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Nach London!

Der Modernisierungsprozess Englands in der literarischen Inszenierung von Georg Christoph Lichtenberg, Heinrich Heine und Theodor Fontane

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Robert Radu

England war im 18. und 19. Jahrhundert mehr als nur ein Königreich am Rande Europas: Es war das Land der «Industriellen Revolution», fortschrittlich im Technischen, vorbildlich im Politischen, mit einer Weltmetropole zur Hauptstadt. Für viele deutsche Intellektuelle verkörperte es daher nicht nur ein «Anderes», sondern die Zukunft der Moderne überhaupt. Diese Arbeit geht der Frage nach, wie die Englandreisenden Lichtenberg, Heine und Fontane die Umbrüche am Beginn der europäischen Moderne sprachlich inszenieren und reflektieren. Sie zeichnet dabei vor allem auch den nach der Französischen Revolution einsetzenden kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Wandel nach von einem anglophilen Fortschrittsoptimismus hin zu einer Kritik des englischen Weges in die Moderne und seiner, vor allem sozialen, Unkosten.

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III. POLITIK UND PARLAMENTARISMUS 53

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53 III. POLITIK UND PARLAMENTARISMUS 1. Politisches System und politische Werte Die im 18. Jahrhundert unter deutschen Intellektuellen weit verbreitete anglophi- le Grundhaltung speiste sich in überwiegendem Maße von der Vorstellung, dass politische und gesellschaftliche Freiheit am stärksten in England verwirklicht worden sei.113 Es waren dabei neben populären Reiseberichten nicht zuletzt die Schriften der französischen Frühaufklärer, die, in Deutschland rezipiert, wesent- lich dazu beitrugen, den Topos von England als einem Land der Freiheit wirk- mächtig im Diskurs der Aufklärung zu plazieren. Zwei Werke von weitreichen- dem Einfluss waren dabei Montesquieus De l’esprit de loix (1748), das die englische Gewaltenteilung betonte, und Voltaires Lettres philosophiques ou Lettres écrites de Londres sur les Anglais (1734/35), in denen England gelobt wurde als das einzige Land, in dem es gelungen sei, die königliche Macht einzu- schränken.114 Der Englandaufenthalt geriet so für viele Besucher zwangsläufig zu einer „Bildungsexkursion in Sachen Politik“.115 Das Jahr 1789 markiert hierbei nicht nur in politischer, sondern auch in men- talitätsgeschichtlicher Hinsicht eine tiefgreifende Zäsur. Die naturrechtlich fundierte Menschen- und Bürgerrechtserklärung der Französischen Revolution ließ die evolutionär aus den ursprünglich ständischen Freiheiten und besonderen Privilegien hervorgegangenen Grundrechte des englischen Bürgers als zurück- geblieben erscheinen. So führte die Begeisterung für die Ideale der franzö- sischen Revolution bei fortschrittlichen Intellektuellen und vielen politischen Publizisten zu einem jähen Zusammenbruch der vorrevolutionären Anglophilie. Angesichts der vielfach angestrengten...

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