lichtenberg: Sudelbücher E 158; S. 378.

279 Vgl. Alexander Kosenina: Karl Philipp Moritz, 2009, S. 18 ff.

280 So die an Diderot anklingende Äußerung; Bd. 3, S. 97.

281 Rousseau 1782/2003, S. 16; „Je ferai sur moi-même à quelque égard les opérations que font les physiciens sur l’air pour en connoitre l’état journalier. J’appliquerai le baromètre à mon âme […] Je me contenterai de tenir le registre des opérations sans chercher à les réduire en système.“ (Les Rêveries du promeneur solitaire, 1782, S. 1000 f.).

282 „Au milieu de tant de richesse comment en tenir un rêgistre fidelle? En voulant me rappeler tant de douces rêveries, au lieu de les décrire j’y retombois.“ (Les Rêveries du promeneur solitaire, 1782, S. 1003).

283 Vgl. Susanne Knoche: Denkbilder des Lernens und Lehrens bei Karl Philipp Moritz (2003).

284 Johann G. Sulzer: Der Nutzen einer genauen Ausforschung der Kinder, 1748, S. 189.

285 Weiße: Der Kinderfreund, 1777, S. 3 bzw. S. 18.

286 Weiße: Der Kinderfreund, 1777, S. 9.

287 Weiße: Der Kinderfreund, 1777, S. 38 f.

288 Weiße: Der Kinderfreund, 1777, S. 39.

289 Weiße: Der Kinderfreund, 1777, S. 39.

290 Weiße: Der Kinderfreund, 1777, S. 39 f.

291 Foucaults Beschreibung von Basedows Pädagogik und Saltzmanns Experimentalschule lässt sich auch als Kommentar in Weißes Richtung lesen, wenn von einer „ausgeklügelten Kontrolle“ die Rede ist, bei der Ärzte und Eltern eine Allianz bilden (Der Wille zum Wissen, S. 42 f.).

292 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens/Vorrede, Bd. 3, S. 8.

293 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens/Selbstbeobachtung, Bd. 3, S. 16 bzw. Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre, Bd. 3, S. 94.

294 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 14.

295 Vgl. Kant 1790, zusammenfassend § 59 der KdU, 462.

296 Moritz: Magazin zur Erfahrungsseelenkunde/MzE VII, 3,6

297 Moritz: Die große Loge, Bd. 3, S. 339.

298 Vgl. Moritz: Fragmente aus dem Tagebuch eines Geistersehers, Bd. 3, S. 306 f.

299 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 55.

300 Vgl. Bentham: Panopticon 1787, S. 29–31.

301 Daraus indessen resultiert eine Dialektik, die den Beobachteten per se zum Delinquenten stempelt – und erzeugt, so eine These Foucaults in Überwachen und Strafen, neue Bereitschaft zum Verbrechen auch dort, wo vielleicht positive Änderungen zu erhoffen wären.

302 Jeremy Bentham: Panopticon 1787, S. 8 („Morals reformed – health preserved – industry invigorated – instruction diffused – public burthens lightened – Economy seated, as it were, upon a rock – the gordian knot of the Poor-Laws are not cut, but untied – all by a simple idea in Architecture!“ (Jeremy Bentham: The Works, Bd. 4, S. 39).

303 Jeremy Bentham: Panopticon 1787, S. 95.

304 Foucault: Überwachen und Strafen, S. 41.

305 Moritz: Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre, Bd. 3, S. 97.

306 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens/Vorrede, Bd. 3, S. 9.

307 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens/Vorrede, Bd. 3, S. 16.

308 Der Wechsel zwischen dem Protokoll freier Assoziationen Reisers und dem dann kommentierenden Erzähler ist geradezu konstitutiv für den Roman; Gedankenstriche stützen hier den Eindruck unmittelbarer Gedankenwiedergabe und sind eigentümlich insistent, wie sie auch an vielen anderen Stellen dominieren und das Assoziative der Sprache bei aller Distanz eben auch zelebrieren. Darin erweist sich wiederum ein ambivalenter Effekt: Das Leiden an und in Sprache inspiriert das erzählerische Experiment.

309 Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers, Bd. 3, S. 273.

310 Moritz: Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers, Bd. 3, S. 306.

311 Vgl. Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 17; Jean Paul: Briefe und bevorstehender Lebenslauf (1799).

312 Vgl. Moritz: Aussichten zu einer Experimentalseelenlehre, Bd. 3, S. 89 bzw. Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 55.

313 Moritz: Anton Reiser, Bd. 1, S. 205.

314 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 69, Bd. 3, S. 76.

315 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 29.

316 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 63.

317 Moritz: Beiträge zur Philosophie des Lebens, Bd. 3, S. 33.

318 Vgl. Moritz: MzE VII/3, S. 25–44 und S. 48–52; VIII, S. 60–70; MzE VII/3, S. 28.

319 Moritz: MzE VII/3, S. 38; vgl. auch MzE VIII/1, S. 61 ff.

320 Vgl. Moritz: MzE III, S. 77 f. und passim.

321 Moritz: Anton Reiser Bd. 1, S. 227.

322 Moritz: Gnothi seauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde, Bd. 3, S. 166.

323 Schrimpf: Karl Philipp Moritz, 1980, S. 58.

324 Manfred Schneider (Liturgien, S. 682) sieht das anthropologische Archiv in seiner Selbstreferenz als neuen Hervorbringer der „Archive der Archive“.

325 Foucault: Der Wille zum Wissen, S. 82 f.

326 Vgl. Foucault: Der Wille zum Wissen, S. 43 ff.

327 Der Schritt zur Verwaltung lebendiger Körper ist dann nicht mehr weit, wie nach Foucault auch Agamben geschichtlich-theoretisch gezeigt hat (dazu Schneider: Transparenztraum, S. 125 ff.)

328 Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Werke Bd. VI, S. 556 f.