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Kriminalität und Strafrecht in Kiel im ausgehenden Mittelalter

Das Varbuch als Quelle zur Rechts- und Sozialgeschichte

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Gwendolyn Peters

Die Studie befasst sich mit der Strafrechts- und Kriminalitätsgeschichte Kiels im 15. und 16. Jahrhundert. Als Quelle gibt das Varbuch Aufschluss über vor Gericht verhandelte Fälle von Kapitalverbrechen. Aus dem Vergleich normgebender Rechtsquellen mit der Strafrechtspraxis ergibt sich eine andauernde gesellschaftliche Ungleichheit zu Gunsten vermögender und angesehener Personengruppen vor Gericht. Durch die Aufnahme von Ansätzen der Historischen Kriminalitätsforschung liegt erstmals eine sozialgeschichtliche Analyse des Varbuchs als Quelle zur Kriminalitätsgeschichte vor. In der Schichtspezifik von Straftaten sowie der sozialen Einbindung, Spezialisierung und Mobilität der Delinquenten äußert sich die Alltäglichkeit spätmittelalterlicher, städtischer Kriminalität.

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9. Interpretation der Ergebnisse

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9.   Interpretation der Ergebnisse

9.1   Welche Intentionen lagen der Anlage und Führung des Buches zugrunde?

Das Varbuch ist Zeugnis der obrigkeitlichen Strafverfolgung. Strafrecht erfüllte im Mittelalter zum Teil ähnliche Zwecke wie heute. Es war darauf ausgerichtet, das friedliche Zusammenleben in der Gemeinschaft zu erhalten und Rechtsgüter durch die Sanktion von Normverstößen zu schützen. Strafe diente außerdem dazu, die durch ein Verbrechen gestörte Ordnung in der Stadt wiederherzustellen.397

Die Kieler Ratsmitglieder waren für die Anlage und Führung des Varbuchs verantwortlich und verfolgten damit Interessen. Dazu zählte die Wahrung des Friedens in der Stadt. Frieden war wichtig für den Machterhalt der Oberschicht und vermutlich auch lukrativ, weil der Handel nicht gestört wurde.398 Friedensbrüche wie die Missachtung von Stadtdienern (Kp 88), Bruch des Marktfriedens (Kp 89), sogenanntes Messerzücken (Kp 108) oder Schlägereien (Kp 162) standen daher im spätmittelalterlichen Kiel unter Strafe. Das Bedürfnis nach innerstädtischem Frieden wird zudem daraus ersichtlich, dass der Lohn für Personen, die während der Ausübung ihrer Dienstverhältnisse verstorbenen waren, an die Angehörigen ausgezahlt werden musste (Nr. 54, 56 und 58). Es wurde auf Gerechtigkeit geachtet und darauf, dass keine Ansprüche offen blieben, die zu Zwist hätten führen können. Durch die Fix­ierung relevanter Prozessinformationen war das Varbuch also ein Instrument um Rechtssicherheit für die Zukunft zu schaffen.

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