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Genuss und Arbeit im Angestelltenroman

Von Irmgard Keun bis Elfriede Jelinek

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Lucas Alt

Ist ‚gutes Leben‘ im Kapitalismus möglich? Diese Frage verhandeln Angestelltenromane seit ihrer Entstehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die vorliegende Studie analysiert das Spektrum zwischen Müssen und Muße, Lust und Frust, Arbeit und freier Zeit vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Verwertungsmoral. Die interdisziplinäre Darstellung verbindet dabei Ergebnisse der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und ermöglicht einen Einblick in die paradoxen Psychodynamiken moderner Arbeitsverhältnisse.

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4. Hedonismus

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Es mag mit dichterischem Überschwang gesagt sein, aber im Grunde ist es uns wirklich beschieden wie wohl allem, was da kreucht und fleucht: „Zu taumeln von Begierde zu Genuß und im Genuß zu schmachten nach Begierde“266

Dass wir in hedonistischen Zeiten leben, kann mittlerweile getrost als angestaubter Allgemeinplatz gelten.267 An der stets kritisch vorgetragenen Überzeugung, spätkapitalistische Gesellschaften seien in erster Linie glücks-, spaß- und konsumorientiert, materialistisch und säkularisiert auf das irdische Leben ausgerichtet, während ihre Mitglieder politisches und gesellschaftliches Engagement vermissen ließen, änderten auch die Verkündungen zum „Ende der Spaßgesellschaft“, wie sie etwa durch Peter Scholl-Latour oder Peter Hahne pünktlich zum angebrochenen Jahrtausend vorgenommen wurden, nur wenig.268 Erfrischend wirken im Angesicht eines kritisch vom fortwährenden Genießen und Konsumieren der Massen überzeugten Pressespiegels Figuren wie Robert Pfaller oder Michel Onfray, die sich vornehmen, die Idee von der Lust als höchstes Lebensziel eloquent und publikumswirksam zu reflektieren und salonfähig zu machen. Auf den ←91 | 92→Vorwurf, Hedonismus sei unpolitisch, reagiert insbesondere Pfaller, indem er das Genießen selbst zum Politikum erklärt.269

Systemisch gesehen vermag Pfaller mit seinem Aktualisierungsversuch hedonistischer Philosophie vor allem deshalb Gehör zu finden, weil er auf ein schwerwiegendes Unbehagen im angeblichen gegenwärtigen Hedonismus verweist und damit zunächst eine Art Mittlerposition zwischen der „Spaßgesellschaft“ und ihren Kritikern einnimmt. Indem er ausführt, dass westliche Gesellschaften es tatsächlich verlernt hätten, die Frage danach zu...

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