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Drama des Skandals und der Angst im 20. Jahrhundert: Edward Albee, Harold Pinter, Eugène Ionesco, Jean Genet

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Mine Krause

Bis heute ist der Begriff Theater des Absurden, den Martin Esslin 1961 in seinem gleichnamigen Standardwerk prägte, umstritten. Als Ergänzung wird in dieser Arbeit die Bezeichnung Drama des Skandals und der Angst vorgeschlagen. Trotz unterschiedlicher kultureller Hintergründe beobachten Edward Albee, Harold Pinter, Eugène Ionesco und Jean Genet den gleichen Werteverfall und stellen diesen auf der Bühne zur Schau. Für den Zusammenbruch der staatlichen, familiären und religiösen Ordnung sorgen in ihren Stücken Eindringlinge, die ihre Opfer mit dem metaphysischen Skandal der freien Wahl konfrontieren. Dadurch lösen sie bei den orientierungslosen Figuren existentielle Ängste und Verdrängungsmechanismen aus. Ein Reifen am Absurden im Camus’schen Sinne wird so unmöglich.

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2. Allgegenwart des metaphysischen Skandals 67

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67 2. Allgegenwart des metaphysischen Skandals Der traditionelle Skandal, wie er im vorangegangenen Kapitel vorgestellt wurde, setzt eine bestehende Ordnung voraus, gegen die rebelliert werden kann. Kaum gelten jedoch die Richtlinien, die früher durch staatliche Ideologien, familiäre Strukturen oder die Religion vorgegeben wurden, nicht mehr, bleibt keine Instanz übrig, welche dem Skandal seinen Platz außerhalb der Normen zuweisen könnte. Aus dem traditionellen ist somit ein meta- physischer Skandal geworden, der sich durch seine Allgegenwart auszeichnet, als Synonym für einen anarchieähnlichen Zustand fungiert und existentielle Ängste fördert. Diese Atmo- sphäre der Ungewissheit, in der das Motto „Nichts ist wahr, alles ist er- laubt.“ (Nietzsche 1988: 303) das einzig Verlässliche zu sein scheint, sollte den Menschen zu einem Neuanfang bewegen, ja ihn sogar dazu herausfordern, als sein eigener Schöpfer zu agieren. Anstatt dessen lässt ihn aber die neuerworbene Unabhängigkeit identitätslos, be- ziehungsunfähig und gelähmt vom Gedanken an die Sterblichkeit zurück: „[N]ous sommes condamnés à la liberté, [...], jetés dans la liberté ou, comme dit Heidegger, ,délaissés‘.“ (Sartre 1969: 541). 2.1. Zerbröckeln der Identität: „What makes you think you exist?“54 Ohne die einstigen persönlichkeitsprägenden Institutionen Staat, Familie und Kirche sind Pinters, Albees, Ionescos und Genets Figuren einer ungekannten Orientierungslosigkeit ausgesetzt, denn sie wissen nicht, worüber sie sich fortan definieren sollen. Existentialisti- schen Theorien zufolge stellt sich ihnen nun die Aufgabe, ihr Selbst neu zu entwerfen, in- dem sie...

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