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«Armance» und die Ästhetik des Melodrams

Eine Untersuchung zur Verwendung und Adaption melodramatischer Strukturelemente im Romandebüt Stendhals

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Laurentius Pop

Das französische Melodram stellt die erste Form populärer Erfolgsliteratur dar und ist im Zuge der Demokratisierung der französischen Theaterlandschaft nach der Revolution entstanden. Während die Bedeutung dieser Bühnengattung für das Schaffen so namhafter Autoren wie Balzac, Hugo oder Flaubert hinreichend untersucht ist, wurde bisher dem Einfluss dieser Gattung auf Stendhal kaum Beachtung geschenkt. Die Arbeit schließt diese Forschungslücke. Dabei wird das Melodram als Prototyp populärer Literaturproduktion bestimmt. In einem ersten Schritt werden zunächst jene Stellen im Gesamtwerk Stendhals zusammengetragen, in denen sich dieser zum Melodram äußert. Bei dem zur Hauptanalyse gewählten Roman handelt es sich um das literarische Debüt des Autors, dem eine fast zwanzigjährige theoretische Beschäftigung mit der Literatur, bei der auch das Melodram eine wichtige Rolle spielte, vorausgeht. So stellt Armance diejenige Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis dar, an der sich Adaptionen und Analogien zum Melodram wie in keinem anderen Roman Stendhals nachweisen lassen.

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Vorläufiges Zwischenfazit 79

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„Le mélodrame nous a montré si souvent les brigands italiens du seizième siècle, et tant de gens en ont parlé sans les connaître, que nous en avons maintenant les idées les plus fausses.“320 „Le mélodrame“ und „maintenant“ werden gegeneinander abgesetzt: Das Melo- dram erscheint hier bereits als historische Gattung. Vorläufiges Zwischenfazit: Obwohl Stendhal das zeitgenössische französische Theater insgesamt als min- derwertig empfand321, stellte er andererseits die Vorliebe und Begeisterung des französischen Publikums für Melodramen fest. Fast immer, wenn Stendhal das Melodram erwähnt, hebt er dessen Publikumserfolg hervor. Während er die Romantik als „l’art de présenter aux peuples les œuvres littéraires qui, dans l’état actuel de leurs habitudes et de leurs croyances, sont susceptibles de leur donner le plus de plaisir possible“322 definiert, musste das Bühnenmelodram dem debütierenden Autor als eine den Zeitgeschmack bedienende Gattung erschei- nen. Indem er das Melodram sowohl auf der Bühne als auch im Roman für reali- sierbar hält und lediglich von verschiedenen Ausprägungen für unterschiedliches Publikum ein und desselben ästhetischen Codes spricht, deutet er auf die melo- dramatische Schreibweise als eine Konstante323 hin, deren Struktur nicht nur ei- ne Art Erfolgsrezept mit einfachen Mitteln bereitstellt, sondern auch das Poten- tial in sich birgt, aus der Sphäre des Populärtheaters befreit und als „mélodrame écrit en style raisonnable“ zu einer kunstvollen, die Emotionen ansprechende Gattung zu werden. Nachdem sich aus...

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