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Dimensions of Linguistic Space: Variation – Multilingualism – Conceptualisations Dimensionen des sprachlichen Raums: Variation – Mehrsprachigkeit – Konzeptualisierung

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Edited By Lars Bülow, Ann Kathrin Fischer and Kristina Herbert

This volume focuses on the use and structure of the German language in Austria. In addition, the aim of the book is to compare the linguistic conditions in Austria with those in other German speaking countries. The 20 articles present current findings from the research fields of variation, contact and perception.

Der Band widmet sich schwerpunktmäßig der Verwendung und Struktur der deutschen Sprache in Österreich. Ziel des Sammelbandes ist es außerdem, die sprachlichen Verhältnisse in Österreich mit denjenigen in anderen deutschsprachigen Ländern zu vergleichen. In 20 Beiträgen werden daher aktuelle Forschungsergebnisse aus den Forschungsbereichen Variation, Kontakt und Perzeption vorgestellt.

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Diminutivvariation in österreichischen elektronischen Korpora (Sonja Schwaiger / Adrien Barbaresi / Katharina Korecky-Kröll / Jutta Ransmayr / Wolfgang U. Dressler)

Sonja Schwaiger, Adrien Barbaresi, Katharina Korecky-Kröll, Jutta Ransmayr & Wolfgang U. Dressler

Diminutivvariation in österreichischen elektronischen Korpora

Abstract: The distribution of the two most productive diminutive formations in Austrian Standard German (i.e. with the suffixes -chen, -erl) and their degrees of morphosemantic transparency / opacity was studied in different electronic corpora of written and oral speech which represent different genres. The distribution of morphosemantically more transparent and more opaque degrees of diminutive formation differs in these corpora.

1 Einleitung

Dieser Beitrag widmet sich der Verteilung der beiden im österreichischen Standarddeutsch produktivsten Diminutivsuffixe -chen und -erl im Wortschatz verschiedener Genres und elektronischer Korpora und den verschiedenen Graden an morphosemantischer Transparenz bzw. Opazität von Diminutiva (2), insbesondere auch von solchen, die mit den beiden Suffixen von derselben Basis abgeleitet sind (3). Diminutivbildungen mit diesen beiden Suffixen und deren verschiedene Transparenzgrade sind im Zeitungsdeutsch, in mündlicher Sprache zwischen Erwachsenen, in kindgerichteter Sprache von Eltern, in Kindersprache und in Tweets unterschiedlich verteilt, wofür Erklärungen gegeben werden (4).

Eine Reihe von Publikationen befasst sich schon seit den 1980er Jahren mit der Beschreibung des österreichischen Standarddeutsch, insbesondere auf der Ebene der Lexik (vgl. Reiffenstein 1982; Wiesinger 1988, 2014; Muhr/Schrodt 1997; Fussy 2003; Ammon et al. 2004, 2016). Weniger ausführlich wurde bis jetzt jedoch die Ebene der Grammatik beschrieben. Ein derzeit laufendes Projekt zur Variantengrammatik des Standarddeutschen unternimmt den Versuch, nationale und regionale Variation in der Grammatik der deutschen Standardsprache zu beschreiben (siehe Link zur Variantengrammatik).

Österreichweite korpuslinguistische Untersuchungen zur deutschen Standardsprache Österreichs auf einer fundierten empirischen Basis fehlen bisher weitgehend, insbesondere das Feld der Morphologie wurde korpuslinguistisch noch vergleichsweise wenig dokumentiert. In diesem Beitrag werden erstmals Forschungsergebnisse speziell zur Diminutivvariation im österreichischen Deutsch auf Basis verschiedener österreichischer bzw. österreichspezifischer Korpora vorgestellt: Zum einen präsentieren wir Daten aus der Diminutivforschung zum←147 | 148→ schriftlichen österreichischen Standarddeutsch auf Basis des Austrian Media Corpus (AMC), welches alle digital verfügbaren Printmedien Österreichs ab Ende der 1990er Jahre umfasst. Diese Daten (in denen nur wenig Non-Standard-Lexik auftritt) werden mit Daten aus folgenden elektronischen Korpora verglichen:

1. Ein österreichspezifisches Twitter-Korpus, das internet-basierte Kommunikation als Forschungsgegenstand zugänglich macht.

2. Verschiedene in Ausarbeitung befindliche elektronische Korpora zu Erwachsenenkonversation (adult-directed speech = ADS), ein Korpus von kindgerichteter Erwachsenensprache (child-directed speech = CDS) sowie ein kindersprachliches Korpus (child speech = CS, wenn Kinder zu ihren erwachsenen Bezugspersonen oder gelegentlich auch zu anderen Kindern sprechen, vgl. Korecky-Kröll 2017; Xanthos et al. 2011; Tribushinina et al. 2013).

In der deutschen Sprache Österreichs sind die beiden Hauptvarianten der Diminutivbildung Suffigierungen mit gemeindeutsch -chen und bairisch-österreichisch -erl (bzw. -l nach -er; stammauslautende unbetonte -e, -el, -en fallen vor -erl weg, vor -chen nur -e, so in Deck-chen = Deck-erl gegenüber Deckel-chen = Deck-erl, vgl. Glauninger 2005).

Die beiden Suffixe sind aber in den bereits vorhandenen und in Ausarbeitung befindlichen elektronischen Korpora sehr verschieden verteilt. Diese unterschiedlichen Asymmetrien in der Verteilung der beiden Suffigierungen untersuchen wir zunächst korpuslinguistisch quantitativ und dann in Fallbeispielen qualitativ, um die jeweils unterschiedlichen Verteilungen nicht nur beschreiben, sondern auch erklären zu können. Wir beschränken uns dabei auf denominale Diminutiva, zunächst auf solche, die eine Frequenz von mindestens fünf Token im Austrian Media Corpus (AMC, vgl. Ransmayr et al. 2017b) haben. Um eine Vorstellung über die von uns aufwändig kontrolliert beschriebene Materialmasse zu geben, handelt es sich bei den von uns in diese Studie einbezogenen Diminutiva um 8.988 Typen (genauer: Lemmata, d. h. unterschiedliche Lexeme) von -chen-Diminutiven und etwa 3.660 Lemmata von -erl-Diminutiven. Diese Lemmata kommen insgesamt in 2.273.340 -chen-Token und 519.754 -erl-Token vor.

Bei der Distribution der mit den zwei Suffixen gebildeten Diminutiva geht es uns besonders um den Grad an morphosemantischer Transparenz bzw. Opazität der jeweiligen Diminutivbildung, weil es auch hier beträchtliche Unterschiede zwischen den von derselben Basis gebildeten -chen- und -erl-Diminutiven gibt. Zu diesem Zweck haben wir (Ransmayr et al. 2017a, 2017b; Dressler et al. 2017, 2018) eine zehnstufige Skala morphosemantischer Transparenz bzw. Opazität der Diminutivbildung, d. h. der semantischen Beziehung zwischen Diminutivsuffixen und der vorhergehenden Basis eines Simplex oder Kompositums, aufgestellt (nur←148 | 149→ für -chen in Ransmayr et al. 2016 – genaue Informationen zur Methodik siehe ebenda). In Analogie zu früheren Arbeiten zur Graduierung der morphotaktischen Transparenz / Opazität (Dressler 2005) haben wir deduktiv den Abstand der Wortbedeutung des Gesamtworts von der Wortbildungsbedeutung (= „sens construit“ der Schule Danielle Corbins: Fradin 2009) in Zusammenarbeit mit den Schöpfern einer gröberen Graduierung (Talamo et al. 2016) erarbeitet und in Zweifelsfällen induktiv einem Rating-Verfahren Wiener SprecherInnen unterzogen. Diese Vorgehensweise hat sich inzwischen auch bei der Graduierung der morphosemantischen Transparenz / Opazität englischer Komposita bewährt (Mattiello/Dressler 2018).

2 Skala der morphosemantischen Transparenz / Opazität

Der Grad der morphosemantischen Transparenz bzw. Opazität einer Wortbildung bedeutet den Grad, zu welchem die Bedeutung ihrer Konstituenten in der Gesamtbedeutung der Wortbildung erhalten ist. Beispielsweise ist in der Bedeutung von Tisch-chen als Gesamtwort die Bedeutung beider Konstituenten, also sowohl der Basis Tisch als auch des Diminutivsuffixes -chen zur Gänze erhalten, d. h. diese Diminutivbildung ist morphosemantisch optimal transparent. Diese Gesamtbedeutung ergibt sich regelhaft durch die Kombination der Bedeutung beider Konstituenten bei Affigierung des Diminutivsuffixes an die Basis. Je stärker der Abstand zwischen Gesamtbedeutung und regelhafter Kombination der Bedeutungen der Konstituenten ist, desto morphosemantisch opaker ist die jeweilige Wortbildung. Der Unterschied zwischen der Bedeutung der Konstituenten und der Bedeutung des Gesamtworts bestimmt demnach den Grad der Transparenz bzw. Opazität. Bei Diminutiven handelt es sich um die Bedeutung des Diminutivsuffixes und seiner Basis (vgl. 2.1). Der Grad an morphosemantischer Transparenz bzw. reziprok an Opazität stellt ein Kontinuum dar. Dieses zerlegen wir in Stufen bzw. Grade im Sinne einer asymmetrischen und transitiven Skala. Es wären noch weitere Untergliederungen denkbar, was aber die Möglichkeit statistischer Auswertung sehr erschweren würde (vgl. Ransmayr et al. 2016).

Im Folgenden bezeichnen Abtrennungsstriche die Hauptfuge, d. h. XY-chen ist linksverzweigend, X-Ychen (oder X-Yerl) rechtsverzweigend (zur statistischen Auswertung siehe Ransmayr et al. 2016). Alle Bedeutungsangaben betreffen, soweit nicht anders angegeben, die Hauptbedeutungen im AMC nach der lexikalischen Tokenfrequenz, wobei aber Idiomatizität innerhalb einer syntaktischen Phrase insofern keine Rolle spielt, wenn das betreffende Diminutivum hauptsächlich in einer solchen idiomatischen Phrase vorkommt, wie in sein Geschäft-chen machen / verrichten. Die hier auftretenden opaken Bedeutungen von Geschäft-←149 | 150→chen (z. B. beim Gang auf die Toilette) werden also nicht als Hauptbedeutung gewertet.

Es ist an dieser Stelle wichtig, hervorzuheben, dass pragmatische Bedeutungen in Zusammenhang mit spezifischen Sprechsituationen und Sprechakten nicht behandelt werden, weil dies erstens korpuslinguistisch zu zeitaufwändig wäre und pragmatische Modifizierung von Sprechakten bei morphosemantischer Opazität nicht möglich ist. So kann ein Mann zu seiner Frau liebevoll Mein liebes Frau-chen! sagen, aber Katzenfrau-chen wird nach Meinung aller von uns Befragten als Koseform von Katzenfrau (mit einer Katze verglichene Frau) vermieden, weil (auch im AMC) die evidente Hauptbedeutung von Katzen-frauchen (vgl. 2.3) die Herrin einer Katze ist. Dies konnten wir beim Lemma Katzenfrauchen überprüfen, weil es nur 2 Token hat, aber in den meisten Fällen wäre eine Überprüfung von Sprechsituation und Sprechakt im Kontext mit einem übergroßen Zeitaufwand verbunden. Zweitens wurde die Festlegung der pragmatischen Wortbildungsbedeutung eines Affixes auf Kodetermination durch die jeweilige Sprechsituation oder den jeweiligen Sprechakt in Dressler/Merlini Barbaresi (1994) ausführlich begründet.

Gemäß dem oben zu Beginn von Abschnitt 2 Gesagten skalieren wir die semantischen Beziehungen zwischen Diminutivbasis und Diminutivsuffix von optimaler Transparenz (2.1) bis zu maximaler Opakheit (2.9), wobei Abschnitt 2.10 eigentlich gar nicht zur Skala gehört, aber von den meisten SprecherInnen doch noch einstellungsmäßig zu den Diminutiva gerechnet wird.

2.1 Optimale Transparenz

X-chen: 4.609 Typen (Lemmata), 689.860 Token; X-erl: 1.939 Typen, 208.234 Token. Ein optimal transparentes Diminutiv liegt dann vor, wenn X-chen ein kleines, niedliches, unwichtiges (oder mit diesem ähnlichen pragmatischen Bedeutungen versehenes) X bedeutet, wie in den Beispielen Gläs-chen, Lämp-chen, Städt-chen, Stück-chen, Witz-chen, Schwätz-chen, Masthähn-chen, Brathühn-chen. Das gilt auch für rechtsverzweigende Komposita, die Diminutivableitungen von Komposita sind, also wenn die zweite Basis des Kompositums aus einem Diminutiv besteht, wie in den Beispielen: Ohren-stäbchen, Riech-fläschchen, Tee-säckchen, Mandel-stückchen, Orangen-stückchen, Schokolade-röllchen, Leber-blümchen, Autobus-häuschen, Finger-törtchen, Petersilien-blättchen, Schein-füßchen, Roboter-weibchen, Zucker-schnäuzchen (formal: X-Ychen).

Analoge Beispiele für X-erl: Glas-erl, Lamp-erl (von Lampe und Lamm), Stadt-erl, Witz-erl, Körb-erl, Tisch-erl, Deck-erl, Stück-erl, Tratsch-erl, Bushütt-erl, Daunenpolster-l, Werkzeugkist-erl (formal: XY-erl).←150 | 151→

2.2 Leichte kollokative Einschränkung der Transparenz

X-chen: 392 Typen, 43.581 Token; X-erl: 114 Typen, 15.131 Token. Leicht kollokativ eingeschränkte Diminutive beziehen sich in ihrer Hauptbedeutung präferentiell auf Frauen und / oder Kinder, wie in Hös-chen, Jäck-chen, Schuh-chen, Täsch-chen, Gasfüß-chen, bzw. auf Kinder in Brüder-chen, Enkel-chen, Plastikklötz-chen.

Analog dazu Beispiele für X-erl: Brüd-erl, Enk-erl, Jack-erl, Schuch-erl, Hals-erl, Hasch-erl, Wang-erl, Handtasch-erl, Unschuldseng-erl, Nachthaub-erl, während Hos-erl im Gegensatz zu Hös-chen ohne weiteres auch in Bezug auf Männer(bekleidung) verwendet wird. Pferdeschwanz-erl wird im AMC nie auf Frauen, sondern nur auf Männer bezogen, scheint also das einzige Beispiel mit pragmatisch kollokativer Beschränkung auf Männer zu sein, im Gegensatz zu den in vielen beobachtbaren pragmatischen Einschränkungen auf Frauen, ein Symptom der Gender-Asymmetrie von Diminutiva (vgl. Ransmayr et al. 2016).

2.3 Stärkere kollokative Einschränkung (als bei Skalenstufe 2.2)

X-chen: 680 Typen, 124.572 Token; X-erl: 363 Typen, 81.251 Token. Eine stärkere und zwar semantische kollokative Einschränkung findet sich in den Hauptbedeutungen von Herr-chen, Frau-chen (im Verhältnis zum eigenen Hund oder zur eigenen Katze), Schein-chen (von Geldscheinen), Hühn-chen, Brüst-chen (in der Hauptbedeutung nur von Speisen), daher auch Hunde-frauchen, Super-frauchen, Schweinsbrüst-chen, Brat/Back-hähnchen sowie die Serie der Komposita wie Fisch/Gemüse-stäbchen, Drogen/Gewürz-briefchen, Kiefer-köpfchen, Käse-bällchen, Lamm-rippchen, Trompeten-tierchen.

Analoge Beispiele für X-erl sind: Herr-l, Frau-erl, Hend-erl, Brüst-erl, Weck-erl, Gans-erl Krust-erl, Muat-erl / Mütt-erl, Schlag-erl, Zeug-erl (Fiaker), Nock-erl, Acht-erl, Viert-erl, Fünf-erl (5-Cent-Münze), Ripp-erl, Züng-erl, Schwamm-erl, Schweinsbrüst-erl, Gemüse-tascherl, Kalbsback-erl, Rinds-wangerl, Lammhax-erl, Apfel-sackerl.

2.4 Die Hauptbedeutung der Basis ist nicht oder nur teilweise erhalten

X-chen: 643 Typen, 81.324 Token; X-erl: 432 Typen, 60.648 Token. Bei dieser Gruppe von Diminutiven fehlen semantische Merkmale bzw. ist nur eine semantisch sehr ähnliche Nebenbedeutung erhalten, wie z. B. in Männ-chen, noch stärker in Weib-chen, beides von Tieren als Hauptbedeutung, Teil-chen (mit physikalischer Hauptbedeutung), die Vögel Gold-hähnchen und Blatt-hühnchen. Dies gilt auch für die damit gebildeten Komposita, auch wenn die Komposition selbst←151 | 152→ ganz transparent ist, wie in Panda-weibchen (Weibchen von einem Panda = transparente Komposition, aber einigermaßen opake Diminutivbildung).

Analog dazu Beispiele für X-erl: Weib-erl (aber vgl. 3.), Weinbeer-l (= Rosine), Dampf-erl (= Germteig), Häf-erl, Stang-erl (= Gebäck), Sack-erl, Zuck-erl, Mehl-papperl (Speisebrei aus Mehl, hauptsächlich als Babynahrung). Diese Beispiele zeigen einen stärkeren Bedeutungsabstand von der Wortbildungsbedeutung als in 2.3, aber noch keine Übertragung wie in 2.5.

2.5 Die Motivation durch das Grundwort ist nur metaphorisch gegeben

X-chen: 232 Typen, 27.015 Token; X-erl: 65 Typen, 5.940 Token. Metaphorische Motivation durch das Grundwort findet sich in den Beispielen Lüft-chen, Seel-chen, Hörn-chen, Buschwind-röschen (eine Blume, die keine Rose ist), Pollen-höschen (von bestäubten Bienen), Stern-chen (Starlet), Konjunktur-pflänzchen, Zünd-hütchen, Eich-kätzchen.

Analoge Beispiele für X-erl: Lüft-erl, Schiss-erl (für kleines Auto), Sach-erl (für kleines Anwesen), Zwetschk-erl (Zwetschkenschnaps bzw. –likör), Stroh-röserl (Strohblume), Partei-mascherl, Natur-hauberl, Heiz-schwammerl, Fichten-moperl, Sorgen-binkerl, Zucker-goscherl, Gaudi-mauserl.

2.6 Nur mehr ganz schwacher, oft metonymischer Bedeutungsbezug zur Basis

X-chen: 499 Typen, 77.692 Token; X-erl: 126 Typen, 24.310 Token. Ein sehr schwacher, oftmals metonymischer semantischer Bezug zur Basis findet sich z. B. in Heim-chen, Schöß-chen, Kränz-chen, Ständ-chen, Leib-chen, Schnee/Mai-glöckchen, Bries-röschen, Nonnen/Ferrero-küsschen, Reh/Kalbsnüss-chen, Hasel/Palm-kätzchen (weil flauschig), Oster/Advents-kränzchen, Streichholz-heftchen (das wie ein kleines Heft aufgeschlagen wird), Lungen-brötchen (für Zigarette), Holz-würstchen (Holzabfall).

Beispiele für X-erl: Leib-erl, Schneck-erl (= Locken), Stift-erl (= kleine Flasche), Nerv-erl (= nervöser Mensch), Würscht-erl (armer, hilfloser Mensch), Palm-katzerl, Selch-fischerl (Braten), Zornbink-erl, Spaß-laberl (= Scherzkeks oder weibliche Brust), Bier-tatzerl (Bieruntersatz), Lobau-fetzerl (Badehose bzw. Ersatz dafür). Metonymie schafft einen größeren semantischen Abstand als Metapher, wobei der metonymische Bezug relativ unbedeutend ist. So ist z. B. für die Bedeutung von Ständchen unwesentlich, dass der / die Musiker stehen und nicht sitzen.←152 | 153→

2.7 Die lexikalische Motivation ist noch schwächer (als in Skalenstufe 6)

X-chen: 407 Typen, 56.056 Token; X-erl: 133 Typen, 37.519 Token. Bei dieser Gruppe von Diminutiven ist die lexikalische Motivation schwächer als in Gruppe 6, die Bedeutung der Kleinheit ist aber noch immer gegeben, wie in Laib-chen (z. B. in Soja-laibchen), Plätz-chen (z. B. Schokolade-plätzchen), Zäpf-chen, Päck-chen, Käst-chen, Äder-chen (Gesichts-äderchen), Erd/Eich-hörnchen, Gänse-füßchen, die Raupe Getreide-hähnchen, die Blume Stief-mütterchen.

Analoge Beispiele für X-erl: Lab-erl, Zapf-erl, Pack-erl, Reh-erl (= Pfifferling), Stock-erl (Sieger-stockerl), Stief-mütterl.

2.8 Nichtexistenz einer synchronen Basis

X-chen: 722 Typen, 910.295 Token; X-erl: 37 Typen, 1.594 Token. Bei dieser Gruppe von Diminutiven liegt keine synchrone Basis vor, aber es gibt eine schwache diminutive Bedeutung aufgrund semantischer Motivation durch verwandte Wörter, z. B. durch Synonyme oder Rekurrenz der Pseudobasis (wodurch sie sich von unikalen Morphemen [= cranberry morphs, wie im ersten Konstituenten des Kompositums Preisel-beere] unterscheiden). So hat Mäd-chen die Synonyme mit Diminutivsuffix Mäd-el und (zumindest in Österreich) Mäd-erl und, pragmatisch eingeschränkt: Mäd-i. Nur je ein Synonym haben Flitt-chen (Flitt-(t)scherl), Schlafitt-chen (Schlafitt-l), vgl. Quänt-chen, welches (etymologisch falsch) an Quantität, Quantum angeschlossen werden kann (daher bei der letzten Orthographiereform aus Quentchen verändert), Kabäus-chen (wegen Kabuse), Radies-chen (wegen Radi). Ebenso in den Komposita Panda/Gorilla-mädchen (ohne Parallelen bei X-mäd-erl, X-mäd-el).

Analoge Beispiele für X-erl: Butz-erl = Butz-i (= Baby), Tschocherl = Tschecherl (Beisl, Gasthaus), Raunkerl = Reinkerl = Renkerl (eine Art Kuchen bzw. Krapfen).

2.9 Nichtexistenz einer synchronen Basis und ohne diminutive Bedeutung

X-chen: 564 Typen, 165.003 Token; X-erl: 38 Typen, 8.873 Token. Bei dieser Gruppe von Diminutiven liegt keine synchrone Basis vor und es gibt auch keine diminutive Bedeutung, höchstens minimale semantische Motivation durch diachron verwandte Wörter. So sind Mär-chen, Maskott-chen, Mätz-chen vorwiegend metalinguistisch (wenn jemand sich bewusst einen Zusammenhang überlegt) durch Märe, Maskotte, Matz synchron schwach teilmotiviert.←153 | 154→

Analoge Beispiele für X-erl: Vinschg-erl (Gebäck, das ursprünglich aus dem Vintschgau stammt), Wimm-erl (v. Wimmer), Stamp-erl (v. Stamp(e)), Was-erl (v. Waise), Mart-erl (v. Marter), Bart-erl (v. Bart).

2.10 Weder eine synchrone Basis noch verwandte Wörter, ohne Diminutivbedeutung

X-chen: 97 Typen, 57.423 Token; X-erl: 139 Typen, 26.367 Token. Beispiele sind Frettchen, Kittchen, Veilchen, Schärfchen, Kaninchen (wer das regionale und etymologisch verwandte und in der Hauptbedeutung synonyme Karnickel mit dem unproduktiven Diminutivsuffix -(e)l kennt, kann einen Zusammenhang herstellen, was eine Zuweisung zu Stufe 2.8 ermöglicht).

Analoge Beispiele für X-erl: Veigerl, Zwutschgerl, Schmankerl, Flankerl, Tommerl (im Ofen gegarte Mehlspeise, Sterz), Schöberl (Suppeneinlage).

Solche Wörter können nur deswegen in einer Diminutivskala aufscheinen, weil fast alle mehrsilbigen deutschen Nomina, die auf -chen oder -erl enden und keine Komposita, wie z. B. Mordskerl, sind, Diminutive sind, sodass Wörter wie Veilchen, Schöberl wie Diminutive aussehen und klingen. Nichtsdestoweniger sollte man nicht – in Analogie zu Preisel- in Preisel-beere – ein unikales Morphem Veil-, Schöb- in Veilchen, Schöberl konstruieren, denn Preisel-beere, Him-beere, Brom-beere usw. sind eindeutig Komposita mit dem Grundwort-beere, während man Veilchen, Schöberl usw. nicht analog zu Diminutiven machen kann. Diese Stufe 2.10 haben wir deshalb einerseits nur zum Kontrast mit 2.1–2.9 aufgenommen, andererseits, weil diese Wörter dieselbe Phonotaktik wie existierende Diminutive aufweisen sowie Veilchen, Kaninchen usw. einen ich-Laut enthalten, während beides bei Nachen, Rachen, Huchen, Kuchen nicht der Fall ist. Das in Handbüchern (z. B. Lass 1984: 36; Gussmann 2002: 62) überlieferte konstruierte potentielle Diminutiv Kuh-chen mit ich-Laut gegenüber ach-Laut in Kuchen erscheint uns als Hirngespinst, welches außer in diesen grammatischen Spekulationen unseres Wissens in keinem der von uns verwendeten elektronischen Korpora vorkommt.

3 Unterschiede im Opazitätsgrad zwischen von derselben Basis abgeleiteten -chen- und -erl-Diminutiven

Die genau genommen nur neunstufige Skalierung der morphosemantischen Transparenz bzw. Opazität (vgl. oben Abschnitt 2 letzter Absatz) zeigt nicht nur in der quantitativen Distribution beträchtliche Unterschiede zwischen -chen- und -erl-Diminutiven sondern auch in ihren Opazitätsgraden. Vergleichen wir die←154 | 155→ folgenden -chen- und -erl-Diminutive, die von denselben Basen gebildet, aber verschieden lexikalisiert sind, so sind gemeindeutsche opazifizierende Lexikalisierungen in der österreichischen Umgangssprache nicht durchgeführt worden in:

Stand-erl (Grad. 1) ‚kleiner Verkaufsstand’ vs. Ständ-chen (Grad 6)

Platz-erl (Grad 1) vs. Plätz-chen mit der Bedeutung eines Gebäcks (Grad 7)

Kranz-erl (Grad 1) vs. Kränz-chen (Treffen) (Grad 6)

Bett-erl (Grad 1) vs. Bett-chen (Grad 2)

Brief-erl (Grad 1) vs. Brief-chen (Grad 3) (Drogenbriefchen, Gewürzbriefchen)

Blas-erl (Grad 1) vs. Bläs-chen (Grad 3) (Fruchtbläschen, Lungenbläschen)

Sternd-erl (Grad 1) vs. Stern-chen (Grad 5) (für Starlet)

Kast-erl (Grad 1) vs. Käst-chen (Grad 7)

Mand-erl (Grad 1 Hauptbedeutung), ebenso Mondmanderl, Schneemanderl, Stehaufmanderl, Strichmanderl. Es gibt keine „Tier-Manderl“ (mit einer Frequenz von fünf Token, die wir zählen würden. Vereinzelt kommen im AMC vor: Luchsmanderl zwei Token sowie Schildkröten- und Hummermanderl mit nur jeweils einem Token!) im Gegensatz zu Männ-chen mit Hauptbedeutung ‚männliches Tier’ (Grad 4), ebenso im Großteil der Komposita, während der analoge Unterschied bei Weib-erl vs. Weib-chen viel weniger stark ausgeprägt ist (96,42 % der X-Weibchen sind Tiere, bei den X-Weiberl sind nur 73,81 % Tiere).

Hingegen sind gewisse opazifizierende Lexikalisierungen nur im kulinarischen Wortschatz Österreichs durchgeführt worden:

Gans-erl als Speise (Hauptbedeutung Grad 3) vs. Gäns-chen (Grad 1)

Flüg-erl (Hauptbedeutung als Fleischspeise: Grad 3) vs. Flügel-chen (Grad 1)

Back-erl (Komp. Schweinsbackerl, Rindsbackerl, Kalbsbackerl – alle Grad 3) vs. Bäckchen (Grad 2)

Schwamm-erl (Grad 3) vs. Schwämm-chen (Grad 1)

Züngerl, Lüngerl / Lingerl, Ringerl, Hirnderl, Weckerl, Nockerl, Achterl, Vierterl, Schöberl, Hetscherl, Schmankerl, Kalbsvogerl bzw. -vögerl.

Opazifizierende Lexikalisierungen im österreichischen Deutsch, soweit im AMC belegt:

Frücht-erl ist so gut wie immer übertragen auf einen Menschen gemeint (Grad 6) vs. Frücht-chen fast nie (daher Grad 1)

Fuß-erl (für Tiere und Fußball Grad 3) vs. Füß-chen (Grad 1)

Masch-erl (Grad 3 weil immer Fliege bzw. Kragenschleife) vs. Mäsch-chen (Grad 1)

Pupp-erl (für Hundeweibchen Grad 3) vs. Püpp-chen (Grad 1)

Schiss-erl (für kleines Auto, Grad 5) vs. Schüssel-chen (Grad 1)←155 | 156→

Sack-erl (Grad 4) vs. Säck-chen (Grad 1)

Sach-erl (für kleines Anwesen Grad 5) vs. Sächel-chen (Grad 1)

Bart-erl (für Latz Grad 9) vs. Bärt-chen (Grad 1)

4 Unterschiede der Verteilung von -chen- und -erl-Diminutiven in verschiedenen (Genres von) Korpora

Im Austrian Media Corpus (AMC) finden sich fast doppelt so viele -chen- wie -erl-Diminutive (8.988 vs. 3.660 Lemmata mit jeweils mehr als fünf Token, das sind insgesamt 2.273.340 vs. 519.754 Token). Das Austrian Media Corpus deckt den Bereich der schriftlichen Standardsprache Österreichs ab, wie sie von professionell Schreibenden verwendet wird. Außerdem wurden für die vorliegende Untersuchung als dialektal einzustufende Begriffe manuell ausgeschlossen. Daher sind die hier ausgewerteten Diminutivformen dem standardsprachlichen Register zuzuordnen. Dies führt zu einer höheren Frequenz der gemeindeutschen -chen-Diminutive als der typisch österreichischen -erl-Diminutive.

So können im AMC die Verwendung des -erl-Suffixes bei Diminutiven und dessen Verwendung und Frequenz im Vergleich zu -chen-Suffixen in standardsprachlichen (oder je nach Domäne standardnahen) Texten näher untersucht werden. Besondere Aufmerksamkeit ist dabei dem unterschiedlichen Vorkommen der beiden Diminutivsuffigierungen nach Bedeutungsbereichen zu widmen (vgl. 3). Was die Verteilung der unterschiedlichen Transparenzgrade im AMC betrifft, so haben wir (Ransmayr et al. 2016) eine sukzessive Abnahme der Zahl der Lemmata und Token von den optimal transparenten (2.1) bis zu den maximal opaken (2.9) festgestellt.

Das Twitter-Korpus von Academiae Corpora (Barbaresi 2016) bietet die Möglichkeit, die Forschungsfrage an weiteren Sprachdaten zu testen, nämlich Kurznachrichten, die von einer Vielzahl von (institutionellen, gewerblichen oder privaten) Nutzern veröffentlicht werden. Tweets werden nach bestimmten Regeln gesammelt, die die Wissenschaftlichkeit des Korpus ausmachen.

Das Korpus ist auf die Erfassung österreichspezifischer Tweets hin angelegt. Der Schwerpunkt liegt einerseits auf Personen, die einen Ort in Österreich als ihren Wohn- bzw. Heimatort angeben oder die von Österreich aus twittern. Es kommen also Nutzer in Frage, die sich subjektiv mit Österreich identifizieren und anhand ihrer Profildaten erfasst werden oder laut ihrer Geolokalisierung mehrheitlich aus Österreich twittern. Aus der daraus resultierenden Benutzerbasis werden dann zufällige Samples gezogen, um mögliche Verzerrungen u. a. durch den Einfluss einzelner Individuen zu begrenzen.←156 | 157→

Das Korpus wird seit dem Herbst 2015 gepflegt und vergrößert sich stetig um neue Nutzer und weitere Tweets (sog. Monitorkorpus). Unsere Untersuchung von 2016 bezog sich auf eine Anzahl von 21,7 Millionen Einträgen, die von ungefähr 125.000 verschiedenen Nutzern verfasst worden sind. Die Kurznachrichten werden mittels einer speziell für große Datenbanken entwickelten Lösung indiziert, die vielfältige Visualisierungen zur Erforschung dieses komplexen Datenmaterials ermöglicht. Die Abfrage zu den Diminutiven erfolgte in Bezug auf die für das Deutsche lemmatisierten Einträge selbst ohne Einbeziehung von Metadaten, z. B. zu deren Autoren (weitere Informationen zum Twitter-Korpus siehe Link).

Nach einer detaillierten Auswertung sind mehr als 270-mal so viele -erl- wie -chen-Diminutive in den Tweets zu finden. Diese Auszählung berücksichtigt alle nach den oben erwähnten Kriterien abgefragten (deutschsprachigen) Diminutive ab einer Frequenz von fünf Token, wobei durch die Verarbeitung entstandene „Artefakte“ (z. B. aus Buchstaben und Sonderzeichen oder Zahlen zusammengesetzte Lemmata) sowie Namen nicht gewertet wurden. Wenn Einträge mit einer Frequenz von nur einem oder zwei Token berücksichtigt worden wären, würde das Resultat noch mehr differieren, d. h. die Verhältniszahl würde zugunsten der -erl-Diminutiva weiter steigen.

Eine mögliche Erklärung dieses enormen Unterschieds könnte in der gezielt sehr persönlichen und mündlich konzipierten Ausdrucksweise liegen, wobei die Diminuierung mit -erl dieser Intention eher entgegenzukommen scheint als die Verwendung von -chen-Diminutiven. Praktisch bestätigt dieses Ergebnis unsere Einschätzung, dass -erl im Unterschied zu -chen nicht nur von unseren Wiener Gewährspersonen als österreichtypisch bzw. als „österreichisch“ empfunden wird, sondern auch in Grammatiken (wie z. B. im Duden und falls überhaupt berücksichtigt) als (bairisch-)österreichisch bezeichnet wird. Dazu kommt, dass Tweets eine weniger durchdachte und strukturierte Kommunikationsform darstellen und der Gebrauch der Diminutiva zumeist weniger ernsthaft, sondern mehr spielerisch ist, was dem generell weniger ernsthaften und oft spielerischen Charakter von Diminutiven entspricht (Dressler/Merlini Barbaresi 1994) und daher zu Tweets passt, wofür sich besonders die intimeren -erl-Diminutive eignen. Entsprechend sind in den vielen Kontexten, die wir überprüft haben, Diminutive häufig pragmatisch verwendet, was optimale morphosemantische Transparenz (vgl. Abschnitt 2 und 2.1) voraussetzt.

Diese Beobachtung und Erklärung des Diminutivgebrauchs bei Tweets darf aber keineswegs auf gesprochene Sprache verallgemeinert werden und man sollte Tweets auch nicht einfach als zwischen schriftlichem und mündlichem Sprachgebrauch angesiedelt betrachten, denn in dem von Korecky-←157 | 158→Kröll (2017) erstellten Erwachsenen-Korpus, das derzeit rund 85.000 Token umfasst, gibt es nur (im Vergleich zum Twitter-Korpus) ca. dreimal so viele -erl- wie -chen-Diminutive (Verhältnis 3:1). Für den vorliegenden Beitrag wurden ausschließlich Aufnahmen aus den Jahren 2010 bis 2013 ausgewertet, die rund 30.000 Token beinhalten. Der Aufnahmezeitraum für das Gesamtkorpus umfasst die Jahre 2010 bis 1017, wobei die Gesamtdauer der bisher ausgewerteten Aufnahmen neun Stunden und fünf Minuten beträgt. In diesen Aufnahmen unterhalten sich Wiener Erwachsene einer Familie in informellen Tischgesprächen bei Familienfeiern miteinander (adult-directed speech = ADS). Die acht Personen gehören unterschiedlichen Altersgruppen an und haben unterschiedliche Bildungshintergründe: Es handelt sich um vier ältere Erwachsene (einen Mann und eine Frau mit Lehrabschluss sowie einen Mann und eine Frau mit Universitätsabschluss), zwei jüngere Erwachsene (einen Mann mit Matura und eine Frau mit Universitätsabschluss) und zwei männliche Teenager, die eine höhere Schule besuchen. In den Gesprächen geht es meist um Politik, Bildung, Religion und Reisen, also Themen, die tendenziell eine geringe Frequenz von Diminutiven aufweisen. Nur selten finden sich Kontexte mit höherer Diminutivfrequenz (wie z. B. persönliche Erlebnisse mit Tieren, die dann insbesondere mehr -erl-Diminutive enthalten). Im Vergleich zum Twitter-Korpus sind spielerisch bzw. ironisch gebrauchte -erl-Diminutive durch die mehrheitlich ernsten Gesprächsthemen im ADS-Korpus vermutlich unterrepräsentiert. Die Verteilung der Transparenzgrade weicht nicht signifikant von derjenigen im AMC ab. Näheres wird sich erst bei Erweiterung des Korpus feststellen lassen.

Nun könnte man erwarten, dass Wiener Eltern, wenn sie mit ihren Kleinkindern sprechen (child-directed speech = CDS), mehr österreichtypische -erl-Diminutive verwenden. In Wirklichkeit ist der Überhang an -erl-Diminutiven in child-directed speech = CDS aber geringer als in adult-directed speech = ADS. Das Verhältnis beträgt 1,3 -erl zu 1 -chen.

Größer ist der Unterschied wiederum in den kindersprachlichen Äußerungen (CS), die hauptsächlich an Erwachsene gerichtet sind und nur selten an Gleichaltrige. Hier beträgt das Verhältnis -erl zu -chen: 2,8:1. Transparentere Diminutive werden gegenüber Kindern stärker verwendet als gegenüber anderen Erwachsenen.

Aus diesen Unterschieden in der Verwendung von -erl- und -chen-Diminutiven lässt sich ableiten, dass, wider Erwarten, -erl-Diminutive in der Konversation zwischen Erwachsenen viel häufiger verwendet werden, als wenn Erwachsene mit Kindern sprechen. Möglicherweise ist diese sprachliche Praxis darauf zurückzuführen, dass Erwachsene im Gespräch mit Kindern „korrekt“ bzw. „schön“ sprechen wollen, um einen als „standardsprachlich“ konnotierten Sprachgebrauch←158 | 159→ an die Kinder zu vermitteln (vgl. Penzinger 1994; Lichtenegger 2015), was die Verwendung von -chen-Diminutiven begünstigt.

Kinder bevorzugen -erl-Diminutiva möglicherweise deshalb, weil sie diese als „kindtypischer“ – also als typischer für ihresgleichen empfinden. Das ist einerseits sicherlich durch den Einfluss der Altersgenossen, d. h. der Peer-Group bedingt, andererseits bevorzugen Kinder vielleicht generell -erl-Diminutiva, da diese durch die Vermeidung des Umlauts morphotaktisch transparenter sind als viele -chen-Diminutiva (-erl führt seltener zu Umlaut als -chen, z. B. in Has-erl vs. Häs-chen). Morphosemantisch transparentere Diminutivbildungen sind in der Kindersprache viel stärker vertreten als in der Erwachsenensprache (Dressler 2017; Schwaiger et al. 2017).

Labov (2014) fasste angloamerikanische Studien zusammen, die zeigen, dass für Kinder ab sechs Jahren die Sprache der Gleichaltrigen wichtiger ist als die Sprache der Erwachsenen. Aus den oben genannten Erhebungen ergibt sich die Möglichkeit, dass dies schon bei Drei- bis Vierjährigen der Fall sein könnte.

5 Zusammenfassung

Zusammenfassend seien hier nochmals die Verhältniszahlen aus den hier verglichenen Korpora gegeben: Im AMC beträgt das Verhältnis von -chen zu -erl 4:1. Im österreichspezifischen Twitter-Korpus beträgt das Verhältnis von -chen zu -erl 1:270. Zwischen diesen Extremen liegen: ADS 1:3, CDS 1:1,3. CS 1:2,8.

Diese enormen Unterschiede, welche wir in Abschnitt 4 zu erklären versucht haben, zeigen die Wichtigkeit, korpuslinguistische Untersuchungen nicht auf bestimmte Genres (besonders schriftlicher Texte) zu beschränken, wenn man die Realität verbaler Kommunikation zu erfassen sucht. Dabei spielt es, wie zu erwarten, in Österreich eine Rolle, ob ein Genre als mehr oder weniger österreichspezifisch empfunden wird, was auch durch repräsentative Rating-Verfahren kontrolliert werden sollte.

Dies gilt auch für die in Abschnitt 2 und 3 behandelten unterschiedlichen Grade der morphosemantischen Transparenz bzw. Opazität von Diminutiven. Hier verhalten sich -erl- und -chen-Diminutive ganz unterschiedlich, was in den Studien von Ransmayr et al. (2016, 2017a) ausführlich behandelt worden ist. In Dressler et al. (2017) und Schwaiger et al. (2017) konnten wir zeigen, dass die von Kindern verwendeten Diminutiva im Durchschnitt transparenter sind als die von Erwachsenen verwendeten. Dies gilt in hohem Ausmaß auch für rezente Diminutive in Tweets.

Was wir im Weiteren noch untersuchen wollen, ist die Distribution von Diminutivsuffixen und die dabei vorkommenden Grade der Transparenz / Opazität←159 | 160→ beim Sprachgebrauch bildungsnaher gegenüber bildungsfernen Schichten sowie in verschiedenen Regionen Österreichs.

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Links

Zur Variantengrammatik

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Zum Twitter-Korpus

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