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Kriminalität und Strafrecht in Kiel im ausgehenden Mittelalter

Das Varbuch als Quelle zur Rechts- und Sozialgeschichte

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Gwendolyn Peters

Die Studie befasst sich mit der Strafrechts- und Kriminalitätsgeschichte Kiels im 15. und 16. Jahrhundert. Als Quelle gibt das Varbuch Aufschluss über vor Gericht verhandelte Fälle von Kapitalverbrechen. Aus dem Vergleich normgebender Rechtsquellen mit der Strafrechtspraxis ergibt sich eine andauernde gesellschaftliche Ungleichheit zu Gunsten vermögender und angesehener Personengruppen vor Gericht. Durch die Aufnahme von Ansätzen der Historischen Kriminalitätsforschung liegt erstmals eine sozialgeschichtliche Analyse des Varbuchs als Quelle zur Kriminalitätsgeschichte vor. In der Schichtspezifik von Straftaten sowie der sozialen Einbindung, Spezialisierung und Mobilität der Delinquenten äußert sich die Alltäglichkeit spätmittelalterlicher, städtischer Kriminalität.

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6. Der Strafrechtsprozess vor dem Kieler Niedergericht

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6.   Der Strafrechtsprozess vor dem Kieler Niedergericht

6.1   Die Verfahrensarten

Für das Mittelalter lassen sich prinzipiell zwei Verfahrensarten zur Strafverfolgung unterscheiden. Bei dem älteren Anklageverfahren musste eine Privatperson die Anklage (accusatio) übernehmen und im Prozess als Kläger auftreten. Dieser hatte auch die Verfahrenskosten zu übernehmen240. Daneben erschien seit dem 13. Jahrhundert als weitere Form ein Strafverfahren von Amts wegen (ex officio) durch das Gericht, das durch Anklage oder Denunziation in Gang gesetzt wurde. Diese Verfahrensart setzte sich gegenüber dem Anklageprozess am Übergang zur Frühen Neuzeit allmählich durch.241 Während beim Anklageverfahren noch irrationale Beweismittel wie Gottesurteile und Eide zulässig waren, wurde im Offizialverfahren inquisitorisch nach der Wahrheit gesucht. Hierzu wurden Tatzeugen verhört und um ein Geständnis zu erlangen auch Folter angewendet. Dieses Vorgehen entsprang dem kanonischen Recht, das dem Gelehrten Recht zugrunde lag.242

Im Varbuch sind beide Verfahrensarten vertreten. Typische Anklageprozesse, die auf Betreiben einer geschädigten Person geführt wurden, finden sich jedoch häufiger. Sicher als Anklageprozesse anzusprechen sind zehn Fälle (Nr. 8, 14, 24, 30, 47, 51, 60, 61, 64 und 66). Ein sicher als Offizialverfahren anzusprechender Vorgang findet sich hingegen nur einmal im Varbuch und ein weiteres Mal bei Bremer. Lediglich im Fall Nr. 31 erging in Ermangelung männlicher Verwandter des Opfers eines Tötungsdeliktes die Anklage van der konychlyken walt wegen. Die Anklage ging also von einem öffentlichen Vertreter, von Amts wegen, aus243. Das L...

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