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Von der Freizeitplanung zur Kulturpolitik

Eine Bilanzierung von Gewinnen und Verlusten

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Dieter Kramer

Alle Parteien versprachen in den 1960er Jahren großzügige Programme zur Freizeitplanung. Die Freizeitpädagogik wollte die Menschen vorbereiten auf die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeit beiläufig erledigt wird und freie Zeit dominiert. Dann aber zehren Krisen, Konsumwettbewerb, Globalisierung und Arbeitslosigkeit die Produktivitätsgewinne auf. Freizeitpolitik verschwindet, die für alle nutzbare Infrastruktur für Freizeit und Erholung wird zugunsten einer Kulturpolitik für die alten und neuen Bildungsschichten vernachlässigt. Verloren sind die demokratischen Dimensionen der Freizeitpolitik. Der allzu kontur- und inhaltlose Freizeitbegriff kann nicht wieder belebt werden. Interessanter ist daher die Beschäftigung mit einer neuen sozialkulturellen Strukturpolitik, bei der die Kulturpolitik sich als Teil einer demokratischen Gesellschaftspolitik neu erfindet.

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3. Die Vision einer arbeitspolaren Freizeitgesellschaft 27

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3. Die Vision einer arbeitspolaren Freizeitgesellschaft 3.1 Versprechungen des Wirtschaftwunders Politisierung und rigide Unterordnung der Freizeit unter das Ziel der Produktion arbeitsfähiger Individuen sind für die Freizeitpolitik und Freizeitpädagogik der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland nicht vor- stellbar. Zwar spielen bei Schul- und Jugendreisen politische Projekte wie die deutsch-französische Freundschaft, die Werbung für Europa oder der Antikom- munismus (bei geförderten Berlin-Reisen) eine Rolle. Auch gibt es Sympathie- Reisen mit politischer Programmatik, aber da spielt staatlicher Einfluss keine Rolle. Versuche der Boykottierung der beliebten Jugoslawien-Reisen (von de- nen ein ganz kleiner Teil auch politisch motiviert war) bleiben in den 1950er und 1960er Jahren weitgehend erfolglos. Nur für Beamte gilt zeitweise, dass sie Ostblockreisen melden oder vermeiden müssen. Nicht einmal wenn es um die ökologischen oder sozialen Folgen des Tourismus oder der Freizeitverwendung geht, mischt sich der Staat ein. Kinderpornographie wird zu Hause individuell bestraft, aber Anbieter können entsprechende Ziele auch mit einschlägiger ver- deckter Werbung ansteuern. Der Staat (das Auswärtige Amt) mischt sich nur ein, wenn es um Warnungen vor Gesundheitsrisiken, politischen Unruhen usf. bei Reisen geht. Ansonsten ist dem Staat programmatisch die Freiheit seiner Bürger wichtiger. In der Soziologie ist Freizeitforschung schon seit den 1920er Jahren ein The- ma, erst Recht aber für die Soziologie im Aufbruch der 1950er Jahre (s. Scheuch 1972, Prahl 2002, Hammerich 1978). In den Zeiten des Wirtschaftswunders entstehen ab etwa Mitte der 1950er Jahre angesichts von Automation und...

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