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Psychoanalyse und Freiheit

Susann Heenen-Wolff

In diesem Band wird auf zentrale Konzepte Freuds zurück verwiesen, die in der zeitgenössischen Psychoanalyse zunehmend in den Hintergrund geraten sind. Die Autorin arbeitet diesen Paradigmenwechsel heraus, geht aber auch auf den unverzichtbaren und bleibenden Wert der Freudschen Metapsychologie ein. «Penisneid» und «Todestrieb» werden in ihrer Relevanz für die alltägliche Praxis deutlich gemacht, das spezifische analytische Zuhören, die Geschwisterbeziehung metapsychologisch verortet. Vor dem Hintergrund klinischer gruppenanalytischer Erfahrungen werden Überlegungen zu «Identität und Antisemitismus» angestellt. Zahlreiche Fallbeispiele verbinden die metapsychologischen Theorien mit der klinischen Erfahrung.

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III. Kleine Metapsychologie des analytischen Zuhörens 44

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44 III. Kleine Metapsychologie des analytischen Zuhörens Die spezifische Qualität des abwartenden, gleichschwebend aufmerksamen Zuhörens ist in der Psychoanalyse in den letzten Jahrzehnten wenig beachtet worden. Freudsche Begriffe wie „gleichschwebende Aufmerksamkeit“, „Neutralität“, „freie Assoziation“ sind mit der aktuellen Konzipierung der Psychoanalyse als Beziehung zweier Subjekte nicht nur mehr oder weniger verschwunden, sondern geradezu in Verruf geraten. Ich möchte dem hier entgegentreten, indem ich auf das Potential von Assoziieren und Zu- hören mit gleichschwebender Aufmerksamkeit zurückkomme. Freud hatte mit der Entwicklung der analytischen Methode – freies Sprechen des Patienten, gleichschwebende Aufmerksamkeit des Therapeuten – etwas radikal Neues geschaffen, dabei aber letztlich auf bekannte Phänomene rekurriert: Dostojewski hatte bereits 1863 in seinen „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ folgende Sätze notiert: In den Erinnerungen eines jeden Menschen gibt es Dinge, die er nicht allen mitteilt, sondern höchstens seinen Freunden. Aber es gibt auch Dinge, die er nicht einmal den Freunden aufdeckt, sondern nur sich selbst, und auch das nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Schließlich aber gibt es auch noch Dinge, die der Mensch sogar sich selber zu sagen fürchtet, und solcher Dinge sammelt sich bei jedem anständigen Menschen eine ganz beträchtliche Menge an. Und zwar läßt sich noch folgendes sagen: je mehr er ein anständiger Mensch ist, desto mehr wird es solcher Dinge bei ihm geben (Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Untergrund, 1863/64, zitiert nach Reik, [1948], 1976, S. 107). Diese geheimen Gedanken sich sprechend vergegenwärtigen, hat zunächst...

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