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Die Ethik der Widersetzlichkeit

Theoretische und literarische Transformationen der Antigone

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Ines Böker

Von der Antike bis in die Gegenwart partizipiert die Antigone an disparaten Denkmodellen geschlechtlicher, verwandtschaftlicher und ethisch-moralischer Konzepte. Aus literatur-und kulturwissenschaftlicher Perspektive betrachtet, lassen sich die Konstruktionen dieser Konzepte kritisch hinterfragen. Ines Böker untersucht die Entstehungsmöglichkeiten, Wandlungsprozesse und (kritischen) Implikationen von Antigone-Transformationen in dem Spannungsfeld der vielschichtigen theoretischen und literarischen Rezeptionsgeschichte. Trotz unterschiedlicher Positionen enthüllen die Untersuchungen der Antigone-Transformationen das, was die Antigone selbst aktiv gestaltet: Die Ethik der Widersetzlichkeit.

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6. Schlussbetrachtung: „Die Arbeit am Mythos kennt den Sabbat einer rückblickenden Feststellung nicht“

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Die ‚Widersetzlichkeit‘ der Antigone bildet den Ausgangspunkt und den Rahmen der vorliegenden Studie. Um diese zu entfalten, wurden wechselseitige Transformationen der sophokleischen Antigone in dem Spannungsfeld unterschiedlicher wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Diskurse und literarischer Bearbeitungen nach 1945 auf dem Feld ethischer Fragestellungen untersucht. Antigone ist zunächst eine dem kulturellen Gedächtnis eingeprägte Widerstandsfigur. Die theoretischen und literarischen Transformationen eröffnen dabei in zweifacher Perspektive einen Zugriff auf die antike Folie: Zum einen greifen sie auf die Autorität und die wiedererkennbaren Elemente des Mythos der Antigone zurück, zum anderen bringen sie eine Variation hervor und stellen sie in den Dienst ihrer jeweils eigenen Bedeutungskonstitution. Dass Letzteres möglich ist, verdankt sich zunächst der Ambiguität des Mythos. Renate Schlesier stellt in diesem Zusammenhang heraus: „Die innere Gebrochenheit des Mythos ist es, die seinen Rätselcharakter ausmacht.“658 Dass der Mythos „in der Tat nicht nur Spiel (oder Poesie)“ ist, erklärt sich nicht nur darin, dass „er auch Zwang (oder Terror)“ ist, äußert Schlesier mit Bezug auf den paradigmatischen Sammelband Terror und Spiel, und veranschaulicht so, dass das „Problem der Mythenrezeption“ keine Reduktion auf „Zweideutigkeit“ zulasse:

[V];ielmehr rühren die es bestimmenden Schwierigkeiten aus der Nötigung her, fortwährend Übertragungen zwischen vielfältigen und miteinander nicht deckungsgleichen Sprachen und Sphären vorzunehmen. Mythen fordern zur Lösung ihrer Rätsel auf, doch ist keineswegs sicher, daß jede Lösung der Rätsel auch des Rätsels Lösung ist. Wer...

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