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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht (1919). Die „schäbigste“ Variante aller möglichen Revolutionsdramen? 19

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19 Bertolt Brecht: Trommeln in der Nacht (1919) Die „schäbigste“ Variante aller möglichen Revolutionsdramen? I Es gehört zu den landesüblichen Klischees der Geschichtsschreibung, daß die Deutschen nie imstande gewesen wären, ihre Revolutionen zu vollenden. Was sie dafür – als das „Volk der Dichter und Denker“ – hervorgebracht hätten, seien Revolutionsdramen. „Mit einer Fülle und Vielfalt, die wohl von keiner anderen Literatur übertroffen werde, seien sie ihrer Neigung zur gestalteten Idee nachgegangen und hätten stattdessen Stücke über die Revolution geschaffen“, heißt es in einem der einschlägigen Bücher dieser Art.1 1789, 1830, 1848/49, ja sogar noch 1918/19: immer wieder habe in diesem Lande, wie wir lesen, nicht der Volkswille, sondern ein obrigkeitsstaatliches Herrschaftssystem triumphiert, das sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, einschließlich denen militärischer Gewalt, den jeweiligen progressionsbetonten Gruppen entgegen- gestellt habe. Demzufolge seien die gesellschaftlichen Verhältnisse nach den gescheiterten Aufständen, Revolten oder Revolutionen in den auf sie folgenden Jahren oft noch reaktionärer als in der Zeit davor gewesen. Und so habe man in Deutschland – als Resultat dieser ideologischen Frustrationen – ein Drama nach dem anderen über gescheiterte Revolutionen geschrieben. Zu den bedeutsamsten, wenn auch höchst komplexen, wenn nicht gar widersprüchlichsten dieser Dramen gehören – nach Gerhart Hauptmanns Die Weber (1892) – zweifellos jene, die sich mit der Novemberrevolution von 1918 sowie dem aus ihr hervorgegangenen Spartakus-Aufstand in Berlin und der Münchner Roten Räterepublik von 1919 auseinandersetzten. Schließlich handelte es...

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