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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Vorbemerkung 7

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7Vorbemerkung Ein Buch mit Brecht-Aufsätzen bedarf keiner längeren Rechtfertigung. Schließlich ist das Interesse an ihm – 50 Jahre nach seinem Tod – trotz einiger ideologiegefärbter Gegenreaktionen immer noch hellwach. Während von vielen seiner literarischen Zeitgenossen kaum noch die Rede ist, werden manche seiner Stücke weiterhin weltweit aufgeführt, seine Dramentheorien als praktikabel hingestellt und seine Gedichte als Musterbeispiele einer lyrischen Verein- fachung gelobt, die kaum zu überbieten ist. Und zwar geschieht dies nicht nur in irgendwelchen linken Nischen, sondern auch mitten in der heutigen ins Massenmediale verflachten Eventkultur, wo man es gar nicht vermuten würde. Vor allem wenn hinter dem bunten Flitter der marktwirtschaftlichen Rekla- mewelt von Zeit zu Zeit jene dunklen Wolken aufziehen, in denen sich neue ökonomische Krisen zu erkennen geben, bekommen Brechts Warnungen vor den verheerenden Folgen der „Großen Unordnung“, wie er die kapitalistische Wirtschaftsordnung charakterisierte, plötzlich eine bestürzende Aktualität. Nun, nicht alle Folgerungen, die er aus solchen Warnungen zog, sind heute noch bedenkenswert. Aber die „Haltung“, mit der er diesen Gefahren und ihren politischen Auswüchsen entgegentrat, ist immer noch vorbildlich. Statt lediglich „Kunst“ abzusondern, ins Idealistisch-Unverbindliche auszuweichen oder sich mit formalistischen Experimenten zufrieden zu geben, verlor Brecht nie die konkrete gesellschaftliche Situation aus dem Auge, in der er sich jeweils befand. Doch nicht nur das. Er versuchte, diese Situation so scharf, ja so „plump“ wie nur möglich zu analysieren und daraus eine dialektisierende Sicht auf den geschichtlichen Verlauf abzuleiten, um sich auch denjenigen ver- st...

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