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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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Bundesteilhabegesetz (BTHG) 2.0 – wie Digitalisierung das Leben sozialer machen kann

Bundesteilhabegesetz (BTHG) 2.0 – wie Digitalisierung das Leben sozialer machen kann

von Dr. Edlyn Höller, Stellvertretende Hauptgeschäftsführerin Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)

Genauso wie die Digitalisierung unseren Alltag verändert hat, verändert sie auch den Alltag von Menschen mit Behinderung. Nach einer Online-Umfrage der Aktion Mensch unter mehr als 600 Menschen mit Behinderung ist diese Gruppe überdurchschnittlich stark im Web aktiv. Demnach sind Menschen ohne Behinderung an etwa 5,1 Tagen pro Woche im Internet, bei Menschen mit einer Behinderung sind es rund 6,5 Tage pro Woche.1 Das mag verwundern, ist aber eigentlich nur Ausdruck eines menschlichen Grundbedürfnisses: Interaktion mit anderen Menschen!

An der digitalisierten Welt teilzuhaben, ist integrationspolitisch von großer Bedeutung, denn gerade das Internet mit sozialen Netzwerken, barrierefreien Angeboten und 24/7 Erreichbarkeit bietet Menschen mit und ohne Behinderung einen Mehrwert an sozialer Teilhabe. Umso erstaunlicher, dass das Bundesteilhabegesetz zwar zum Ziel hat, die Lebenssituation von Menschen mit Behinderungen im Sinne von mehr Teilhabe und mehr Selbstbestimmung zu verbessern und die Eingliederungshilfe zu einem modernen Teilhaberecht weiterzuentwickeln,2 das Wort „Digitalisierung“ aber nicht einmal vorkommt.

Wie modern kann ein Gesetz sein, das Digitalisierung als Aspekt von Teilhabe nicht mitdenkt? Dabei bietet gerade das Internet die Möglichkeit, dass Menschen mit Behinderung aktiv, vernetzt, informiert und damit auch kritisch interagieren können. Und das Smartphone könnte ein potentieller Türöffner für eine gleichberechtigte Teilhabe sein.

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Digitale Helfer als Hilfsmittel?

Dazu müssten aber Angebote aus der analogen Welt in die digitale transformiert werden. Das hat zunächst einmal nichts mit einer inhaltlichen Veränderung von Prozessen zu tun. Sondern es geht darum, Inhalte zu verschieben. In der Verwaltung bedeutet das: Vom Papier in den Computer. Auf die soziale Teilhabe übertragen wären das zum Beispiel digitale Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es geht nicht darum, Menschen mit Behinderungen in ihr häusliches Umfeld zu verbannen und vom öffentlichen Leben auszuschließen. Es geht darum, ihnen den Alltag zu erleichtern mit digitalen Angeboten, die es ihnen ermöglichen, das Leben möglichst selbstbestimmt und flexibel zu gestalten – im Übrigen gilt das auch für Menschen ohne Behinderungen. Eine App, die anzeigt, an welchen Bahnstationen die Aufzüge kaputt sind, hilft Müttern mit Kinderwagen ebenso wie Menschen im Rollstuhl. Sich Formulare vorlesen zu lassen, erleichtert Blinden ebenso den Alltag wie älteren Menschen, deren Augen nachlassen. Wenn dann noch mittels Spracherkennung geantwortet werden kann, das Formular nicht mehr zur Post gebracht werden muss, sondern online verschickt werden kann, dann kann das für alle Menschen von Nutzen sein. Wichtig ist, dass dem Betroffenen die Wahl bleibt, ob er sich lieber zu Hause das Formular vorlesen lässt – gegebenenfalls so lange, bis er das Gefühl hat, alles verstanden zu haben – oder sich lieber von einem Mitarbeiter der örtlichen Eingliederungshilfe direkt beraten lässt. Für Menschen mit Behinderung kann die Digitalisierung vor allem Unabhängigkeit bedeutet. Unabhängig davon, auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Teilbereiche des Lebens können mithilfe des Smartphones und den entsprechenden Apps eigenständiger gemeistert werden.

Dabei gilt es – wie immer – die Balance zu waren. Gesellschaftliche Teilhabe funktioniert zwar mehr und mehr über digitale Medien. Dadurch können aber neue Barrieren entstehen – zum Beispiel durch fehlende Bildungsangebote in Bezug auf Mediennutzung und nicht zuletzt durch fehlende technische Ausstattung.

Gesetze dienen dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu gestalten. Mit ihnen greift der Staat in alle Lebensbereiche ein und reagiert auf aktuelle soziale und wirtschaftliche Entwicklungen. Mit digitalen Anwendungen gelingt es, Menschen mit Behinderungen stärker am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.

Digitalisierung beginnt – ebenso wie Barrierefreiheit – in den Köpfen der Entscheidungsträger. In einer Welt, in der wir gemäß Art. 3 des Grundgesetzes ←48 | 49→und den Grundsätzen der UN-Behindertenrechtskonventionen niemanden ausschließen wollen, ist es deshalb unverzichtbar, sich darauf zu verständigen, die Potenziale, die die Digitalisierung für Soziale Teilhabe und Inklusion bringen kann, auch zu nutzen.

Es gilt, in einem BTHG 2.0 Brücken und Hilfestellungen zu schaffen, damit auch niemand in der digitalisierten Welt abgehängt wird.

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