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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

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Norm und Hybridität in der Kulturgeschichtsschreibung des Settecento. Überlegungen zur Periodisierung von Mittelalter und Renaissance bei Girolamo Tiraboschi: (Susanne Tichy (Marburg))

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Susanne Tichy (Marburg)

Norm und Hybridität in derKulturgeschichtsschreibung des Settecento.Überlegungen zur Periodisierungvon Mittelalter und Renaissancebei Girolamo Tiraboschi

Tiraboschis Storia della letteratura italiana (Modena 1772–82)1 gilt als Höhepunkt der italienischen Literaturgeschichtsschreibung des Settecento und stellte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine unerlässliche Informationsquelle dar.2 Methodisch war das monumentale Werk jedoch bald überholt. Die Romantik trug neue Fragestellungen an Literatur heran, wie die Gesetzmäßigkeiten historischer Entwicklung, die Wechselbeziehungen mit dem gesellschaftlichen und politischen Kontext oder ihre Bedeutung für die nationale Identität, und machte Tiraboschi die ausufernde Präsentation bloßer Gelehrsamkeit zum Vorwurf. Symptomatisch ist das Urteil Foscolos, die Storia sei ein «Archivio ordinato e ragionato di materiali, cronologie, documenti e disquisizioni per servire alla storia letteraria d’Italia».3

Dem Text liegt ein zeittypisch weiter Literaturbegriff zu Grunde, so dass es sich nach heutigem Verständnis eher um eine Kulturgeschichte handelt.4 Der ←73 | 74→Begriff letteratura umfasst die Gesamtheit der Gelehrsamkeit und des Schrifttums, inklusive des naturwissenschaftlichen, dazu kommen die bildenden Künste. Auch die chronologische Ausdehnung ist immens, da der Autor Italien rein geographisch definiert, mit den ältesten damals bekannten Quellen aus etruskischer Zeit beginnt, die römische Antike ausführlich berücksichtigt und die Darstellung bis 1700 fortführt. Auf die Präsentation des eigenen Jahrhunderts verzichtet er, da nur aus zeitlicher Distanz ein angemessenes Urteil möglich sei, hebt jedoch Muratori, Maffei und Zeno als herausragende Vertreter hervor.

Während Tiraboschis...

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