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«Die Toten schweigen nicht»

Brecht-Aufsätze

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Jost Hermand

Trotz mancher Diffamierungskampagnen, bei denen es vor allem um seine marxistischen Anschauungen ging, hat Brecht – im Gegensatz zu einer Reihe anderer linker Autoren – seinen Rang als einer der Klassiker der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts behaupten können. Besonders angesichts der ökonomischen Krisen der letzten Jahre sind viele seiner Themenstellungen wieder höchst aktuell geworden. Eine verstärkte Auseinandersetzung mit seinen Werken ist daher nicht nur unter literaturhistorischer, sondern auch unter gesellschaftspolitischer Perspektive so relevant wie eh und je. Dabei sollte auf keine der von ihm aufgegriffenen Fragestellungen – ob nun seine Einstellung zu Krieg und Frieden, zur bürgerlichen Klasse, zum Problem der Utopie, zum Nazifaschismus, zu einer neuen Musik, zur trostlosen Eventkultur und zur Verneinung des Tragischen – verzichtet werden. Dem versucht auch dieses Buch nachzukommen.

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Kurt Weill und andere „Brecht-Komponisten“ 27

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27 Kurt Weill und andere „Brecht-Komponisten“ Innerhalb einer dem Prinzip der subjektiven Selbstentfaltung huldigenden Gesellschaft, die angeblich „ohne Ideologie“ auskommt und dem „persönlichen Bereicherungsdrang des Einzelnen so wenige Schranken wie nur möglich entgegensetzt“, wie Ludwig Erhard um 1960 die Hauptregulative der sogenannten freien Marktwirtschaft umschrieb,1 stellt sich bei jeder Zusammenarbeit oder Sozialpartnerschaft stets die Frage des Einflusses, der Ausbeutung oder der Heuchelei, und zwar nicht nur auf materiellem, sondern auch auf geistigem Gebiet. Und da dieser Akzent auf dem Persönlichen in derartigen Gesellschaftssystemen während der letzten drei bis vier Jahrzehnte zusehends stärker geworden ist, haben alle früheren Solidaritätskonzepte, vor allem solche sozialer, aber auch künstlerischer Art, eine merkliche Bedeu- tungsverschlechterung erfahren, ja sind in den Augen zahlloser Menschen zu Unwerten abgesunken. Dieser ideologische Wandel ist auch dem Ansehen Bertolt Brechts nicht gut bekommen, den viele Anhänger der herrschenden Subjektivitätstheorien in letzter Zeit geradezu pausenlos zu entlarven oder destruieren suchten, um hinter seinen Bekenntnissen zur sozialistischen Kooperation jenen großen Egomanen Brecht bloßzustellen, der alles – ob nun Weltanschauungen, Freunde oder Frauen – in den Dienst seines Epischen Theaters gestellt, ja zum Teil unbarmherzig ausgebeutet, wenn nicht gar ausgeschlachtet habe. Im Zuge dieser Trendwende, die zeitweilig mit dem Schlagwort „Brecht- Müdigkeit“ umschrieben wurde, haben sich vor allem Antisozialisten, Feministinnen und Vertreter des Dekonstruktivismus einen unrühmlichen Namen gemacht, indem sie Brecht als einen politischen Rechthaber oder stalinistischen Tyrannen anprangerten, der – trotz vieler Lippenbekenntnisse zum Sozialismus – anderen Menschen rücksichtslos seinen...

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