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Teilhabe braucht Rehabilitation

Blicke zurück in die Zukunft

Edited By Helga Seel

Die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V. (BAR) ist der Zusammenschluss der Rehabilitationsträger. Seit 1969 fördert sie im gegliederten Sozialleistungssystem die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Die BAR koordiniert und unterstützt das Zusammenwirken der Reha-Träger, vermittelt Wissen und arbeitet mit an der Weiterentwicklung von Rehabilitation und Teilhabe. Ihre Mitglieder sind die Träger der Gesetzlichen Renten-, Kranken- und Unfallversicherung, die Bundesagentur für Arbeit, die Bundesländer, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die Sozialpartner.

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„Nichts über uns ohne uns“ – Partizipation bei der BAR und mit der BAR

„Nichts über uns ohne uns“ – Partizipation bei der BAR und mit der BAR

von Barbara Vieweg, Stellvertretende Geschäftsführerin Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e. V. (ISL)

Die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland – ISL e. V. arbeitet seit Mitte der 1990er Jahre im Sachverständigenrat der Behindertenverbände bei der BAR mit und war unter anderem auch an der Erarbeitung einiger Gemeinsamer Empfehlungen beteiligt.

Eine Mitarbeit auf Ebene der BAR war im Verband zunächst nicht unumstritten, weil wir uns als Selbstvertretungsorganisation nicht als Teil des Rehabilitationssystems verstanden haben. Zu oft wurden die unterschiedlichen Sichtweisen beider Seiten deutlich. Die jahrzehntelange Tradition der bundesdeutschen Behindertenhilfe ist von Sondereinrichtungen gekennzeichnet, die kaum die Selbstbestimmung behinderter Menschen förderten. Menschen mit Behinderungen machten die Erfahrung, dass ihre beantragten Leistungen nicht bewilligt wurden oder sie bei der Antragsbegründung einen großen Rechtfertigungsdruck spürten.

Für eine Mitarbeit bei der BAR war dann schließlich die Erkenntnis ausschlaggebend, dass eine Nichtbeteiligung von Expert*innen in eigener Sache auch keine Lösung darstellt, wenn es um wichtige Themen der Rehabilitation geht. Im Mittelpunkt des Rehabilitationsgeschehens steht der Mensch mit Behinderung, eine wirkungsvolle Beteiligung der Verbände behinderter Menschen an Gemeinsamen Empfehlungen ist damit geradezu unverzichtbar.

Wie sollen Leistungen ausgestaltet sein, damit sie das Leben behinderter Menschen eigenverantwortlicher, bedarfsdeckender und selbstbestimmter ermöglichen? Expert*innen in eigener Sache können und müssen hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. In vielen Beratungen auf Ebene der BAR konnte so auch die menschenrechtliche Sicht von Behinderung vermittelt werden. Menschen mit Behinderungen sind Inhaber*innen von Rechten, die durch einen an der Person ausgerichteten Rehabilitationsprozess verwirklicht werden müssen.

Schon mit dem Sozialgesetzbuch IX im Jahre 2001 wurden sowohl die Rolle der BAR als auch die Beteiligungsrechte von Organisationen der Menschen mit ←187 | 188→Behinderungen gestärkt. „Nichts über uns ohne uns“ wurde in einigen Gemeinsamen Empfehlungen praktisch realisiert. Durch die Beteiligung der Expert*innen in eigener Sache konnten damit auch die unterschiedlichen Interessenslagen der Träger der Rehabilitation und der Verbände behinderter Menschen deutlich gemacht werden und damit zu neuen Erkenntnissen und Ergebnissen führen.

An dieser Stelle sollen einige Maßstäbe setzende Gemeinsame Empfehlungen genannt werden: Selbsthilfeförderung, Persönliches Budget, Unterstützte Beschäftigung. Bereits in den 1990er Jahren wurde auf Initiative der BAR die berufliche Rehabilitation behinderter Frauen aufgegriffen und gemeinsam mit den Verbänden behinderter Menschen ein Schulungskonzept entwickelt.

Die Beteiligungsrechte wie sie mit dem SGB IX entstanden sind, führten auch zu einem gewachsenen Selbstbewusstsein der Verbandsvertreter*innen in den Beratungen. Konfliktpunkte wurden offen angesprochen. So hat der Sachverständigenrat der Behindertenverbände ein Urteil aus dem Jahr 2013 zum Anlass genommen, eine Stellungnahme zum Wunsch- und Wahlrecht behinderter Menschen zu erarbeiten. Dieses muss im Rahmen des Rehabilitationsprozesses durchgängig beachtet werden, nur dann steht der Mensch mit Behinderung im Mittelpunkt und die Leistung kann personenzentriert erfolgen.

Partizipation ganz praktisch – mit dem Bundesteilhabegesetz wurden die Aufgaben der BAR geschärft:

„ (…) Förderung der Partizipation Betroffener durch stärkere Einbindung von Selbsthilfe- und Selbstvertretungsorganisationen von Menschen mit Behinderungen in die konzeptionelle Arbeit der BAR und deren Organe…“ (§ 39, Abs. 7 SGB IX).

Mit der Neukonzeption des Sachverständigenrates der Behindertenverbände zu einem Sachverständigenrat Partizipation wurden zunächst begrifflich die Weichen gestellt. Eine Einbindung in die konzeptionelle Arbeit der BAR hebt die Partizipation auf eine neue Stufe. Nunmehr geht es nicht nur um die Mitarbeit bei Gemeinsamen Empfehlungen, sondern auch um die Einflussnahme auf neue Vorhaben der BAR. Ein gelungenes Beispiel aus jüngster Vergangenheit sind die trägerübergreifenden Beratungsstandards der Rehabilitationsträger. Hier haben die Vertreter*innen der Verbände behinderter Menschen wichtige Impulse aus ihrer langjährigen Beratungserfahrung einfließen lassen können. Vor allem die Beratung nach der Methode des Peer Counseling sei hier hervorgehoben. Diese Beratungsstandards sind jetzt auch für die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung von großem Interesse.

Die Einbeziehung behinderter Expert*innen zeigt sich auch an ihrem praktischen Einsatz als Referent*innen in den Seminarangeboten der BAR. Mit einem ←188 | 189→Beitrag zum Beispiel unter dem Titel „Das SGB IX aus Sicht von Menschen mit Behinderungen“ können deren Erfahrungen und Forderungen in die Weiterbildung von Mitarbeiter*innen der Rehabilitationsträger eingebracht werden und so einen wichtigen Beitrag für eine menschenrechtsbasierte Behindertenhilfe leisten.

Damit setzt die BAR den Grundsatz „Nichts über uns ohne uns“ konsequent um.

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