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Nazi-Täterinnen in der deutschen Literatur

Die Herausforderung des Bösen

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Simonetta Sanna

Die Studie verbindet mit der Thematisierung des NS-Vernichtungsapparates und Frauen, die darin als Protagonistinnen wirkten, ein doppeltes Skandalon. Die Autorin untersucht die Werke von Stephan Hermlin, Hans Lebert, Bernhard Schlink, Lukas Hartmann und Helga Schneider. Diese ziehen schuldige Frauen nachträglich zur Rechenschaft, lassen ihnen gegenüber jedoch einen nicht-ausgrenzenden Sinn der Gerechtigkeit gelten. Aus der Erzählperspektive regt gerade die Unmöglichkeit der Vergebung das Interesse an, die Verschränkungen von Gut und Böse, Opfer und Täter wahrzunehmen. Das erfordert umfassende kognitive Fähigkeiten auch beim Leser. Das Buch fasst abschließend den Beitrag des Romans zur Aufarbeitung der Vergangenheit zusammen. Die Autorin geht hierbei der Frage nach, inwieweit die Erfahrung des Negativen zur Selbsterkenntnis des Menschen und damit auch zur Hinwendung zum anderen Menschen beiträgt.

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IV. Helga Schneider, Lass mich gehen: individuelles Schicksal und kollektive Dimension

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1. Einleitung

Der autobiographische Roman der am 17. November 1937 in Schlesien geborenen Schriftstellerin Helga Schneider, Lass mich gehen, kam im Jahr 2001 in der italienischen und zwei Jahre später in der deutschen Ausgabe heraus.224 Nicht nur weil die Autorin seit 1963 in Italien lebt, sondern auch weil sie – um von ihrer schmerzlichen Vergangenheit Abstand zu nehmen – sogar versuchte, ihre Muttersprache zu verleugnen. Zweifellos ist die Frau, die ihre Tochter, Hauptfigur des Romans, ‚nicht gehen lässt‘, eine wirklich böse Mutter. Sie ist wie ein fest im Fluss eingegrabener Felsen, den keine Strömung zu bewegen vermag. In diesem Sinne verweist die Frau auf die Kommandeuse von Stephan Hermlin, fast als wäre sie deren ältere Schwester, die allerdings gegen ihren Willen auch ein privates Leben zu führen hat, das sie wie ein Dasein „in einem Käfig“ (74) empfindet. Die Gestalt verfügt über ein familiäres Profil, besitzt aber keine Individualität. Es handelt sich vielmehr um eine Frau, die „dem Führer die Herrschaft über ihr Gefühlsleben übertragen“ hat. (85) Daher führt sie ein elendes, entindividualisiertes Leben, geregelt durch Hingabe an einen ideologischen Auftrag und an dessen Verbrechen, wobei sie sowohl ihren Hang zur Eitelkeit oder zum Narzissmus wie den zur Verdrängung ein Leben lang beibehält.225

Im Hinblick auf die Beziehung zu ihrer Tochter Helga ist die Mutter – die im Roman nicht mit dem Namen genannt wird, sondern nur Mutter oder, mit Mühe,...

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