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Begehren, Angst – und nüchterne Vernunft: Epikureische Psychologie und Ethik nach griechisch-römischen Texten

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Christoff Neumeister

Ausgewählte Passagen aus Texten griechischer und römischer Autoren führen die Grundgedanken der epikureischen Psychologie und Ethik vor. Deren zentrale Themen waren zum einen die verschiedenen Formen menschlichen Begehrens einschließlich des Sexuellen, zum anderen rationale und irrationale Ängste sowie der vernünftige Umgang mit ihnen. In diesem Zusammenhang entstand auch eine eigene Theorie der Wahrnehmung und Begriffsbildung, des Erkennens und des Handelns. Außerdem entstand eine detaillierte Rekonstruktion der Entwicklung, die die Menschheit in sozialer und technischer Hinsicht durchlaufen haben könnte. Dabei wurde der Herausbildung der menschlichen Sprachfähigkeit eine besonders wichtige Rolle zugewiesen. Das Buch möchte den Systemcharakter dieser Philosophie deutlich machen, soll aber auch der nichtfachlichen Leserschaft durch Neuübersetzungen einen Eindruck von der hohen literarischen Qualität der zum großen Teil dichterischen Quellentexte vermitteln.
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8. Tod, Zeitlichkeit, Sterblichkeit

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Im vorigen Kapitel war von Handlungsentscheidungen die Rede, die in einer bestimmten Situation getroffen werden, und von den Faktoren, durch die sie bestimmt werden. Jetzt soll im Unterschied dazu das allgemeine Lebensgefühl, vor dem als Hintergrund sich all solches menschliches Verhalten und Handeln vollzieht, Thema sein. Es wird nach epikureischer Auffassung vor allem durch das menschliche Bewusstsein der eigenen Zeitlichkeit bestimmt: Ein Mensch ist im Gegensatz zum Tier oder jedenfalls in höherem Grade als dieses fähig, über die gegenwärtige Situation hinauszudenken, d.h. an Vergangenes zurückzudenken und es sich aus der Erinnerung heraus zu „vergegenwärtigen“, und sich „vorwegnehmend“ in der Zukunft Mögliches vorzustellen. Beides ist in der Regel von Gefühlen begleitet, entweder lustvollen oder schmerzlichen: Die Erinnerung an Vergangenes kann, eben weil es unwiederbringlich vergangen ist, melancholisch sein; oder aber, wenn es unangenehm war, erleichtert, weil es inzwischen überstanden ist, oder auch, wenn es angenehm war, dankbar (eine grata recordatio), eben weil es schön gewesen war. Und die Vorwegnahme von in der Zukunft Möglichem kann angst- oder hoffnungsvoll sein. Ein Zukünftiges allerdings ist für den Menschen nicht nur möglich, sondern gewiss: der Tod, und deshalb wird er, wenn er sich dessen bewusst ist, d.h. es weder vergisst noch verdrängt, nicht nur seiner Zeitlichkeit, sondern immer wieder auch seiner Sterblichkeit bewusst sein: Er weiß zwar nicht, wann er sterben wird, aber weiß, dass das früher oder später mit Sicherheit der Fall sein wird. Man kann schon...

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