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Theologie und Antisemitismus

Das Beispiel Martin Luthers

Andreas Pangritz

Martin Luthers Judenfeindschaft ist berüchtigt. Ihr Zusammenhang mit zentralen Themen seiner Theologie ist jedoch umstritten. Die Antisemitismusforschung wiederum hat sich bisher nur wenig für theologische Wurzeln der Judenfeindschaft interessiert. Die Untersuchung führt beide Perspektiven zusammen:

Luthers Schrift «Von den Juden und ihren Lügen» (1543) wird nicht nur im Blick auf die darin zum Ausdruck kommende Judenfeindschaft analysiert, sondern auch auf ihren theologischen Gehalt hin befragt. Dadurch verschärft sich das Problem: Der Antisemitismus ist im Zentrum der Theologie des Reformators verankert, in der Christologie und in der Rechtfertigungslehre. Diese Erkenntnis führt zu einer Sicht auf Luthers Theologie, in der diese selbst zum Problem wird.

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VI) Antijudaistische Geschichtstheologie in der Wittenberger Reformation

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VI)  Antijudaistische Geschichtstheologie in der Wittenberger Reformation

Wir haben gesehen, dass Luthers Verständnis der Bibel in allen sog. ‚Judenschriften‘, angefangen von der Schrift Daß Jesus Christus ein geborner Jude sei (1523) über den Brief Wider die Sabbather (1538) bis zu den Schriften Von den Juden und ihren Lügen und Vom Schem hamphoras (1543), von einer geschichtstheologischen Perspektive gesteuert ist, wonach die Erfahrung der seit nunmehr 1500 Jahren anhaltenden Zerstreuung der Juden als Beweis dafür dient, dass der von den Juden ermordete Jesus Christus der wahre Messias ist. Die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Römer im Jahre 70 gilt in diesem Zusammenhang als die gerechte Strafe Gottes für den von den Juden verübten Christusmord.1 Diese anijudaistische Geschichtskonstruktion, wie sie nicht nur von Luther selbst, sondern insbesondere auch von seinem engen Vertrauten Johannes Bugenhagen verteten worden ist, stellt ein zentrales Moment der Theologie der Wittenberger Reformation dar, das im Folgenden genauer untersucht werden soll.

1.  Luthers Predigt von der Zerstörung Jerusalems

Dass die Erinnerung an die Tempelzerstörung im Jahr 70 in Luthers Theologie durchgängig judenfeindliche Untertöne hat, kann ein Blick in seine Bußpredigt über Luk 19 vom 13. August 1525 zeigen. Diese Predigt ist ursprünglich unter dem Titel veröffentlicht worden: „EYN SErmon von der zerstörung Jerusalem. Das teutsch landt auch also zerstört werd, wo es die zeyt seiner heymsuchung nicht erkent. Was der tempel...

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