Show Less
Restricted access

Theologie und politische Theorie

Kritische Annäherungen zwischen zeitgenössischen theologischen Strömungen und dem politischen Denken von Jürgen Habermas

Series:

Eneida Jacobsen

Im Dialog mit der Politik- und Gesellschaftstheorie von Jürgen Habermas und gegenwärtigen theologischen Ansätzen, vor allem der Befreiungstheologie und der Öffentlichen Theologie, arbeitet diese Studie das demokratiepolitische Potential einer lebensweltlich verankerten Theologie heraus. Die Autorin zeigt auf, inwiefern die Rezeption alltäglicher Erfahrungen und Symbole sowohl den befreiungstheologischen Diskurs verändert als auch das politische System einer Gesellschaft näher mit den konkreten Lebensbezügen der Menschen vernetzt. Dadurch erweist sich Theologie auf neue Weise als gesellschaftspolitisch relevant. Zugleich sind die alltäglichen Erfahrungen von Menschen in ihrer theologischen Bedeutung zu würdigen. Aus dieser Vermittlung von Gesellschaftsanalyse, Theorie der Lebenswelt und kritischer Rekonstruktion christlicher Praxis erwächst eine neue Gestalt von Befreiungstheologie, die die Bedeutung des Lebensweltlichen für die gesellschaftliche Öffentlichkeit deutlicher zur Geltung bringt.

Show Summary Details
Restricted access

2. Lebenswelt und kommunikatives Handeln

Extract



Für den Menschen sind Beziehungen konstitutiv. Sein Leben entfaltet sich in sozialen, historischen und sprachlichen Bezügen. Nicht nur das Leben in Gemeinschaft, sondern auch die individuelle Existenz ist von Werten, Bräuchen und einem Sprachgebrauch durchdrungen, die der Gesellschaft insgesamt eigen sind. Selbst das Denken ist in gewissem Sinne immer sozial, denn es ist ohne den Hintergrund von bereits existierenden und anderen Personen geläufigen Bedeutungen nicht möglich. Innerhalb der Theologie führte die Einsicht in den sozialen Charakter allen Denkens insbesondere seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Anerkennung der Tatsache, dass der historische Kontext theologische Schlussfolgerungen substanziell und nicht nur formal beeinflusst. Wie die Theologie der Befreiung oft hervorgehoben hat, werden auch jene Theologien, die selbst meinen, sie seien neutral und allgemeingültig, von einem bestimmenden gesellschaftlichen Standort aus betrieben, der nicht nur die Fragen vorgibt, die für die theologische Reflexion als relevant erachtet werden, sondern auch die angebotenen Antworten prägt. Der Begriff der Lebenswelt bringt diese intersubjektive Dimension des Menschen zur Geltung und beschreibt jenes Umfeld von alltäglichen Beziehungen, die der wissenschaftlichen Arbeit und der technischen Produktion vorausliegen. Die Lebenswelt bezieht sich auf den gemeinsamen Sinnhorizont, der es dem Sprechenden und dem Hörenden ermöglicht, miteinander in Dialog zu treten und sich über irgendetwas zu verständigen. Nach Habermas’ Definition ist die Lebenswelt „ein intuitiv gewusster, unproblematischer und unzerlegbarer holistischer Hintergrund“ (DM, 348), der den Horizont bildet, innerhalb dessen sich der Sprechende und der Hörende...

You are not authenticated to view the full text of this chapter or article.

This site requires a subscription or purchase to access the full text of books or journals.

Do you have any questions? Contact us.

Or login to access all content.