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Idylle und Tragik im Spätwerk Goethes

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Annette Schneider

Die vorliegende Untersuchung zeigt, daß die Konstellation von Idylle und Tragik nicht nur als Schlüssel für die strukturgesetzliche Eigenart des goetheschen Spätwerks dient, sondern darüberhinaus seinen literaturgeschichtlichen Ort zu kennzeichnen vermag. Die beiden einleitenden Kapitel erstellen durch einen knappen Überblick über die geschichtlichen Wandlungen des Idyllischen und Tragischen die historisch-poetologischen Voraussetzungen, um die spezifische Art ihrer Verschränkung im goetheschen Spätwerk prägnant hervortreten zu lassen. Dessen Analyse bildet den Schwerpunkt der Untersuchung, die, neben den lyrischen Einzelzyklen, den Modifikationen des Idyllischen und Tragischen in drei, jeweils eine Gattung repräsentierenden, Werken nachgeht: dem Roman «Die Wahlverwandtschaften», der Lyrik des «West-östlichen Divan» und der «Faust-II»-Tragödie. Dabei stehen «Divan» und «Faust» komplementär zueinander: Während jener als Idylle im Zentrum das Tragische birgt, ist es in der Faust-Tragödie die Idylle, die die Schnittstellen der dramatischen Struktur, Krisis und Verwandlung, markiert. «Die Wahlverwandtschaften» nehmen eine Sonderposition ein: in ihnen wird die Idylle, Arkadien, als immer wieder verfehlte Intention in ihrer Abwesenheit thematisch.

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3 LYRISCHE ZYKLEN

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»Immer wiederkehrt das Thema der Spren- gung der Idylle durch deren Selbst-Transzen- denz. Es wird als Frage zu interpretieren sein.«1 3.1 EINLEITUNG Die Schwelle zum Spätwerk markieren die Jahre zwischen 1805 und 1809. 1805 stirbt Schiller, 1809 fängt Goethe an, seine Autobiographie zu schreiben. In diesen Zeitraum fällt auch die intensive Arbeit an der »Farbenlehre«, der Beginn der Arbeit am Roman »Wilhelm Meisters Wanderjahre« in Form der Rahmen- erzählung und der Ausarbeitung verschiedener Novellen bzw. Märchen.2 Das Festspiel »Pandora«, das jedoch zugunsten der Arbeit an den »Wahlverwandt- schaften« – ursprünglich als Novelleneinlage zu den »Wanderjahren« geplant –, abgebrochen wird und der lyrische Zyklus der »Sonette« entstehen 1807/1808, um nur einige Schwerpunkte der dichterischen Tätigkeit Goethes zu nennen. Nachdem das Alterswerk, vor allem die Lyrik, lange im Schatten des Frühwerks, der Dichtung des »Sturm und Drang«, als ein Zeichen des »Ver- falls« abgewertet worden war, deutete sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine veränderte Haltung an. Wegweisend waren neben der frühen Studie Paul Hankamers, »Spiel der Mächte«3 (ersch. 1943), die Artikel »Alterslyrik und Altersstil« der neuen Auflage des Goethe-Handbuchs4 von Erich Trunz. Knapp und präzise charakterisierend, zeichnet er ein Bild des lyrischen Spätstils, das diesen in scharfer Abgrenzung vom Stil der frühen Lyrik als ein Phänomen sui generis hervortreten läßt. Nicht zuletzt der Kommentar der von E. Trunz heraus- gegebenen »Hamburger Ausgabe«5, der sich die Aufgabe gestellt hatte, »die goetheschen Alterswerke besonders ausführlich...

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