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Pikareske Ökonomie – Grimmelshausens «Der seltzame Springinsfeld» im diskursiven Kontext des 17. Jahrhunderts

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Malte Kleinjung

Am Beispiel von Grimmelshausens Der seltzame Springinsfeld entfaltet diese Studie die These, dass Schelmenromane ein Drittes der Ökonomie zur Darstellung bringen können, das neben der Haushaltsführung und dem Marktgeschehen keinen Platz im gelehrten Diskurs hat. Allerdings hängt dieses Dritte mit Kontexten zusammen, die in der historischen Rückschau nicht unbedingt auf Anhieb als ökonomisch erscheinen. Um diese Kontexte in den Blick zu bekommen, stützt sich die Studie auf eine kritische Adaptation des sogenannten New Historicism. Dabei zeigt sich, dass in Grimmelshausens Roman nicht nur einschlägige Wissenselemente zu einem buntscheckigen Tableau zusammengefügt sind, sondern darüber hinaus das Erzählen und Schreiben selbst ökonomisiert wird.

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8. Ausblick: Poetik der „Begierden“ im Wunderbarlichen Vogel-Nest

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Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung weisen über den Springinsfeld hinaus. Das soll zum Abschluss ein Ausblick auf den ersten Teil des Wunderbarlichen Vogel-Nests illustrieren,645 der 1672, also zwei Jahre nach dem Springinsfeld, erscheint. Der Ausblick greift die bisherigen Ergebnisse punktuell auf, um sie in zweierlei Hinsicht fortzuführen und auszubauen.646 Zum einen wird die Analyse des Vogel-Nests zeigen, dass Ökonomie auch in diesem Roman Grimmelshausens zentrale Bedeutung hat.647 Sie ist der Schlüssel zu seinem Verständnis. Der Stellenwert, den die Ökonomie genießt, ist zum anderen mit einer Logik des Aufschubs verknüpft, wie sie bereits im Springinsfeld an mehreren Beispielen nachgezeichnet werden konnte. Diese Logik fundiert die Poetik des Vogel-Nests. Der Roman beruht, um es mit einem seiner eigenen Worte zu sagen, auf einer Poetik der „Begierden“, deren Erfüllung immer wieder hinausgeschoben wird.648

Insgesamt elfmal ist von „Begierden“ im Text die Rede. Es kommt zudem noch eine große Zahl von Stellen hinzu, an denen es nicht wortwörtlich, sondern strukturell um sie geht. Allein die augenfällige Häufung des Lexems gibt Anlass zur Vermutung, dass die „Begierden“ eine wichtige Funktion im Roman erfüllen. In der Literaturwissenschaft ist der synonyme Begriff des ‚Begehrens‘ zu einer ←239 | 240→gängigen analytischen Kategorie avanciert. Allerdings hat der Begriff in dieser Funktion seine Tücken, weil er, so das Resümee Susanne Reichlins, „auch als literaturwissenschaftlicher Terminus durch die Psychoanalyse geprägt ist und tendenziell universalisierende und ahistorische Konnotationen mit sich führt“.649 Daraus...

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