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Italienische Literatur im Spannungsfeld von Norm und Hybridität

Übergänge – Graduierungen – Aushandlungen

Edited By Barbara Kuhn and Dietrich Scholler

Traditionell gelten die Begriffe Norm und Hybridität in der Literaturwissenschaft als Gegensatzpaar: Normen, wie sie seit der Antike und bis in die Frühe Neuzeit in Regelpoetiken festgehalten oder anderweitig definiert sind, werden im historischen Prozess mittels Hybridisierungen auf verschiedenen Ebenen aufgeweicht oder gebrochen, so dass sich die Hybridität spätestens in der Epoche der Romantik als neue Norm durchsetzt. Dagegen zeigen die hier versammelten Studien, dass sich die italienische Literatur einer solch eindeutigen Zuordnung entzieht. Es zeichnet sich ein von intrikaten Graduierungen und entsprechenden Aushandlungsprozessen geprägtes Spannungsfeld ab, das auf die grundsätzliche Übergänglichkeit der literarischen Rede weist: Sie ist stets unterwegs zu dem, was sie meint.

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Novellistisches Erzählen. Norm, Affekt und narratio bei Verga und Pirandello: (Dagmar Stöferle (München))

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Dagmar Stöferle (München)

Novellistisches Erzählen. Norm, Affekt undnarratio bei Verga und Pirandello

Novellen unterhalten ein intrikates Verhältnis zu Fragen der Normativität. Einerseits ‹niederste› und vermeintlich anti-aristotelische Gattung,1 für die die offiziellen Poetiken keinen wirklichen Platz haben, wird andererseits ein Anspruch höchster erzählerischer Kunstfertigkeit an sie herangetragen. In ihrer Beschreibung konkurriert der Vergleich mit dem Roman (in Bezug auf den Umfang) mit dem des Dramas (in Bezug auf ‹Konflikt› und ‹Höhepunktstruktur›).2 Ferner wird die Novelle als buchstäblich ‹neue Gattung›, als unantik und charakteristisch für Mittelalter und Neuzeit angesehen, was aber kein Hindernis darstellt, sie zugleich als ‹Urform des Erzählens› in den Blick zu nehmen. Tzvetan Todorov zum Beispiel, Erfinder des Begriffs der Narratologie, entwirft 1969 seine ‹Erzählgrammatik› am Beispiel von Boccaccios Decameron.3 Im definitorischen Bemühen kommt man, salopp gesagt, kaum über Goethes ‹unerhörte Begebenheit› hinaus – sie allerdings scheint unumstritten zu sein. Die Neuheit, das Neue, das noch nicht Gehörte, nie Gelesene, gehört zur Novelle, was immer man je genau darunter versteht.

Boccaccios Novellen wären in diesem Zusammenhang vermutlich weniger als gattungs- denn als diskursbegründend anzusehen. Dabei ist an die Gleichursprünglichkeit der Novelle als literarischer Gattungsbegriff mit der Institutionalisierung der Rechtswissenschaft im ausgehenden Mittelalter zu denken. Begrifflich verweist die literarische Novelle auf die Gesetzesnovelle, die – wie im iustinianischen Corpus iuris civilis – im Gegensatz zum überlieferten Gesetzescodex den Bereich der neu erlassenen novellae bezeichnet.4 Auch...

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