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Nazi-Täterinnen in der deutschen Literatur

Die Herausforderung des Bösen

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Simonetta Sanna

Die Studie verbindet mit der Thematisierung des NS-Vernichtungsapparates und Frauen, die darin als Protagonistinnen wirkten, ein doppeltes Skandalon. Die Autorin untersucht die Werke von Stephan Hermlin, Hans Lebert, Bernhard Schlink, Lukas Hartmann und Helga Schneider. Diese ziehen schuldige Frauen nachträglich zur Rechenschaft, lassen ihnen gegenüber jedoch einen nicht-ausgrenzenden Sinn der Gerechtigkeit gelten. Aus der Erzählperspektive regt gerade die Unmöglichkeit der Vergebung das Interesse an, die Verschränkungen von Gut und Böse, Opfer und Täter wahrzunehmen. Das erfordert umfassende kognitive Fähigkeiten auch beim Leser. Das Buch fasst abschließend den Beitrag des Romans zur Aufarbeitung der Vergangenheit zusammen. Die Autorin geht hierbei der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Negativen zur Selbsterkenntnis des Menschen und damit auch zur Hinwendung zum anderen Menschen beiträgt.

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I. Bernhard Schlink, Der Vorleser: die Aufarbeitung von Schuld

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1. Einleitung

„[D]ie Wahrheit dessen, was man redet, ist, was man tut.“ (B. Schlink, Der Vorleser)

Haben Länder wie Italien und Spanien, aber auch Österreich,1 ihre Vergangenheit von Faschismus, Gewalt und skrupelloser Ausbeutung allzu bald hinter sich gelassen, so scheint im Gegensatz dazu in Deutschland die Debatte über die deutsche Schuld kein Ende zu nehmen.2 Ein erster Grund dafür liegt wohl in dem historisch beispiellosen Konstrukt des Nationalsozialismus, der sich in ← 21 | 22 → seiner ungeheuerlichen Verknüpfung von violentia und politischer potestas3 als fähig erwies, Staat, ideologische Bewegung, Bewusstseinsbildung hinsichtlich Volk und Rasse sowie das gesamte Industriepotenzial zu vereinnahmen, mit dem Ziel, die Weltherrschaft zu erobern – und auf diesem Weg gegebenenfalls ganze Völkerschaften zu vernichten. Ohne vergleichbares Geschehen bleibt auch die Tatsache, dass das Phänomen des Hitlerismus im Herzen Europas, in einem Land der Hochkultur ausbrach, mithin als gewaltsame und einschneidende Krise der modernen Zivilisation gedeutet werden kann. Ins Bild rückt insofern die klaffende Lücke zwischen den historischen Tatsachen, die weitgehend erfasst, geprüft und dokumentiert sind, und dem existenziellen, menschlichen Leiden, das sich nicht auf die Fakten reduzieren lässt. Die dokumentierten Gegebenheiten können nicht die Wahrheit vertreten, wie sie in den unsäglichen Geschehen der Lebenswirklichkeit der Gepeinigten hervortritt.

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