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«Armance» und die Ästhetik des Melodrams

Eine Untersuchung zur Verwendung und Adaption melodramatischer Strukturelemente im Romandebüt Stendhals

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Laurentius Pop

Das französische Melodram stellt die erste Form populärer Erfolgsliteratur dar und ist im Zuge der Demokratisierung der französischen Theaterlandschaft nach der Revolution entstanden. Während die Bedeutung dieser Bühnengattung für das Schaffen so namhafter Autoren wie Balzac, Hugo oder Flaubert hinreichend untersucht ist, wurde bisher dem Einfluss dieser Gattung auf Stendhal kaum Beachtung geschenkt. Die Arbeit schließt diese Forschungslücke. Dabei wird das Melodram als Prototyp populärer Literaturproduktion bestimmt. In einem ersten Schritt werden zunächst jene Stellen im Gesamtwerk Stendhals zusammengetragen, in denen sich dieser zum Melodram äußert. Bei dem zur Hauptanalyse gewählten Roman handelt es sich um das literarische Debüt des Autors, dem eine fast zwanzigjährige theoretische Beschäftigung mit der Literatur, bei der auch das Melodram eine wichtige Rolle spielte, vorausgeht. So stellt Armance diejenige Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis dar, an der sich Adaptionen und Analogien zum Melodram wie in keinem anderen Roman Stendhals nachweisen lassen.

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4. Werkanalyse: Armance 81

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4. Werkanalyse: Armance 4.1. Die Figuren Octave, die männliche Hauptfigur in Stendhals erstem Roman Armance (1827), wird unter Betonung seiner Jugend eingeführt. So beginnt der Roman mit den Worten „A peine âgé de vingt ans“ und wenig später fügt Mme de Malivert hin- zu: „tu es bien jeune, vingt ans et cinq jours“324. Gleichzeitig wird er als jemand vorgestellt, der sich durch ein besonders ausgeprägtes Pflichtgefühl auszeichnet. So hat Octave etwa, nach Absolvierung der „école polytechnique“, auf Wunsch seiner Eltern auf eine militärische Karriere verzichtet und befolgt, „sans balan- cer … ce qui lui semblait prescrit par le devoir“325. Was zunächst wie der pflichtbewusste Diskurs eines melodramatischen Tugendhelden klingt, wird je- doch schnell als Schutzmechanismus entlarvt. Denn Octave ist in Wahrheit von einer „mélancolie profonde“ ergriffen, die ihn in einen Zwiespalt mit seiner Umwelt treten lässt: „Peut-être quelque principe singulier, profondément empreint dans ce jeune cœur, et qui se trouvait en contradiction avec les événements de la vie réelle, tels qu’il les voyait se développer autour de lui, le portait-il à se peindre sous des images trop sombres, et sa vie à venir et ses rapports avec les hommes.“326 Der gesellschaftliche Umgang ist ihm eine große Last, die er nur mit dem Ge- danken an die Pflichterfüllung auf sich zu nehmen vermag.327 Trotz der körperli- chen Vorzüge und sozialen Privilegien, die er genießt, möchte er am liebsten zur...

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