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Eine Promenadologie des Anti-Helden in der Literatur

Erzähltexte von Joseph von Eichendorff, Robert Walser, Thomas Bernhard, Peter Handke und Wilhelm Genazino

Kyungmin Kim

Anti-Helden stellen modellhaft die Auseinandersetzung mit der eigenen, oft problematischen Lebenssituation im sozialen Aspekt des Außenseitertums dar. Mit individuellen menschlichen Schwächen bieten solche Figuren Einblicke in Gedanken, Handlungsmotive und Phantasien. Hieran können Erzählungen dann interessante Wahrnehmungsmodelle exemplifizieren. Für die Protagonisten der ausgewählten Erzähltexte bedeutet das Gehen eine Art Therapie, weil es das Denken als Auseinandersetzung mit dem Selbst stimuliert. Beim Gehen reflektieren sie mit ihren Lebenssituationen ihre bedrohten Identitäten, aber auch Möglichkeiten, neue Poetologien zu entdecken.

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5 Fazit

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Die in dieser Arbeit untersuchten Anti-Helden zeichnen sich dadurch aus, dass sie aus gesellschaftlicher Sicht erfolglos sind und deshalb in einem schwierigen Verhältnis zu ihrer Umwelt stehen. Doch statt erfolgversprechende Bemühungen für eine harmonische Entwicklung anzugehen, verharren sie scheinbar in ihrer unglücklichen Lebenssituation und werden im Wesentlich nur aktiv, wenn sie sich dem Gehen widmen.

Der Protagonist in Joseph von Eichendorffs Erzählung Aus dem Leben eines Taugenichts verhält sich müßiggängerisch, da er skeptisch gegenüber allem bürgerlichen und aufklärerischen Nützlichkeitsgedanken eingestellt ist. Der Text verweigert sich einerseits in romantischer Absicht der philiströsen Arbeitsethik und andererseits der programmatischen Festlegung als utopischer Gegenentwurf des Müßiggängers.706 So flüchtet der Taugenichts vor dem väterlichen Vorwurf, nur faul herumzuliegen statt ihm bei der Arbeit zu helfen, und er geht spontan in die Welt hinaus, um dort sein Glück zu finden. Nur seine Geige als Gepäck mitführend, nimmt er sich auf seiner Wanderung die Freiheit für seine einzige Leidenschaft, das Musizieren. Er macht an verschiedenen Stationen halt und findet immer wieder zufällig Gelegenheiten, sich mit einer ordentlichen Arbeit niederzulassen, beispielsweise als Gärtner in einem Schloss. Doch obwohl er damit mehr Geld verdient, als er zum Essen und Trinken benötigt, verbindet er damit keine stabile Erfüllung. Vielmehr beklagt er, dass er „leider ziemlich viel zu tun“ habe und stattdessen gerne in den Gartenanlagen „herumspazieren“ (AdLeT, S. 13) würde....

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