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Eine Promenadologie des Anti-Helden in der Literatur

Erzähltexte von Joseph von Eichendorff, Robert Walser, Thomas Bernhard, Peter Handke und Wilhelm Genazino

Kyungmin Kim

Anti-Helden stellen modellhaft die Auseinandersetzung mit der eigenen, oft problematischen Lebenssituation im sozialen Aspekt des Außenseitertums dar. Mit individuellen menschlichen Schwächen bieten solche Figuren Einblicke in Gedanken, Handlungsmotive und Phantasien. Hieran können Erzählungen dann interessante Wahrnehmungsmodelle exemplifizieren. Für die Protagonisten der ausgewählten Erzähltexte bedeutet das Gehen eine Art Therapie, weil es das Denken als Auseinandersetzung mit dem Selbst stimuliert. Beim Gehen reflektieren sie mit ihren Lebenssituationen ihre bedrohten Identitäten, aber auch Möglichkeiten, neue Poetologien zu entdecken.

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1 Einleitung

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Auch wenn Anti-Helden als Gegenentwürfe zum Helden konzipiert sind, insofern sie das Handlungsmotiv oder die Tat ins moralisch Verwerfliche, Kritisierbare, Lächerliche und Absurde verkehren, ist die Oppositionsstellung von Held und Anti-Held in der Literatur nicht immer strikt durchgehalten. Eher ist das Präfix ‚Anti-‘ plakativ zu verstehen:1 Als Gegenreaktion zum eindimensional idealisierten, heldenhaften Vorbild trägt der Anti-Held dann meist der fortschreitenden Individualisierung der modernen Gesellschaft Rechnung2 und verkörpert die Vielschichtigkeit der Realität.3 Der Anti-Held figuriert somit modellhaft die Auseinandersetzung mit der eigenen komplexen, oft problematischen Lebenssituation. Mit seiner Fehlbarkeit besitzt er die Attraktivität des Normalen, womit sich die Leser oder Betrachter leichter identifizieren können als mit dem Heldenhaften, und damit ist der Anti-Held eher als folgerichtige Weiterentwicklung des klassischen Helden zu sehen.4 Das Bedürfnis nach solch realistischen Identifikationsbildern wuchs zwar fortlaufend mit der Individualisierung der Gesellschaft; seit den 1960er Jahren erfuhren Anti-Helden aber einen deutlichen Aufschwung, der sich bis heute stetig hält. Dadurch ist ihre große typologische Vielfalt zu erklären, zu der es jedoch bisher kaum eingehende Untersuchungen gibt.5

Zu den signifikanten Eigenschaften des Anti-Helden zählen vor allem seine Erfolglosigkeit, die zu einem Bruch mit der Gesellschaft führt, sowie ←11 | 12→sein Unvermögen, diese Situation zu verbessern, wodurch er sich als erstrebenswertes Vorbild disqualifiziert. Eine umfassende Analyse soll jedoch zeigen, dass Anti-Helden über die einfache Identifikation hinaus einen wertvolleren Sinn besitzen, denn trotz – oder gerade aufgrund – ihrer individuellen menschlichen Schwächen...

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