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Nach London!

Der Modernisierungsprozess Englands in der literarischen Inszenierung von Georg Christoph Lichtenberg, Heinrich Heine und Theodor Fontane

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Robert Radu

England war im 18. und 19. Jahrhundert mehr als nur ein Königreich am Rande Europas: Es war das Land der «Industriellen Revolution», fortschrittlich im Technischen, vorbildlich im Politischen, mit einer Weltmetropole zur Hauptstadt. Für viele deutsche Intellektuelle verkörperte es daher nicht nur ein «Anderes», sondern die Zukunft der Moderne überhaupt. Diese Arbeit geht der Frage nach, wie die Englandreisenden Lichtenberg, Heine und Fontane die Umbrüche am Beginn der europäischen Moderne sprachlich inszenieren und reflektieren. Sie zeichnet dabei vor allem auch den nach der Französischen Revolution einsetzenden kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Wandel nach von einem anglophilen Fortschrittsoptimismus hin zu einer Kritik des englischen Weges in die Moderne und seiner, vor allem sozialen, Unkosten.

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II. URBANISIERUNG UND PAUPERISMUS 25

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25 II. URBANISIERUNG UND PAUPERISMUS 1. Großstadt Das, was Georg Christoph Lichtenberg befällt, als er nach fünfzehntätiger Reise am 9. April 1770 in London eintrifft, dürfte einem Kulturschock gleichgekom- men sein.55 Die Millionen-Stadt hatte ihn geradezu überwältigt.56 Seine ersten Eindrücke dieser „ungeheuern Stadt“57 schildert er seinem Göttinger Kollegen Christian Gottlob Heyne wenige Tage später in einem Brief: „Es ist unglaublich was die Menge von neuen Gegenständen, die ich nicht sogleich immer in meinem Kopf unterzubringen wußte, für eine Würkung auf mich gehabt hat. Ich vergaß immer über das letzte das erste völlig und lebe noch jetzo würklich in einer solchen Verwirrung, daß ich mich, da ich sonst mit kleinen Stadtneuigkeiten Bogen anfüllen könnte, in großer Verlegenheit befinde, aus London und aus dem Wust von Dingen die ich sagen könnte, so viel klar zu bekommen, als zu einem kleinen Brief nö- tig ist.“58 „Verwirrung“ äußert sich als mentale Reaktion Lichtenbergs in der Konfronta- tion mit London, gefolgt von „großer Verlegenheit“, als es um den vergeblichen Versuch geht, den „Wust der Dinge“ analytisch zu durchdringen, ihn zu ordnen und ihn in eine Sprache zu übersetzen, die dem Göttinger Adressaten bisher nie Gesehenes, „die Menge von neuen Gegenständen“, begreifbar macht. Das Ein- zige, was Lichtenberg danach hervorzubringen vermag, ist eine Kaskade hypotaktisch aneinandergereihter Aufzählungen, um die sich das Prädikat des Satzes in ungelenker Sperrstellung legt:...

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