Show Less
Restricted access

Kriminalität und Strafrecht in Kiel im ausgehenden Mittelalter

Das Varbuch als Quelle zur Rechts- und Sozialgeschichte

Series:

Gwendolyn Peters

Die Studie befasst sich mit der Strafrechts- und Kriminalitätsgeschichte Kiels im 15. und 16. Jahrhundert. Als Quelle gibt das Varbuch Aufschluss über vor Gericht verhandelte Fälle von Kapitalverbrechen. Aus dem Vergleich normgebender Rechtsquellen mit der Strafrechtspraxis ergibt sich eine andauernde gesellschaftliche Ungleichheit zu Gunsten vermögender und angesehener Personengruppen vor Gericht. Durch die Aufnahme von Ansätzen der Historischen Kriminalitätsforschung liegt erstmals eine sozialgeschichtliche Analyse des Varbuchs als Quelle zur Kriminalitätsgeschichte vor. In der Schichtspezifik von Straftaten sowie der sozialen Einbindung, Spezialisierung und Mobilität der Delinquenten äußert sich die Alltäglichkeit spätmittelalterlicher, städtischer Kriminalität.

Show Summary Details
Restricted access

5. Strafrecht und Strafrechtspraxis im spätmittelalterlichen Kiel

Extract

← 36 | 37 →

5.   Strafrecht und Strafrechtspraxis im spätmittelalterlichen Kiel

5.1   Hierarchische und topographische Geltung von Rechtsordnungen

Die Frage danach, welches Recht in welchen Gebieten und Lebensbereichen Geltung besaß, ist nicht leicht zu beantworten, weil die mittelalterliche Rechtslandschaft komplex und heterogen war. Rechte und Gerichtsbarkeiten waren einerseits an Räume, andererseits an Personengruppen gebunden und lagen bei unterschiedlichen Trägern. Im hohen und späten Mittelalter entwickelte sich so ein Nebeneinander weltlicher und geistlicher Gerichtsbarkeiten.141

In fränkischer Zeit galten im holsteinischen Raum Stammesrechte, die sich in ihrer Gültigkeit zunächst nur auf Personengruppen bezogen. Ab dem 12. Jahrhundert besaßen Rechtsordnungen auch räumlich Anspruch auf Gültigkeit.142 Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts galt in Holstein das Holsten-Landrecht. In Quellen wird dessen Anwendung zwar explizit erwähnt143, die Inhalte sind heute allerdings nur teilweise greifbar, da es sich hierbei vor allem um ungeschriebene Rechtsgewohnheiten handelte.144 Zum Ende des Mittelalters wurde das Holsten-Landrecht weitgehend durch den Sachsenspiegel ersetzt, der sächsische Rechtsgewohnheiten enthielt. Die beiden Rechtsordnungen wiesen inhaltlich aber große Überschneidungen auf. In denjenigen Regionen Holsteins, die räumlich schwer zugänglich waren und in denen die Herrschaftsansprüche oft wechselten, entstanden zusätzlich eigenständige Rechtsordnungen. Hill liefert einen Überblick über die im Mittelalter in Holstein nebeneinander bestehenden Rechtsordnungen und deren Geltungsbereiche.145

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.