Show Less
Restricted access

Kriminalität und Strafrecht in Kiel im ausgehenden Mittelalter

Das Varbuch als Quelle zur Rechts- und Sozialgeschichte

Series:

Gwendolyn Peters

Die Studie befasst sich mit der Strafrechts- und Kriminalitätsgeschichte Kiels im 15. und 16. Jahrhundert. Als Quelle gibt das Varbuch Aufschluss über vor Gericht verhandelte Fälle von Kapitalverbrechen. Aus dem Vergleich normgebender Rechtsquellen mit der Strafrechtspraxis ergibt sich eine andauernde gesellschaftliche Ungleichheit zu Gunsten vermögender und angesehener Personengruppen vor Gericht. Durch die Aufnahme von Ansätzen der Historischen Kriminalitätsforschung liegt erstmals eine sozialgeschichtliche Analyse des Varbuchs als Quelle zur Kriminalitätsgeschichte vor. In der Schichtspezifik von Straftaten sowie der sozialen Einbindung, Spezialisierung und Mobilität der Delinquenten äußert sich die Alltäglichkeit spätmittelalterlicher, städtischer Kriminalität.

Show Summary Details
Restricted access

8. Das Varbuch als Quelle zur Kriminalitätsgeschichte

Extract

← 82 | 83 →

8.   Das Varbuch als Quelle zur Kriminalitätsgeschichte

8.1   Zum Kriminalitätsbegriff

Heute werden unter Kriminalität sämtliche Zuwiderhandlungen gegen das Strafgesetzbuch verstanden317. Der spätmittelalterliche Kriminalitätsbegriff unterscheidet sich jedoch von dem heutigen. Zum einen hatten die damaligen Normen viel weniger bindenden Charakter als moderne Gesetze und daher auch nicht denselben Effekt auf das Kriminalitätsaufkommen wie das Strafgesetzbuch. Zum anderen ist zu beachten, dass Kriminalität in ihrem veränderlichen gesellschaftlichen Kontext ein wandelbares Konstrukt ist. Das, was darunter verstanden wird, hat sich im Lauf der Zeit immer wieder geändert, wie unter anderem der Ettiketierungsansatz besagt (vgl. Kap 8. 2. 2). Die Einstellung zu Gewalt oder der common sense zu Themen wie beispielsweise Abtreibung oder gleichgeschlechtlicher Sexualität differieren im Lauf der Zeit und auch zwischen zeitgleich existierenden Gesellschaften.318 Folglich ist auch das in Kriminalitätsraten gemessene Aufkommen von Kriminalität davon abhängig, welche und wie viele Handlungsweisen von der jeweiligen Gesellschaft kriminalisiert werden.

Die historischen Rahmenbedingungen haben ebenso einen Einfluss auf das Kriminalverhalten einer Gesellschaft. So steigen beispielsweise nach einem Krieg Diebstahlraten an. Aber auch ein Wandel in den Mechanismen der Strafverfolgung bringt Veränderungen des kriminellen Verhaltens mit sich. Die Einführung strafrechtlicher Innovationen wie dem Inquisitionsverfahren, der Folter oder der Verfestung wirken sich inhaltlich in den Quellen zur Strafrechtspraxis aus.319

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.